ExklusivWie ein Heer von Beratern Wirecard unterstützte

Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München: Der Konzern war über Jahre eine Goldgrube für Berater aller Artimago images / Future Image

Wenn Kritiker Deutschland eine Beraterrepublik nennen, dann geht es meist um ausufernde Aufträge staatlicher Behörden für gutbezahlte echte oder vermeintliche Experten. Welches Ausmaß die Beschäftigung externer Fachleute auch in der Privatwirtschaft annehmen kann, zeigen jetzt interne Unterlagen im Fall des Finanzdienstleisters Wirecard.

Inzwischen ist klar, dass bei dem Konzern ein 1,9-Milliarden-Loch in der Bilanz klaffte. Stück für Stück tritt zu Tage, wie häufig es in dem Unternehmen dubios aussehende Transaktionen gab. Aber bis das ab Juni 2020 für jeden sichtbar war, setzte der Konzern nicht nur eine Reihe ehemaliger Politiker ein, die als Lobbyisten Kontakte in Regierungen in Bund und Ländern vermittelten. Er bezahlte auch Heerscharen von Anwälten und Berater, um den schönen Schein vom aufstrebenden Technologiekonzern aufrechtzuerhalten. Das zeigen interne Mails und Papiere, die der „Stern“ und Capital auswerten konnten.

Zum Beispiel die Vorgänge rund um ein Interview des damaligen Konzernchefs Markus Braun, das das „Handelsblatt“ am 4. November 2019 veröffentlichte. Die „Financial Times“ in London hatte kurz zuvor neue detaillierte Vorwürfe über mögliche betrügerische Bilanzfälschungen bei Wirecard publik gemacht und dazu auch Firmenunterlagen veröffentlicht. Die Vorwürfe seien „falsch“, konterte Braun in dem Interview. Frühere FT-Artikel hätten sich ja auch „als falsch herausgestellt“.

Ein Interview, drei PR-Berater

Wie bei solchen Wortlautinterviews üblich, durfte der Konzern den Interviewtext autorisieren – und daran waren in diesem Fall sage und schreibe drei PR-Beraterfirmen beteiligt. Das „Feedback von Dirk Große-Leege, WMP, Hering Schuppener“ sei „bereits eingepflegt“, schrieb ein Mitarbeiter am 31. Oktober 2019 an den damaligen Wirecard-Finanzvorstand Alexander von Knoop.

Große-Leege war mal Konzernsprecher bei der Deutschen Bahn und bei Volkswagen, bevor er sich als PR-Berater selbstständig machte. Die umstrittene PR-Agentur WMP half Wirecard – wie der „Stern“ vor zehn Tagen publik machte – bis Anfang 2020 bei der Pressearbeit, offenbar auch in der Person ihres damaligen Chefs Michael Inacker. Und Hering Schuppener – ebenfalls eine PR- und Lobbyagentur – beriet seit März 2019 zunächst den Aufsichtsrat von Wirecard. Ausweislich einer Mail ging es um „Krisenkommunikation“ – etwas, was Hering Schuppener nach eigenen Angaben schon für VW im Dieselskandal geliefert hatte.

Im Zusammenhang mit der Wirecard-Hauptversammlung im Frühjahr 2019 hatte ein Partner aus der Agentur offenbar auch Konzernchef Braun beraten. Jedenfalls schickte er einer Kommunikationsfrau von Wirecard im Juni 2019 eine Mail, in der er es „sehr schade“  fand, „dass Sie aktuell keine weitere Zusammenarbeit mehr mit uns wünschen“.

Ab Mitte November 2019 kam es dann aber offenbar zu einer Zuarbeit für den Konzernvorstand. Hering Schuppener sollte da bei der Vorbereitung für ein Interview des Finanzchefs von Knoop helfen, bei dem eine Wirecard-Kollegin auf dessen „ehrliche authentische Art“ setzte. Diese werde „bei den Medien gut ankommen“.

Schon kurz darauf war es mit der Zusammenarbeit zwischen Hering Schuppener und Wirecard allerdings wieder vorbei. Nachdem die FT am 11. Dezember 2019 über die Bespitzelung von Wirecard-Kritikern und geplante Aktionen zur Überwachung von Journalisten in London berichtet hatte, verlangte Hering Schuppener „innerhalb von 24 Stunden eine eidesstattliche Erklärung der Wirecard AG“, wonach das Unternehmen „die von der FT berichteten Beschattungen weder beauftragt, bezahlt, noch daraus die Ergebnisse bezogen hat“. Diese Erklärung lieferte das Unternehmen nicht. Hering Schuppener kündigte daraufhin – „mit sofortiger Wirkung“.

Das war ein für die Branche ein selten ehrbarer Schritt – auch wenn zwei Agentur-Männer am Tag nach der Kündigung Braun noch ein Konzept für mehr Erfolg auf Twitter hinterherschickte, das „gezieltes Antworten auf einzelne Tweets und Retweeten“ anderer Tweets empfahl, um mehr „Persönlichkeit“ zu zeigen. Man habe „das Mandat frühzeitig niedergelegt und von jeglicher weiterer Begleitung Abstand genommen“, bestätigte auf Anfrage von „Stern“ und Capital ein Sprecher der Firma Finsbury Glover Hering, in der Hering Schuppener in der Zwischenzeit aufgegangen ist.

„Ich bin jederzeit verfügbar“

Andere Vertreter der Beratungs- und Anwaltsszene zeigten sich da weniger wählerisch. Noch Anfang 2020 heuerte die PR-Agentur Edelman bei Wirecard an, die recht bald dann auch den früheren „Bild“-Chefredakteur und heutigen Mitinhaber der Agentur Storymachine Kai Diekmann für die Interessen des Konzerns einspannte. „Sie haben meine Handy-Nummer – wann immer Sie etwas auf dem Herzen haben sollten, bin ich jederzeit verfügbar“, flötete Diekmann in einer Mail an den Wirecard-Chef Braun am 20. Januar 2020. Der mit Edelman verbundene Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg legte sich noch im März 2020 öffentlich zumindest indirekt für die Interessen des Konzerns ins Zeug. In einem Gastbeitrag in der „FAZ“ trommelte er mit dem Hinweis auf die Corona-Krise für Beschränkungen von Leerverkäufen – ein Schritt, der Wirecard bereits Anfang 2019 nach kritischen FT-Berichten aus der Patsche geholfen hatte.

Aus Sicht des Linken-Finanzexperten Fabio De Masi zeigt nun das Verhalten von Hering und Schuppener, „dass man nicht jeden Dreck mitmachen muss“. Der Fall Wirecard sei „auch ein PR- und Medienskandal wie die devoten Dienste von Diekmann und WMP zeigen“. Auch Danyal Bayaz, der für die Grünen im Wirecard-Untersuchungsausschuss sitzt, hebt das Beispiel von Hering Schuppener hervor: „Verantwortungsbewusstes Handeln wurden hier offenbar höher gewichtet als der Profit aus einem Engagement für den Kunden Wirecard. Leider war das eine Ausnahme und nicht die Regel.“

Mindestens bis Januar 2020 war auch die bekannte Presserechtskanzlei Schertz Bergmann für Wirecard tätig – zeitweise als eine von insgesamt sieben Anwaltsfirmen auf der Payroll von Wirecard, die von der internationalen Großkanzlei Jones Day bis zu der Münchner Sozietät des früheren bayerischen Landesministers Peter Gauweiler (CSU) reichte. In Deutschland riet der PR-Berater Große-Leege im März 2017 dazu, anstelle des Hamburger Presserechtlers Matthias Prinz auf die Firma von Christian Schertz zu setzen. Und so kam es, dass sich ein Schertz-Mitarbeiter im April 2017 gegenüber Wirecard berühmte, dass man im Fall eines Stücks des Manager-Magazins (MM) das „Ziel erreicht“ habe, für einen „möglichst weichen und belanglosen Beitrag“ zu sorgen. Deshalb lohne auch keine Klage. „Wenn man was dagegen machen kann, sollten wir mm vor den Bug schießen – als Hobby-Jurist sehe ich da noch nichts“, schrieb zuvor Große-Leege.

Im November 2017 wiederum riet der Schertz-Anwalt im Fall einer NDR-Recherche, „nicht auf die Fragen im Einzelnen einzugehen“ und stattdessen „durch ein presserechtliches Informationsschreiben“ zu reagieren – ein bei Schertz beliebtes Mittel, um Vorwürfe pauschal zurückzuweisen. So sorge man dafür, „dass möglichst zurückhaltend und ‚soft‘ berichtet wird“, setzte der Anwalt hinzu.