KolumneAufschwung in Gefahr?

Audi Fahrzeuge des Volkswagen Konzerns werden im Hafen von Emden verschifft
Audi Fahrzeuge des Volkswagen Konzerns werden im Hafen von Emden verschifft dpa

Nach einem Höhenflug im Jahr 2017 hat sich das Geschäftsklima in Deutschland in den vergangenen Monaten etwas eingetrübt. Bisher spricht zum Glück wenig dafür, dass uns mehr als eine der üblichen Konjunkturdellen droht. Sofern nicht Donald Trump oder Matteo Salvini komplett ausrasten, können wir uns noch auf zwei bis drei Jahre satten Wachstums freuen, bevor es dann irgendwann tatsächlich mal wieder abwärts geht.

In der gesamten westlichen Welt ist derzeit kein echter wirtschaftlicher Grund für einen Abschwung zu erkennen. Der Wiederaufschwung nach der Mega-Rezession von 2008/2009 ist zwar bereits neun Jahre alt. Aber Rezessionen richten sich nicht nach einem festen Rhythmus. Sie brechen dann über uns herein, wenn es Übertreibungen zu korrigieren gibt. Da sich Unternehmen und Haushalte, Banken und Investoren im Nachgang der großen Finanz- und Wirtschaftskrise aber weit vorsichtiger verhalten als früher, haben sich im Aufschwung ohne Überschwang noch keine neuen Exzesse aufgebaut, die durch eine Rezession bereinigt werden müssten. Auf beiden Seiten des Atlantiks halten sich Kreditwachstum und Lohndruck in Grenzen. Unternehmen haben keine nennenswerten Überkapazitäten aufgebaut. Die rein konjunkturelle Dynamik spricht für anhaltendes Wachstum, bis dann vielleicht etwa im Jahr 2021 die Lohninflation in den USA so sehr angezogen hat, dass die Fed energisch auf die Bremse treten muss, statt nur mit Trippelschritten den aktuellen Fiskalstimulus abzufedern.


source: tradingeconomics.com

Kurzfristig kann der Anstieg der Ölpreise uns etwas belasten. Die deutsche Inflationsrate dürfte im Juli und August auf leicht über zwei Prozent anziehen, bevor sie sich dann wieder normalisiert. Da die höheren Preise für Benzin und Heizöl den Verbrauchern weniger Geld für andere Ausgaben lassen, dämpft das kurzzeitig den Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage um etwa 0,2 Prozentpunkte. Das können wir problemlos verschmerzen. Sofern nicht Saudi-Arabien und der Iran sich gegenseitig die Ölanlagen bombardieren, dürfte ein wachsendes Ölangebot aus den USA und Saudi-Arabien spätestens im Herbst wieder für einen etwas rückläufigen Ölpreis sorgen.

Wie weit treibt es Trump?

Ein wesentlich größeres Risiko geht von Donald Trumps aggressiver Handelspolitik aus. Wenn er tatsächlich immer neue Strafen gegen immer mehr Länder ankündigt und einführt, könnte die Weltkonjunktur kippen. Denn Angst essen Aufschwung auf, wie man in Anlehnung an einen alten Filmtitel sagen könnte. Die Furcht vor einem Handelskrieg belastet die Stimmung und Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Deshalb wird es der Konjunktur in den kommenden Monaten etwas an Schwung mangeln.

Aber wie weit treibt es Trump? Er selbst hält sich ja für den Meister des „Deals“. Deshalb sehen wir eine große Chance, dass er letztlich mit China und Europa neue Handelsverträge aushandeln will. Weitgehend unabhängig davon, wie genau diese Deals dann aussehen, dürften sie die grassierende Unsicherheit über die Zukunft des Handels eingrenzen. Dann kann die Angst weichen, Geschäftsklima und Konjunktur können sich erholen. Zudem ist es möglich, dass wir uns auch ohne einen Deal schlicht an den Trump’schen Lärm gewöhnen. Schließlich können wir mit ein paar neuen Handelshemmnissen durchaus zurechtkommen. Auch dann kann die Konjunktur im Herbst wieder etwas Fahrt aufnehmen. Nur wenn Trump mit immer wilderen Drohungen die Ängste immer weiter schürt und tatsächlich Handelsschranken in Serie einführt, könnte aus der kurzzeitigen Konjunkturdelle in Deutschland und Europa ein längerfristiges Wachstumsproblem werden.

Allerdings braut sich auch in Europa gerade etwas zusammen. In Italien übernimmt die Horrorkoalition der Radikalen aller Couleur die Macht. Ihr Regierungsprogramm aus mehr Ausgaben, weniger Steuern und einem früheren Renteneintrittsalter liest sich wie eine Liste unerfüllbarer Träume. Auch wenn sich die Radikalen von früheren Forderungen nach einem Referendum über einen Euro-Austritt verabschiedet haben, kann es bei einem eklatanten Bruch der Euro-Fiskalregeln schnell zum lautstarken Streit zwischen Rom und Brüssel kommen. In solch einem Schlagabtausch könnten die Radikalen in Rom dann vielleicht doch auf die Idee kommen, sich lieber vom Euro zu verabschieden, als sich dessen Regeln zu unterwerfen. Ein chaotischer Euro-Austritt Italiens würde auch unsere Konjunktur für einige Zeit erheblich beeinträchtigen.

Italien wird zum Risikofaktor

Dieses Szenario müssen wir leider durchaus ernst nehmen. Zum Glück hält sich das Risiko einer großen italienischen Krise, die auch Deutschland in Mitleidenschaft ziehen könnte, vorerst in Grenzen. Gerade in Rom wird kaum etwas so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Das schwerfällige politische System mit zwei gleichberechtigten Kammern des Parlaments hat schon den Reformer Matteo Renzi ausgebremst. Jetzt dürfte es den unter sich zerstrittenen Radikalen der Fünf Sterne und der Lega um Matteo Salvini schwer machen, ihre unsinnigen Pläne voll umzusetzen. Auch Italiens vernünftiger Präsident Sergio Mattarella sowie das Verfassungsgericht können eine Regierung in die Schranken weisen. Schließlich schreibt die Verfassung vor, dass der Staatshaushalt nur in Ausnahmefällen ein Defizit aufweisen darf. Allzu teure Gesetze könnten also auch bei der üblichen weichen Interpretation dieser Klausel schlicht verfassungswidrig sein.

Wir rechnen deshalb damit, dass das italienische Staatsdefizit vorläufig nicht so ausufert, dass es die Währungsunion nachhaltig erschüttert. Zudem hat der Euroraum mittlerweile einige wirksame Instrumente, um Ansteckungsgefahren zu begegnen. Eine Neuauflage der Eurokrise, die 2011 und 2012 den deutschen Aufschwung unterbrochen hatte, bleibt unwahrscheinlich. Dass Italien sich mit einer Abkehr vom Reformkurs langfristig selbst schweren Schaden zufügen dürfte, steht auf einem anderen Blatt.

Trotz mancher Risiken bleibt der wirtschaftliche Ausblick deshalb insgesamt positiv. Nach einer Delle jetzt kann die Konjunktur in Deutschland und der Eurozone in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas mehr Schwung gewinnen.