ItalienMatteo Salvini: ein Populist, kurz vor der Machtergreifung

Siegerpose: Matteo Salvini Mitte Mai in Rom nach dem Auftrag zur RegierungsbildungGettyImages

Als die Märkte angesichts der sich abzeichnenden neuen Regierung aus Populisten und Euroskeptikern zu zittern begannen, griff Matteo Salvini zu seiner politischen Lieblingswaffe. Er zückte sein Smartphone und drehte ein Facebook-Live-Video, das eine Flut von Verachtung und Trotz auslöste und fast 1,5 Millionen Zuschauer anziehen solllte. Der Chef der italienischen Lega warnte, dass jede „Beleidigung“, „Drohung“ und „Erpressung“ durch die globale Finanzwelt und die EU-Bürokraten ihn nur noch mehr Auftrieb geben würden.

„Es gibt Bedenken in Europa, es gibt Bedenken in Washington, es gibt Bedenken in Berlin, es gibt Bedenken in Paris“, sagte er. „Wenn sie besorgt sind, bedeutet das, dass wir etwas richtig machen.“

Italiens Parlamentswahlen im März markierten den größten politischen Umbruch seit einer Generation. Die Wähler rebellierten gegen traditionelle, zentristische Pro-Europa-Parteien und lieferten zwei aufständische Sieger, die noch als Rivalen Wahlkampf führten. Eine davon ist die von dem 31-jährigen Neapolitaner Luigi Di Maio geführte Anti-System-Bewegung Fünf Sterne. Die andere ist die Rechtsaußen-Partei Lega Nord unter der Führung von Salvini, einem 45-jährigen Mailänder Karrierepolitiker, der T-Shirts, Sweatshirts und Puffa-Jacken eleganten Anzügen und Mänteln vorzieht. Nach Wochen der Unsicherheit besiegelten die beiden Parteien am Freitag einen Koalitionsvertrag, um zu regieren.

Damit ist Salvini der Senkrechtstarter der italienischen Rechten. In Umfragen vor der Wahl lag die Lega bei etwa 14 Prozent der Stimmen. Bei der Wahl gewann sie 17 Prozent. Im Monat Mai stieg die Unterstützung für die Partei sogar deutlich über 20 Prozent.

Mit 17 in der Partei, mit 20 Jahren Stadtrat

Als Spross einer komfortablen Mittelklasse-Familie in Mailand hatte Salvini schon früh Sympathie für politische Randgruppen entwickelt. Mit 17 Jahren trat er der Lega Nord bei, als die noch eine kleine sezessionistische Partei im Mailänder Umland war, die Rom die Steuerautonomie abringen wollte – als erster Schritt in Richtung Unabhängigkeit vom Staat Italien. Er war häufiger Besucher des berüchtigten Leoncavallo, einem Mailänder Kulturzentrum und Brutstätte linksradikaler Politik. Später bestand Salvini darauf, dass er dort nur „plauderte, Bier trank und Musik hörte“.

Nach dem Abitur startete er im Studiengang Politik, bevor er in die Geschichtswissenschaft wechselte. Er hat sein Universitätsstudium jedoch nicht abgeschlossen und strebte nie eine Vollzeitbeschäftigung an. Politik war seine Leidenschaft, und mit gerade 20 Jahren wurde er Stadtrat in Mailand, wo er den kommunistischen Flügel seiner Partei vertrat.

Der große Durchbruch kam 1997, als ihm die Führung von Radio Padania, dem offiziellen Radiosender der Partei, angetragen wurde. „Dort perfektionierte er seine Kommunikationsfähigkeit“, sagt Alessandro Franzi, Mitautor des E-Books „The Militant“. „Die Idee war, den Bürgern das Mikrofon als Mittel der Beschwerde zu öffnen. Das verlieh den gleichen Leuten eine Stimme, die er heute auf Facebook anspricht.“

Einen entscheidenden Unterschied gibt es jedoch zwischen damals und heute. Zu der Zeit richtete sich der Zorn Salvinis nicht gegen Brüssel, sondern gegen die eigene Hauptstadt und die Süditaliener: Sie waren nach Ansicht der Lega Quell aller Korruption und Kriminalität, die den Wohlstand der hart arbeitenden Norditaliener bedrohten. Eine seiner Sendungen hieß „Mai dire Italia“ (Sage nie Italien). Im Jahr 1999 weigerte sich Salvini, Präsident Carlo Azeglio Ciampi die Hand zu geben, mit den Worten: „Nein danke, Doktor. Sie vertreten mich nicht.“ 2011 boykottierte er die 150-Jahr-Feiern der italienischen Einheit und trug seinen Schreibtisch vor das Mailänder Rathaus, um zu zeigen, dass er stattdessen arbeitete.

Aufstieg aus dem Abstieg heraus

Als Rezession und Schuldenkrise Italien trafen, verlor die Lega drastisch an Unterstützung. Im Jahr 2013 kam die Partei bei den Parlamentswahlen noch auf vier Prozent. Salvini wurde Vorsitzender und gab der Liga nur Überlebenschancen, wenn sie sich in eine traditionelle rechtsextreme nationalistische Partei verwandeln würde.

Er ließ von den Angriffen auf Süditaliener ab und lenkte seine Verachtung auf das Ziel Europa. Mehr und mehr suchte er die Verbindung mit Marine Le Pen in Frankreich und Russlands Präsident Wladimir Putin. Die Flüchtlingskrise, in der es in den vergangenen vier Jahren mehr als 600.000 Menschen über das Mittelmeer in die italienischen Häfen schafften, hat Salvinis Aufstieg beschleunigt. Mit permanenten Tiraden fremdenfeindlicher Rhetorik gab er der wachsenden Unzufriedenheit mit den Neuankömmlingen eine Stimme.

Unabhängig von seinen Positionen liegt das Geheimnis seiner Anziehungskraft darin, dass er die Wähler zu überzeugen vermag, ihren Schmerz so wie sie zu empfinden. „Er ist äußerst einfach gestrickt; er sagt, was er denkt,“ sagt Marco Zanni, ein italienischer Europaabgeordneter der Lega. „Er liebt es, mit Menschen zu sein. Die traditionellen Mechanismen der Politik kümmern ihn genauso wenig wie Geld, schöne Autos oder prächtige Häuser.“

Obwohl Salvini noch weiterpolterte, während die Verhandlungen der Koalitionäre schon den Höhepunkt erreichten, sagen Leute ihm nach, privat weit weniger agressiv zu sein. Giulio Sapelli, ein früherer Professor, beschrieb ihn nach einer kürzlichen Begegnung als „ruhig, aber sehr verantwortungsbewusst“. Ein Diplomat berichtete nach einem Treffen mit dem US-Botschafter in Rom, Lewis Eisenberg, von einem relativ stillen Salvini – da Giancarlo Giorgetti, sein Spitzenberater, das Gespräch geführt habe.

Auf der öffentlichen Bühne drischt Salvini derweil weiter lautstark und hemdsärmelig auf seine bevorzugten Feindbilder und am liebsten auf die EU ein. „Er bedient die Logik des politischen Spektakels, in dem ein Feind gebraucht wird“, sagt die Sozialpolitikerin Sara Bentivegna. „Und Europa wird nun einmal als Ursache unseres Leids betrachtet.“

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