Exklusiv6,1 Mrd. Euro in sechs Monaten: Geldflut für Start-ups

Das Berliner Start-up Gorrilas ist auf der Suche nach einer 1 Mrd. Dollar.PR


Es ist noch gar nicht so lange her, da erhielten alle deutsche Start-ups zusammen 1,7 Mrd. Euro an Funding in einem ganzen Jahr. 2016 war das. Fünf Jahre später haben sich die Größenordnungen verschoben: Heute ist das eine Summe, die in gerade einmal zwei Firmen fließt. So warb der Software-Anbieter Celonis kürzlich 1 Mrd. Dollar bei Geldgebern ein und der gehypte Lieferdienst Gorrilas ist zurzeit ebenfalls auf der Suche nach einer Milliarde. Die Berliner Firma, erst vor einem Jahr gegründet, dürfte diesen ungewöhnlich hohen Betrag ohne große Probleme zusammenbekommen, denn nie war das Klima  für solche Finanzierungen günstiger.

Der Funding-Boom schlägt sich in den Zahlen nieder: Seit Beginn des Jahres haben deutsche Start-ups in Summe 6,5 Mrd. Euro eingesammelt, wie aus einer Auswertung des Analysedienstes PitchBook für Capital hervorgeht. Das ist ungefähr so viel, wie im gesamten Jahr 2020 in junge Firmen geflossen ist. Vor allem internationale Venture-Capital-Firmen wie Tiger Global und Softbank drängen auf den deutschen Markt. „Die Wagniskapitalgeber haben sich daran gewöhnt, Gründer zu finanzieren, die sie nur per Zoom kennengelernt haben“, sagt Christian Saller, der mit HV Capital (ehemals Holtzbrinck Ventures) einen großen Fonds managt.

Die renommierten Fonds stürzen sich dabei vor allem auf Software-Unternehmen. Im Bereich der Finanztechnologie und bei Reise-Start-ups erwarten Branchenkenner aber ebenfalls weitere große Investments. Es sind vor allem die Segmente, die sie aus anderen Märkten kennen und verstehen. So erhielt das Berliner Start-up Trade Republic, das  Aktienhandel per App ermöglicht, kürzlich viele Millionen. Neu eingestiegen ist der berühmte US-Geldgeber Sequoia, der das Geschäft gut kennt – er ist beim Trade-Republic-Vorbild Robinhood in den USA auch investiert. Mit einem guten Börsenmarkt und den sogenannten Spacs als potentiellen Käufer gibt es weitere Exit-Möglichkeiten für die Start-up-Investoren, das heizt die Stimmung zusätzlich auf.

„Menge an Geld“ verhindert Pleiten

Die neue Capital ist im Handel

Die Geldflut hat derweil auch Folgen für den Rest der Branche – abseits der aufsehenerregenden Finanzierungsrunden. Denn dadurch, dass die Top-Unternehmen die großen Fundings erhalten, müssen sich andere Geldgeber weiter umschauen. Auf diesem Wege erhalten Start-ups Geld, die früher keine Folgefinanzierung erhalten hätten, das berichten Wagniskapitalgeber. Auch Insolvenzverwalter Torsten Martini, der einige Insolvenzen von Start-ups in Berlin begleitet hat, beobachtet das: „Eine Zeit lang war der Grund sicherlich die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht.“ Nun sei die „Menge an Geld“ verantwortlich, dass so gut wie keine Start-up-Pleiten zu beobachten seien.

Viele Investoren müssen zudem ihr Investmenttempo erhöhen, um gegen den internationalen Wettbewerb Bestand zu haben. Selbst negative Nachrichten können den Run nicht beenden. „Bei dem Wework-Desaster ging noch ein Aufschrei durch die Branche, die News zu Katerra sind fast untergegangen“, sagt Saller. Beide Unternehmen wurden durch den schillernden Geldgeber Softbank finanziert und stürzten trotz Milliarden-Fundings in eine Krise. „Ich glaube, wir werden Ausfälle in den kommenden Monaten sehen, aber das ist Teil des Geschäfts – ich beobachte keine Blase“, ist sich Saller sicher.

Auffällig ist derweil, dass bei den großen Investitionsrunden Gründerinnen leer ausgegangen sind. Sowohl die Gründerszene wie auch der Investorenkreis ist in Deutschland nach wie vor sehr männlich geprägt. 96 Prozent der Wagniskapitalfirmen werden ausschließlich von Männern geführt, und die scheinen vorwiegend Männer zu finanzieren. Das will ein Netzwerk von über 50 Frauen ändern, die Mitte Juni unter dem Namen Encourageventure starten. Zu den Unterstützerinnen zählen etwa Douglas-Chefin Tina Müller, Facebook-Europa-Chefin Angelika Gifford, DB-Cargo-Chefin Sigrid Nikutta, Fintech-Expertin Miriam Wohlfarth und die ehemalige Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries.

Neuer Fonds soll Gründerinnen fördern

Sie wollen Frauen zur Unternehmensgründung ermutigen, heißt es in der Erklärung zur Gründung des Netzwerks „und bis zum Börsengang begleiten“. Neben Knowhow und Kontakten soll deshalb künftig auch Kapital zur Verfügung gestellt werden. Dazu wird Encourageventure einen ausschließlich von Frauen geförderten Fonds gründen, der mit 100 bis 200 Mio. Euro ausgestattet werden soll. Den Fonds wird die junge Venture-Capital-Gesellschaft Auxxo managen. Es steht den bislang gut 50 Unterstützerinnen des Netzwerks offen, sich daran finanziell zu beteiligen.

Wie groß das Engagement einzelner Gründungsmitglieder ist, teilte das Netzwerk auf Anfrage nicht mit. Einige der Investorinnen, die sich dem Netzwerk angeschlossen haben, hätten in der Vergangenheit bereits mehrfach siebenstellige Summen investiert, teilte eine Sprecherin mit. „Das Netzwerk geht davon aus, dass jede Frau, die dem Investorinnen-Netzwerk beitritt, Interesse daran hat, Investments in Start-ups zu tätigen.“

Mitgründerin und Co-Vorsitzende von Encourageventure ist die ehemalige SAP-Managerin Ina Schlie, die sich selbst Anfang des Jahres an einer ausschließlich von Frauen getragenen Finanzierungsrunde des HR-Tech-Startups Tandemploy beteiligt hatte. So entstand die Idee für ein Netzwerk und den Fonds, der weiteren Frauen zugute kommen soll. Aber nicht nur das: Voraussetzung für eine Bewerbung ist lediglich, dass mindestens eine Frau an der Gründung des Startups beteiligt ist.

Vier junge Unternehmen werden bereits von Encourageventure unterstützt: die digitale Personalentwicklungsplattform Deep Skill, die Controlling-Software Simuli, die Kopfhörerdesignfirma Nova sowie das Finance-Start-up FinMarie. Welches der vier Unternehmen neben Coaching auch Zusagen für Investments bekommen hat, teilten die Initiatorinnen bislang nicht mit.


Erschienen in Capital 7/21. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay