Software-Start-upCelonis wird mit Milliarden-Investment zum „Decacorn“

Blick ins New Yorker Celonis-BüroPR

Rekordstimmung in der deutschen Start-up-Szene: Erst gestern verkündete das Insurtech Wefox eine Finanzierungsrunde über gewaltige 650 Mio. Dollar, mit der das Berliner Unternehmen seine Bewertung auf 3 Mrd. Dollar steigern konnte. Was nun aus München bekannt wird, stellt diese Summen jedoch noch einmal in den Schatten: Das Software-Start-up Celonis nimmt 1 Mrd. Dollar auf, mit der Series-D-Finanzierungsrunde erhöht sich die Unternehmensbewertung auf 11 Mrd. Dollar.

Beides sind Rekordwerte: Nie hat ein deutsches Start-up eine höhere Finanzierung bekommen, nie war ein nicht börsengelistetes Start-up in Deutschland höher bewertet. Celonis ist nun in den exklusiven Kreis der sogenannten „Decacorns“ aufgestiegen – dazu zählen privat gehaltene Unternehmen, die Investoren mit mindestens 10 Mrd. Dollar bewerten.

Das ist zum einen Ausdruck einer Zeit, in der so viel Risikokapital fließt wie nie zuvor. In der Niedrigzinsära sind die Fonds der Investoren derart prall gefüllt, dass sie auch Wachstumsfirmen finanzieren können, die in früheren Zeiten längst an die Börse gegangen wären.

Zum anderen ist es aber auch die Bestätigung der Strategie des Gründertrios Alexander Rinke, Martin Klenk und Bastian Nominacher. Die drei ehemaligen Studenten der TU München haben Celonis 2011 gegründet. Mit der Software zur Prozessmodellierung für Firmen traf das Start-up den Nerv seiner Kunden. Über die Jahre wuchs Celonis auf heute 1.300 Mitarbeiter, mit großen Standorten in München und New York. Im Geschäftsjahr 2019/20 erwirtschaftete die Firma mehr als 100 Mio. Dollar. Man wachse Jahr für Jahr „im dreistelligen Bereich“, heißt es aktuell. Mehr als 2.000 Unternehmenskunden arbeiten mit der Celonis-Software, darunter BMW, Bosch, Deutsche Bank, Lufthansa oder Siemens.

Fehler beseitigen, nicht nur erkennen

Das Programm von Celonis setzt sich dabei auf die IT-Systeme eines Unternehmens, saugt alle verfügbaren Daten ab und rekonstruiert daraus sämtliche Prozesse, die in der Firma stattfinden. Process Mining wird das genannt. Aus der grafischen Aufbereitung können Manager ständig erfahren, wo Abläufe ineffizient sind, wo Zeit verloren geht und wo tatsächliche Prozesse nicht wie gedacht funktionieren. Siemens etwa durchleuchtet mit Celonis Einkauf, Bestelllogistik, Produktion, Auftragsabwicklung und Kundenbelieferung und hat dadurch nach eigener Aussage einen zweistelligen Millionenbetrag gespart. Die Deutsche Bank will bis 2022 mit der Software 40 Prozesse optimieren und dabei Einsparungen von mehr als 60 Mio. Euro erreichen.

In vielen Branchen schrumpfen die Margen, aber Einsparpotenziale scheinen ausgeschöpft – die meisten Firmen haben schon bis zum Anschlag outgesourct, zentralisiert und konsolidiert. Dazu kommen ständig wachsende Kundenerwartungen. Celonis verspricht sinkende Kosten bei steigender Kundenzufriedenheit.

Vor einem halben Jahr ergänzte Celonis sein Softwarepaket um ein wichtiges Feature: Mit dem Execution Management System, kurz EMS, werden nicht nur Fehler und Ineffizienzen aufgezeigt – sie sollen sich auch beseitigen lassen. EMS sei bei den Kunden „seit dem Launch im Oktober unglaublich stark eingeschlagen“, sagt Mitgründer und Co-CEO Bastian Nominacher im Gespräch mit Capital. „Und wenn man so gutes Feedback bekommt, weiß man, dass man weiter investieren muss. Das ist ein Grund für die Finanzierungsrunde. Wir wollen jetzt die Marktabdeckung erhöhen.“

Das Geld bekommt Celonis von großen US-Investoren: Angeführt wird die Runde von Durable Capital Partners und T. Rowe Price, dazu kommen weitere Geldgeber wie Franklin Templeton. In den bisherigen drei Finanzierungsrunden seit 2016 hatte Celonis insgesamt knapp 370 Mio. Dollar von Risikokapitalgebern bekommen. In den ersten fünf Jahren seines Bestehens kam das Start-up gänzlich ohne Investorengelder aus.

Ein mühsamer Weg

Angefangen hat die Geschichte von Celonis im Jahr 2010. Für eine studentische Unternehmensberatung sollten die drei Gründer den IT-Support des Bayerischen Rundfunks auf Effizienz trimmen. Die Studenten, die noch nie in den Strukturen einer großen Organisation gearbeitet hatten, entdeckten mit Erstaunen, dass die Angestellten sehr unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie Prozesse in ihrer Einheit ablaufen. Am ehrlichsten, erkannten die Gründer, waren am Ende die Daten. Denn im IT-System wurde ständig protokolliert, wie und wann ein Serviceticket bearbeitet oder geschlossen wurde.

Mithilfe eines Algorithmus erstellten sie aus den Daten einen digitalen Zwilling der Abläufe – und konnten damit zeigen, wo etwas verändert werden musste. Das Ergebnis: Die Durchlaufzeit der Service-Tickets sank von fünf Tagen auf einen. Wenn es eine solche Software am Markt gäbe, versprach ihnen der IT-Leiter – dann würde er sie kaufen.

2011 gründeten Rinke, Nominacher und Klenk die Firma Celonis. Sie suchten durchaus nach Geldgebern, aber ohne Erfolg. Im Nachhinein sei das ein Glücksfall gewesen, sagte Rinke vor einigen Jahren im Capital-Interview: „Wenn ich ein Unternehmen aufbaue und nicht zehn Millionen von Investoren habe, dann ist der Fokus ganz klar: Kunden.“ Irgendwo musste das Geld ja herkommen, also wurde von Tag eins auf Umsätze hingearbeitet.

Doch der Vertrieb war, vor allem am Anfang, ein mühseliges Unterfangen. Häufig dauerte es Wochen, Monate, manchmal Jahre, bis ein Deal stand. Die Gründer versuchten alles Mögliche. Einmal schrieben sie per Hand 2.000 Briefe an potenzielle Kunden, in der Hoffnung, dass die eher gelesen würden. Sie fuhren in einem Jahr 80.000 Kilometer durch Deutschland. Und einmal wagte Alexander Rinke einen Überfall.

Besonderes Verhältnis zur SAP

Als Rinke zu Ohren kam, dass der SAP-Gründer Hasso Plattner 2013 beim Neujahrsempfang des Golfclubs am Berliner Wannsee auftreten sollte, wartete Rinke Stunden vor dem VIP-Bereich. Als Plattner endlich herauskam, drückte er ihm ein paar Folien in die Hand und erklärte die Idee. Es klappte: Der SAP-Vordenker vermittelte einen Kontakt, Celonis wurde in ein Start-up-Programm des Konzerns aufgenommen und später von dem Softwaregiganten aus Walldorf vertrieben.

Natürlich ist die SAP noch immer viel, viel größer als Celonis. Und trotzdem wird das Start-up von dem Dax-Konzern inzwischen als echte Konkurrenz wahrgenommen. Das stellt nicht zuletzt eine ziemlich teure Übernahme unter Beweis: Anfang des Jahres kaufte SAP die Potsdamer Softwarefirma Signavio, die sich ebenfalls auf Process Mining spezialisiert hat, für knapp 1 Mrd. Euro. Ein stolzer Preis für die 2009 gegründete Firma, die 2019 weniger als 30 Mio. Euro umsetzte und über die es im Celonis-Umfeld heißt, ihr Produkt sei längst nicht so ausgereift und sie gehöre mit ihrem Marktanteil nicht einmal zu den Top 10 der Branche. SAP setzt trotzdem große Stücke auf Signavio – zusammen mit einer bestehenden Konzernabteilung solle daraus eine zentrale Zukunftseinheit der SAP werden, erklärten Gründer Gero Decker und SAP-Manager Rouven Morato jüngst im „Handelsblatt“.

Über die Konkurrenz aus Walldorf sagte Rinke einmal zu Capital, der Konzern sei „weiter extrem innovativ“, die Idee für Process-Mining-Software sei ihnen aber durch die Lappen gegangen. „Als kleines Unternehmen am Anfang hat man immer den Vorteil, dass man frei ist von sämtlichen Bestandsproblemen.“

Investoren standen Schlange

Celonis hat dafür andere Herausforderungen. Zum Beispiel will das Unternehmen sein Netzwerk in die Führungsetagen der globalen Konzerne weiter ausbauen. Dafür hat es sich seine neuen Geldgeber ganz gezielt ausgesucht – was ging, weil die Geldgeber bei Celonis für die Finanzierungsrunde Schlange standen. Fünffach überzeichnet sei das Investment gewesen, heißt es. „Wir haben eine ganz große Nachfrage gesehen“, sagt Nominacher. „Das haben wir bewusst genutzt, um die richtigen Partner an Bord zu bringen.“ Zum Track Record der neuen Investoren gehören Beteiligungen an Software-Erfolgsgeschichten wie Service Now und Salesforce. „Man kann nie genug Netzwerk haben“, sagt Nominacher. Eigentlich gehe es um ganz ähnliche Hilfestellungen wie in den Anfangstagen der Firma. „Als wir zu dritt bei mir in der Wohnung saßen, hatten wir auch Mentoren. Jetzt gibt es natürlich andere Herausforderungen für uns.“

Die größte, sagt Nominacher, sei „Awareness für unsere Technologie zu schaffen“. Denn noch immer liege ein großer Teil der Wegstrecke vor Celonis: „Weniger als ein Prozent unseres potenziellen Markts ist erschlossen.“ Ob ein Börsengang in naher Zukunft zu den nächsten Schritten der Firma gehört, lässt der Gründer offen. „Ein IPO kann definitiv zu bestimmter Zeit ein relevanter Schritt sein“, sagt Nominacher. „Aber wir haben da keine fixe Zeitleiste.“ Und genug Geld ist fürs erste auch da.

 


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