VG-Wort Pixel

Mehr Schein als Sein? „Wirtschaftsgipfel in Davos ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten“

Im Kongresszentrum von Davos trifft sich das Weltwirtschaftsforum einmal pro Jahr
Im Kongresszentrum von Davos trifft sich das Weltwirtschaftsforum einmal pro Jahr
© IMAGO / Zoonar
In Davos laufen aktuell die Vorbereitungen für das 53. Weltwirtschaftsforum. Hilft der Gipfel wirklich, um die zentralen Probleme unserer Zeit zu lösen? Der deutsch-schweizerische Wirtschaftsexperte Markus Will verneint diese Frage – und fordert mehr „Kante“ von der Veranstaltung ein

Hoch in den Schweizer Alpen macht sich der Kurort Davos bereit für den Ansturm: Läden werden zu Firmenrepräsentanzen, Hotels sind ausgebucht. Am Montag startet dort das 53. Weltwirtschaftsforum. Knapp 2700 Politiker, Wirtschaftschefs und Vertreter der Zivilgesellschaft haben sich angekündigt. Der deutsch-schweizerische Wirtschaftsexperte Markus Will wird auch dieses Jahr nicht dabei sein. Denn für ihn ist das Treffen ein „Jahrmarkt der Eitelkeiten“. 

Für viele Teilnehmer, so die Überzeugung von Markus Will, zählt es zum guten Ton, in Davos dabei zu sein: Lösungen für die großen geo- und wirtschaftspolitischen Probleme würden nicht entwickelt, „auch wenn da ganz viele wichtige Leute sitzen“, bemängelt Will im Podcast „Wirtschaft Welt & Weit“. Für ihn muss das Weltwirtschaftsforum viel diverser und kontroverser werden. Es reiche nicht aus, einzelne Aktivisten einzuladen. Den chinesischen Staatschef Xi Jinping aber würde er sehr gerne mal mit einem der Corona-Aufdecker diskutieren sehen.

Erwin Bollinger, Botschafter im schweizerischen Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, hat einen anderen Blick auf das Weltwirtschaftsforum: „Davos kann natürlich nicht die Probleme der Welt alleine lösen.“ Die Veranstaltung sei privat organisiert und habe keinerlei Entscheidungsbefugnis. Daher begrüßt er den Austausch und ist froh, wenn in Davos Ideen lanciert werden, die vielleicht nicht unmittelbar, sondern erst später zu einem Ergebnis führen.

Das gilt im Großen wie im Kleinen: Denn Davos ist nicht nur eine Bühne für Staats- und Unternehmenschefs, sondern bietet am Rande auch Raum für bilaterale Verhandlungen. So rechnet Bollinger, der im SECO für bilaterale Handelsbeziehungen zuständig ist, mit Gesprächen zwischen Schweizer Bundesräten und deutschen Politikern. Beide Länder sind starke Handelspartner und stehen in engen Wirtschaftsbeziehungen zueinander.

Milliardenmarkt Schweiz

Im Jahr 2021 haben deutsche Unternehmen Waren im Wert von über 60 Mrd. Euro in die Schweiz exportiert. Die Importe in diesem Zeitraum lagen bei rund 50 Mrd. Euro. Oft sind es die gleichen Warengruppen, mit denen die Nachbarn handeln: Bei Deutschland stechen Autos hervor, bei der Schweiz Luxusuhren und Präzisionswerkzeuge, die zum Beispiel in der Autoindustrie benötigt werden. Stark ist auch die Pharmaindustrie der Schweiz. 

63.000 Menschen überqueren auf dem Weg zur Arbeit die deutsch-schweizerische Grenze, weiß Bollinger. Dazu kommen 313.000 Deutsche, die sich in der Schweiz niedergelassen haben. Dazu zählt auch Markus Will, der seit 2011 zusätzlich die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen hat. Vor allem die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Baden-Württemberg sei ein „perfektes Beispiel für wirtschaftliche Handelsintegration“, die dank fehlender Sprachbarrieren und kultureller Nähe weit darüber hinaus gehe.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz ist nur eine positive Randnotiz, denn in Davos richtet sich der Fokus auf „Zusammenarbeit in einer zersplitterten Welt“: Der Ukraine-Krieg und die Sanktionen gegen Russland haben die Energiekrise verschärft, die wiederum läuft den Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels entgegen. Und es gilt, eine globale Rezession zu vermeiden. Die Ausgangslage 2023 ist also schwierig. Klaus Schwab, der Gründer des World Economic Forums, brachte es kürzlich so auf den Punkt: „Es ist nicht verwunderlich, dass wir alle in einer Krisenmentalität feststecken." 

Mehr zum Thema

Neueste Artikel