Uhren"Zeit ist ein Geschenk, nicht ein Stressfaktor"

Laurent Dordet, CEO von La Montre Hermès.Johann Sauty

Wofür würden Sie sich gerne mehr Zeit nehmen?

Mir würde es gefallen, wenn jeder Augenblick mit meiner Familie, meinen Freunden und Kollegen – daheim oder anderswo, im Job oder in der Freizeit – länger andauern würde, als er es in Wirklichkeit tut. Anhalten, zurückdrehen, vorspulen … Wie toll wäre es, wenn wir unsere eigene Zeit on demand erleben könnten?!

 Was bedeutet für Sie Entschleunigung?

Das ist der Moment, in dem meine Gedanken innehalten. Nichts planen, organisieren, nicht den Tag in Schubladen zwängen wollen … Einfach nur das genießen, was wir hier bei Hermès den „T moment“ nennen, das uns gegebene Jetzt. Ohne zu überlegen, was darauf folgt. Das ist ein bisschen so wie bei unserem Modell „L’Arceau Le temps suspendu“: einfach ohne Druck von Deadlines entspannen und ganz bewusst auch mal Zeit verstreichen zu lassen.

In der Hektik des Alltags vergisst man viel zu oft

… die Schönheit der Zeit, die wir überwiegend als Stressfaktor und nicht als Geschenk begreifen.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen und warum?

In meine Kindheit. Einfach wieder sorglos sein, jeden einzelnen Moment mit meiner Familie und meinen Freunden genießen, so viel wie möglich zu spielen – ohne nur einen einzigen Gedanken an die Zeit zu verschwenden.

Wie sieht für Sie die Uhr der Zukunft im Jahr 2100 aus?

Sie wird ein Objekt sein, für das wir Zuneigung empfinden, eine treue Gefährtin, die wir überallhin mitnehmen können und mit der wir ausdrücken, wer wir sind. Wir werden mit ihr interagieren, aber nicht rein zweckmäßig, ernsthaft und selbst-optimierend, wie es heute mit Smartwatches geschieht, sondern auf spielerische, zerstreuende Weise.

Wofür schlägt ihr Herz: Handaufzug, Automatik, Quartz, Digital oder Smart?

Für den Handaufzug, weil er eben diesen spielerischen Zug besitzt und unsere Beziehung zur Uhr intensiver macht.

Welchen Tag und/oder welche Uhrzeit werden Sie nie vergessen?

In meinem Privatleben sind das mehr als ich zählen kann. Zu schwer, einen aus der Zeitachse herauszupicken. Im Beruf war das der Tag, als ich mich in meiner Anfangszeit bei Hermès gegen einen Gremiumssitz und für eine Zeit bei unseren Webern und Seidendruckern entschieden habe. Diesen leidenschaftlichen Kunsthandwerkern über die Schulter und auf die Finger schauen zu können, wie sie wunderschöne Accessoires erschaffen, hat mich bereichert.

Welche Komplikation, welches Feature würden Sie gern einmal in eine Uhr integriert sehen?

Eine Funktion, die mit der Zeit spielt. Also eine Weiterführung unseres Ansatzes bei den Modellen L’Arceau Le temps suspendu, Dressage L’heure masquée und Slim d’Hermès L’heure impatiente“, die alle besondere Lebensstunden feiern.

Ihr liebstes Buch mit Uhren-Bezug (egal ob Sachbuch oder Belletristik)?

Bei dem Klassiker „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust geht es weniger um die Uhr als solche als um eine Zeit vergangener Emotionen, die sich in seinem Schreiben Bahn brechen.

Die größte Herausforderung

…für einen Uhrmachermeister heute?

Das Streben nach Präzision hinter sich zu lassen und stattdessen verspielte Details zu kreieren, wie es unser Uhrmacher Jean-Marc Wiederrecht beim Modell „Slim d’Hermès L’heure impatiente“ gelungen ist, wo er einigen Werkteilen die Gestalt eines Pferdes oder Haifischs verlieh.

…für die Uhrenbranche insgesamt?

Der Uhr neue Aufgaben zu übertragen, jetzt, wo man sie fürs Ablesen von Stunden und Minuten längst nicht mehr braucht.

in Ihrem derzeitigen Job?

Die Herausforderungen im Uhrenbusiness anzugehen, ohne dabei unseren sehr spezifischen Stil und unsere Prinzipien zu vergessen.