ExklusivWarum Uhren derzeit den Dax schlagen

Patek Philippe
Patek PhilippePatek Philippe

Dax oder Daytona, Patek oder FTSE – in dieser für alle Anleger völlig neuen Zeit einer Pandemie mit nie gekannten wirtschaftlichen Auswirkungen erscheint der Gedanke, sich Armbanduhren statt Aktien ins „Portfolio“, sprich ums Handgelenk oder in den Tresor zu legen, plötzlich gar nicht mehr weit hergeholt. Harte Fakten, ob die Omega im Depot eine bessere Performance hinlegt als der Wert eines Stahlriesen oder Fintech-Start-ups sind rar, vor allem langjährige Vergleichsdaten haben allenfalls anekdotische Aussagekraft. Denn wenngleich es Uhrenmodelle gibt, deren Wert eine ähnliche Stabilität aufweisen wie bestimmte Autos auf der Schwacke-Liste, lässt sich das längst nicht auf alle Kreationen der jeweiligen Manufaktur übertragen. Und bei der Frage eventueller Wertsteigerungen wird die Zahl von Zeitmessern, deren Seltenheit Jahr über Jahr die Preise klettern lässt, extrem klein. Interessant also? Sicherlich. Eine sichere Bank für die Altersvorsorge? Nein.

Damit Liebhaber mechanischer Uhren belastbarere Daten als das Crowd-Wissen diverser Diskussionsforen für ihre Kaufentscheidung haben, bemühen sich besonders zwei Plattformen für neue und gebrauchte Uhren erster Güte um genauere Informationen. So verglich man jetzt bei Chronext für eine Studie, die Capital exklusiv vorliegt, seit Jahresbeginn 2020 wöchentlich die Entwicklung von S&P Dow Jones, FTSE, Dax 30 und Stoxx mit einem eigenen „Watch Index“. Dieser lag durchschnittlich bei +2,76 Prozent, während es an der Börse im gleichen Zeitraum Corona-bedingt bis zu 43 Prozentpunkte abwärts ging.

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Als Basis dienten Chronext die Verkaufspreise von insgesamt vier Top-Modellen der Marken Rolex, Audemars Piguet und Patek Philippe, die bei Uhrensammlern besonders beliebt sind und in den letzten drei bis fünf Jahren ihre Wertbeständigkeit bewiesen haben. Kumuliert wurden dabei nicht nur die Verkäufe auf Chronext, sondern auch die Daten weiterer Marktplätze sowie Daten aus spezialisierten Foren. Das Fazit von Co-Gründer Philipp Man: „Investitionen in hochwertige Uhren und insbesondere Sammlerstücke stellen eine lukrative Sachwertanlage dar – auch in Krisenzeiten.“

Uhren mit Vorgeschichte

Ein gutes Beispiel ist für Man das legendäre Rolex-Modell „Daytona“: Lag dessen Verkaufspreis 2015 noch bei etwa 11.000 Euro, so ist er aktuell auf bis zu 24.000 Euro hochgeschnellt. Sicherlich eine Performance, die sich so kaum auf andere Modelle und Marken übertragen lässt. Wobei die Schließung fast aller Manufakturen (auch der von Rolex) im Zuge der Pandemie-Schutzmaßnahmen zur weiteren Verknappung des Angebotes und zu weiteren „Kurssprüngen“ führen könnte.

Die stark wachsende Beliebtheit gebrauchter Uhren lässt sich auch aus dem jährlichen Report von Chrono24 ablesen, dem mit über 450.000 verfügbaren Uhren aus 100 Ländern führenden Online-Marktplatz für Luxusuhren. In einer Analyse des für 2019 erwarteten Transaktionsvolumens von 1,5 Mrd. Euro stellten die Experten folgende Trends fest: eine stark steigende Nachfrage, klar abgrenzbare Top-Marken und stilistische Vorlieben für kleinere Gehäusegrößen und blaue Zifferblätter. Allein 65 Prozent der befragten Uhrenliebhaber interessierten sich für Uhren mit Vorgeschichte, sagt Chrono24-CEO Tim Stracke und fügt hinzu: „Wir erleben eine Renaissance der mechanischen Luxusuhr, auch weil die Möglichkeit, über eine gebrauchte Uhr in den Markt einzusteigen, derzeit attraktiv ist. Und die Wertsteigerung im gehobenen Segment rund um familiengeführte Marken macht manches Modell zur interessanten Anlageoption.“

Rolex ganz vorne

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Die Favoritenrolle im Fokus der Sammler nimmt in den Daten von Chrono24 auf Platz 1 bis 3 Rolex ein, die Modelle Submariner, Datejust und GMT Master II wurden 2019 am häufigsten angefragt. In der sogenannten „Pepsi“-Variante mit blau-roter Lünette wird die GMT Master II derzeit zum fast doppelten Herstellerpreis gehandelt. Es folgen die Royal Oak von Audemars Piguet und die Nautilus von Patek Philippe mit Preisen, die 60 bzw. 100 Prozent über der unverbindlichen Preisempfehlung liegen. Insgesamt wächst das Segment der kostspieliger Zeitmesser besonders stark: bei Uhren mit einem Verkaufspreis von über 25.000 Euro um 35 Prozent und bei Modellen für zwischen 10.000 und 25.000 Euro um etwa 19 Prozent.

Bei den Zifferblättern führt die Farbe Schwarz mit 48 Prozent der Anfragen, Blau und Silber folgen mit Abstand und 14 bzw. 12 Prozent. Der Trend bei den Gehäusegrößen hat sich zwischen 40 und 41 Millimetern Durchmesser eingependelt, während bei den Komplikationen die Datumsanzeige und eine Chronographen-Funktion in der Gunst vorn liegen.

Steigende Nachfrage weltweit, geschlossene Verkaufsstellen in vielen Märkten und ein wackliges Börsenparkett dürften die Welt gebrauchter Uhren weiter deutlich beleben, und der Einstieg etlicher Hersteller in diesen Bereich mit eigenen Angeboten in ihren Onlineshops und Boutiquen könnte sich auch die Wertentwicklung für die beliebtesten Sammlerstücke positiv auswirken. Denn noch stehen in der Schweiz die Manufakturen still.