Interview„Kein Gold, keine Diamanten, kein Blingbling“

Sven Rudolph
Sven RudolphFrank Schinski


Sven Rudolph ist Industriedesigner und Teilhaber der Design- und Innovationsagentur Rudolph Schelling Webermann, die für ihre Ideen und ihre Pionierarbeit im Storytelling für das Industriedesign vielfach ausgezeichnet wurde. Einige Stücke wurden Teil von Museumssammlungen oder in Ausstellungen wie dem Deutschen Pavillon während der Expo 2010 in Shanghai gezeigt. Sven Rudolph war zuvor für Vogt+Weizenegger sowie das iF International Design Forum tätig und lehrt an der Hochschule Hannover.


Wie würden Sie Ihren Uhrengeschmack beschreiben?

Generell bevorzuge ich flache, leichte Uhren mit geringem Durchmesser. Ich mag es, wenn man die Uhr beim Tragen nicht spürt, wenn nichts reibt, keine Manschette und kein Bündchen hängen bleibt. Neben diesen funktionalen Aspekten mag ich Uhren, die den Spagat zwischen „zeitlos“ und „modern“ schaffen. Als erstes fällt mir da die „Metro“ von Nomos ein, der es gelang, die Marke für eine ganz neue Zielgruppe zu öffnen. Die Betrachtung der Uhr als Statussymbol ist mir dagegen eher fremd, also kein Gold, keine Diamanten, kein Blingbling …

Wie viele verschiedene Uhren tragen Sie im Laufe einer Woche?

Interessanterweise habe ich mir gerade eine „Uhren-Auszeit“ verordnet, die Antwort ist also: gar keine. Ich bin momentan sehr unentschlossen, welche die nächste Uhr werden soll: Etwas Edles für die Ewigkeit? Eine Smartwatch? Oder eine Retro-Uhr, die Kindheitserinnerungen weckt?

Nach welchen drei Kriterien suchen Sie eine (neue) Uhr aus?

Gestaltung, Bauform, Technik. In dieser Reihenfolge.

Können Sie sich noch an Ihre erste Uhr erinnern?

Ja, natürlich! Das war eine dieser Mickey-Maus-Uhren, bei denen die Hände der Maus als Zeiger dienen. Finde ich immer noch Klasse, leider besitze ich sie nicht mehr.

Ihr bester Tipp zum Zeitsparen im Alltag oder Job?

Öfter mal eine Pause machen, einen Spaziergang im Park – ohne Kollegen und ohne aufs Handy zu schauen. Auf einmal sortiert sich alles neu und vieles, was verworren erschien, wird auf einmal klarer. Das spart im Anschluss dann viel Zeit.

Ihr bester Tipp gegen Prokrastination bzw. Verschieberitis?

Da würde jetzt großes Gelächter durch unser Studio schallen, wenn ich Ratschläge gäbe. Vielleicht brauchen manche Menschen einfach diesen Moment der Panik, wenn die fiese Deadline schon ihren Kopf zur Tür hereinstreckt, um das endlich Beste aus sich herauszuholen.

Warum hat die Armbanduhr bisher die digitale Transformation überlebt?

Für mich hat diese Frage mehrere Aspekte. Für Männer ist die Uhr neben dem Ehering die einzige, in allen Kulturen und gesellschaftlichen Schichten anerkannte Form, sich zu schmücken. Das kann kein Smartphone leisten, obwohl es längst den Job als Zeitmesser übernommen hat. Und dann bleibt das Handgelenk ein sehr praktischer Ort, um Informationen zu erfassen, weshalb die Armband- ja einst die Taschenuhr ablöste. Der kurze Blick auf die Uhr wird deshalb immer nutzerfreundlicher sein, als das aus der (Hosen-)Tasche gezogene Handy.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen und warum?

Ins Jahr 1848, als die deutsche Revolution tobte. Das war ein echter Aufbruch und der Startschuss für die Gründerzeit und die industrielle Entwicklung in Deutschland. Es wurde unheimlich viel erfunden und zahlreiche Unternehmen gegründet, die heute noch von Bedeutung sind. Für Designer mit einem gewissen Erfindergeist muss das eine unglaubliche Spielwiese gewesen sein.

Welche Uhr ist Ihnen besonders lieb und teuer? Mit welchem Zeitmesser verbinden Sie besondere Erlebnisse, Anekdoten oder Menschen?

Es muss ungefähr 1990 gewesen sein, als ich im Sommerurlaub auf Fehmarn im Schaufenster eines Juweliers die „Scuba“ von Swatch entdeckte. Wieder und wieder habe ich sie durch die Scheibe betrachtet, so lange, bis meine Eltern mit weitergezerrt haben. Am Ende der Ferien habe ich schließlich mein gesamtes Erspartes zusammengekratzt und durfte sie umbinden: meine erste selbstgekaufte Uhr!


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