Zeitfragen „Jede Uhr hat für mich die Qualität eines Oldtimers“

Manfred Brassler
Manfred Brassler, Gründer und Geschäftsführer von MeisterSingerMeisterSinger


Mit nur einem Zeiger und dem daraus resultierenden unverwechselbaren Look feiert die 2001 von Manfred Brassler in Münster gegründete Uhrenmarke MeisterSinger Erfolge in der Nische.


Wofür würden Sie sich gerne mehr Zeit nehmen?

Innehalten und zu mir zu kommen, das könnte nicht schaden. Immerhin bin ich jetzt 65.

Was bedeutet für Sie Entschleunigung?

Wenn wir erkennen würden, was wirklich wichtig ist im Leben, führen wir automatisch runter und nähmen uns mehr Zeit für diese essentiellen Dinge. Dazu braucht es Mut zur Muße – und genau das verstehe ich unter „Entschleunigung“.

In der Hektik des Alltags vergisst man viel zu oft…

… die Ruhe zu finden, die ein klares Urteil erst möglich macht.

Wenn Sie eine Zeitreise machen könnten, in welches Jahr würden Sie reisen – und warum?

Einen Artikel, den ich als Jugendlicher im Wissenschaftsmagazin „P.M.“ gelesen habe, werde ich nie vergessen. Dort postulierte ein Physiker, dass der Moment, in dem wir leben, unsere einzige Realität sei. Seiner Logik folgend müsste dieser Moment also unendlich kurz oder fein sein müsste. Und er zog den Schluss, dass die tiefste Erfahrung für einen Menschen das Durchschreiten dieses Nadelöhrs sei, hin zum Erleben des Moments. Glück, Frieden und alles, was die menschliche Sinnsuche betrifft, seien dort zuhause. Also auf zum Moment!

Wie sieht für Sie die Uhr der Zukunft im Jahr 2100 aus?

Den Menschen im Jahr 2100 rate ich, nach einer dieser seltenen ersten Einzeigeruhren von MeisterSinger zu suchen. Das Geräusch des mechanischen Handaufzugs dürfte in der dann vollkommen vernetzen Datenwelt ein beruhigendes tägliches Therapie-Ritual darstellen.

Wofür schlägt ihr Herz: Handaufzug, Automatik, Quartz, Digital oder Smart?

Jede mechanische Uhr hat für mich schon heute die Qualität eines Oldtimers. Mit dem Vorteil, dass sie – wie meine 250 Jahre alte und perfekt laufende Comtoise-Einzeiger-Wanduhr – auch in 250 Jahren noch repariert werden kann.

Welchen Tag und/oder welche Uhrzeit werden Sie nie vergessen?

Als meine Tochter Nina am 24. Dezember 1985 völlig überraschend weil zwei Wochen zu früh zur Welt kam, war ich vollkommen gefesselt: der erste Atemzug eines Menschen!

Welche Komplikation, welches Feature würden Sie gern einmal in eine Uhr integriert sehen?

Ich bin all der Features überdrüssig. Ich trage unser Modell „Perigraph“ mit Datumsanzeige oder die „Circularis“ mit Gangreserveanzeige und erfreue mich daran, dass diese Uhren sich auf das Wesentliche beschränken. Sie sind angenehme Begleiter, die nicht „quasseln“ und „schreien“.

Ihr liebstes Buch mit Uhren-Bezug (egal ob Sachbuch oder Belletristik)?

Für mich sind die Bücher von Karlheinz Geißler (zuletzt: „Time is Honey“) mit das Beste was ich je über das Thema Zeit gelesen habe. Dabei trägt der Mann gar keine Uhr!

Ihr liebster Film, bei dem es um Zeit oder Uhren geht?

Moderne Zeiten“ (1936) von und mit Charlie Chaplin.

Die größte Herausforderung …

… für einen Uhrmachermeister heute? Junge Menschen zu finden, die ihm nachfolgen, damit diese faszinierenden Kleinode auch noch in 100 Jahren repariert werden können. Das haben sie verdient.

… für die Uhrenbranche insgesamt? Auf Juweliere und Uhrenfans zu hören, sie ernst zu nehmen und sich weniger unangreifbar und allwissend zu fühlen.

… in Ihrem derzeitigen Job? MeisterSinger ist klein aber fein. Es darf gerne größer werden, aber fein muss es bleiben. Es fällt mir immer noch schwer, das wirtschaftliche Kalkül über die Begeisterung für unsere Uhren zu stellen. Fairness, Partnerschaft, Freude, Gelassenheit, Stil und Erfolg unter einen Hut zu bringen, das ist (m)eine tägliche Herausforderung.