InterviewFloris van Bommel: „Ich habe nur das getan, was ich gut kann“

Für die aktuelle Kampagne wurde Floris van Bommel in Lappland fotografiert.
Für die aktuelle Kampagne wurde Floris van Bommel in Lappland fotografiert.PR

Vor genau einem Vierteljahrhundert begann die Erfolgsstory der Marke Floris van Bommel, benannt nach einem von drei Brüdern der neunten Generation einer holländischen Schuhdynastie. Der ist nicht nur bis heute kreativ verantwortlich für das umfangreiche Portfolio aus eleganten Modellklassikern für gehobene Anlässe, deren moderne, gern auch mal wilde Neuinterpretation und ein stetig wachsendes Sortiment hochwertiger, cooler Sneaker. Nein, Floris van Bommel ist auch jedes Jahr das Gesicht der Werbekampagnen, für die er mit einem Fototeam in die entlegensten Winkel des Globus jettet.

Von solchen Einmal-im-Leben-Reisen bringt man natürlich Geschichten mit, von denen Floris van Bommel einige bereits vor Jahren den Kollegen von „Business Punk“ erzählt hat. Also liegt der Fokus des folgenden Interviews, inspiriert von Marcel Prousts legendärem Fragebogen (bekannt aus der „Vanity Fair“), nicht bei Erlebnissen in der Ferne, sondern handfesten Learnings aus den vergangenen 25 Jahren der Marke, die seinen Namen trägt.

Ursprünglich als Nebenlinie geplant, gelang es so nämlich, die 1734 gegründete Schoenfabrik van Bommel mit Sitz in Moergestel – Lieferant des niederländischen Königshauses – für das 21. Jahrhundert und die Ära des Internets fit zu machen. Und auch die privaten Interessen des Creative Directors kommen zur Sprache, beispielsweise sein Faible für diverse Arten von Metal-Musik.

Capital: Floris van Bommel, wie würden Sie Ihre derzeitige Gemütsverfassung beschreiben?

FLORIS VAN BOMMEL: Ich fühle mich in diesem Moment etwas richtungslos. Höchste Zeit also, meinen Tagen wieder etwas mehr Struktur zu geben.

Wenn Sie in die Fußstapfen eines anderen Menschen treten könnten, lebend oder tot, wen würden Sie wählen?

Ich würde mich für den zufriedensten buddhistischen Mönch entscheiden, den es je gab. Was für eine innere Reise zu einem Punkt, an dem man einfach nur ist! Ohne Habseligkeiten, Erwartungen, Ziele und anderen Luxus der Ersten Welt.

Wo auf der Welt würden Sie gern baldmöglichst eigene Spuren hinterlassen?

An einem Ort, wo die Globalisierung noch nicht alles in eine charakterlose Form gestopft hat. Ich liebe beispielsweise den einsamsten Staat der USA, Alaska. Also lassen Sie uns dorthin fliegen.

Eon Double Monk aus der aktuellen Kollektion von Floris van Bommel
Ein „Double Monk“ aus der aktuellen Kollektion von Floris van Bommel

Welches Paar Schuhe würden Sie niemals wegwerfen, aus sentimentalen Gründen?

Keines. Es erscheint mir ein bisschen albern, Erinnerungsstücke aus meiner Vergangenheit zu sammeln. Da gleite ich doch lieber einfach so durch die Zeit und lasse alles kommen und gehen, wie es sich ergibt. Und mal ehrlich: Meist bedeutet das Aufheben solcher Souvenirs doch nur, dass man sie eben etwas später in den Müll wandern lässt…

Welche Werte bilden das Fundament Ihres Lebens und des Unternehmens, das Sie mit Ihren zwei Brüdern führen?

Das sind die ewigen Klassiker: Ehrlichkeit, Mitgefühl, Disziplin, Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft zum Kompromiss. Die große Frage ist dabei, wie sehr man ihnen wirklich gerecht wird. Ich misstraue jedem, der das für sich selbst bewertet, denn das müssen andere beurteilen.

Wie lautet Ihre Lieblingsfrage an eine Bewerberin oder einen Bewerber?

Am liebsten unterbreche ich das Vorstellungsgespräch ganz spontan, um zu sehen, wie sich jemand in einer etwas chaotischen Situation verhält. Ich erwähne also plötzlich einen aktuellen Skandal aus der Popkultur oder das Ergebnis eines Fußballspiels – und beobachte dann, was passiert.

Wie wird die Marke Floris van Bommel in weiteren 25 Jahren aussehen?

Unser Familienunternehmen hat bis jetzt fast 300 Jahre überlebt. Über die Jahrzehnte waren wir immer flexibel und aufgeschlossen genug, um uns neuen Zeiten anzupassen. Im Moment heißt unser Flaggschiff Floris van Bommel, aber vielleicht hat sich die Gesellschaft bis 2046 so drastisch verändert, dass wir ein weiteres zu Wasser lassen werden. Das haben wir ja 1996 schon einmal erfolgreich getan, warum also nicht wieder?! Mal schauen.

An welchem Punkt in der Gründungsphase wussten Sie: Wir haben es geschafft, unsere Idee ist tragfähig?

Das war schon ganz am Anfang, als wir anfingen, bei traditionellen Herrenmodellen mit bunten Sohlen, Obermaterialien und Schnürsenkeln zu experimentieren. Das gab es damals noch nicht auf dem Markt, und selbst an bunte, kreativ bedruckte Leder heranzukommen, war extrem schwer. Wir haben das trotzdem gewagt, weil es uns Freude machte. Ein raffinierter Masterplan steckte nicht dahinter. Schnell haben wir dann gemerkt, dass wir mit unseren „Spaßschuhen“ eine Lücke im Markt füllten und die Nachfrage ist kurz darauf geradezu explodiert.

Welchen Schuh wollen Sie unbedingt noch entwickeln?

Mein einziges Ziel ist es, sicherzustellen, dass jedes Design „inspiriert“ aussieht. Die Leute geben mindestens 200 Euro für eines unserer Schuhpaare aus. Also möchte ich, dass wir ihnen durch originelle Optik, innovative Konstruktion, durch die Verpackung und Fotografie, persönliche Texte, witzige Formulierungen und Zeichnungen zeigen, wie viel Mühe wir uns mit jedem Modell geben. Der willkommene Nebeneffekt: So zu arbeiten ist für uns alle ein echtes Vergnügen!

Welche Charaktereigenschaft bewundern Sie bei anderen Menschen besonders?

Intelligenz, das ist es, was eine Person sympathisch macht. Und zwar Intelligenz beim Humor, im Verhalten, in der Bescheidenheit und der Nächstenliebe.

Allein in der Fremde, so ist Floris van Bommel in den Werbekampagnen zu sehen.
Allein in der Fremde: So ist Floris van Bommel in den Werbekampagnen zu sehen.

Was ist Ihre größte Extravaganz?

Meine Sommerurlaube. Dafür suche ich mir jedes Jahr bis zu zehn Konzerte in den USA aus, die ich sehen möchte, und plane dann einen etwa zweiwöchigen Solo-Roadtrip drumherum. Ich miete Autos, fliege viel, buche Uber-Fahrten und nächtige in allen möglichen Arten von Hotels. Über die Jahre habe ich so ganz Nordamerika gesehen, von Key West bis Seattle.

Welches Talent würden Sie gern besitzen?

Ich spiele Gitarre, würde diese Fähigkeit aber jederzeit für das Klavierspiel hergeben.

Was würden Sie gern an sich selbst verändern?

Dass ich ohne negative gesundheitliche Folgen mit nur vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommen könnte.

Was würden Sie als Ihren bisher größten Erfolg bezeichnen?

Ich sehe oft, wie Menschen unglaubliche Leistungen erbringen. Dinge, die ich nie schaffen würde. Ich persönlich habe immer nur das getan, was ich gut kann. Mit vollem Einsatz meines Könnens, ja, mit Disziplin und harter Arbeit. Trotzdem fällt es mir schwer, darin etwas Besonderes zu sehen. Bahnbrechende Errungenschaften, da applaudiere ich lieber anderen.

Wenn Sie etwas ganz anderes machen könnten als jetzt, was würde Sie reizen?

Schon als kleines Kind war es mein Traum, als Stand-up-Comedian auf der Bühne zu stehen. In den letzten Jahren habe ich einige Vorträge gehalten über unser Unternehmen und die Abenteuer, die ich erlebt habe. Da stand ich hin und wieder auch vor vollen Rängen in Theatern, auch außerhalb der Niederlande. Was ich dem Publikum dann erzähle, ist keine gewöhnliche Managerstory, sondern eigentlich eine halbe Comedyshow. Ich bin meinem Traum von früher also schon recht nahe gekommen. Wer weiß, vielleicht wage ich irgendwann auch den letzten Schritt ins Rampenlicht.

Welchen Besitz schätzen Sie besonders?

Mein Haus. Nicht unbedingt die Ziegel und das Interieur, sondern die Dinge, die es mir bietet. Ich wohne in einer ruhigen Straße im Stadtzentrum von Tilburg. Das Haus sichert meine Privatsphäre, es ist geräumig und friedlich, die Nachbarn sind nett und mein Garten ist im Sommer ein fantastischer Zufluchtsort.

Welches Buch hat Sie zuletzt schwer beeindruckt?

Ich war hin und weg, als ich „Aquarium“ von David Vann las. Seitdem habe ich mich weiter durch sein Werk gearbeitet. Vanns Geschichten sind immer Tragödien und oft unbequem zu lesen. Doch wie er sie erzählt, das ist von unvergleichlicher Schönheit.

Ihr Lieblingswort?

Pizza.

Ihre Lieblingsfarbe?

Alles sieht in schwarz besser aus.

Welcher Komponist, welche Band führt Ihre Playlists an?

Ich höre besonders gern Musik aus den Genres Doom Metal, Post-Hardcore, Folk-Country und gern auch mal Death Metal. Da habe ich natürlich tausende von Favoriten. Das letzte Live-Konzert, das ich besucht habe, war das von Patrick Walker und seiner Band 40 Watt Sun in Leipzig. Unglaublich gut! Ruhig mal auf YouTube oder anderswo in eine Akustikversion des Songs „Restless“ reinhören – und mitschluchzen.

Ein Sneaker der Kollektion Herbst/Winter 2021/22 von Floris van Bommel
Ein Sneaker der Kollektion Herbst/Winter 2021/22 von Floris van Bommel

Wie würden Sie Ihren Kunstgeschmack beschreiben?

In meiner Jugend war ich beeindruckt von der Konzeptkunst von Leuten wie Jeff Koons, Damien Hirst, Wim Delvoye und Rob Scholten. Oft gefiel mir nicht einmal die Ästhetik ihrer Arbeit, sondern die jeweilige Idee dahinter. Das finale physische Werk war der manchmal recht hässliche Körper, das ursprüngliche Konzept die wundervolle Seele darin. So ähnlich würde ich das jedenfalls beschreiben.

Verraten Sie uns einen Ihrer literarischen Helden?

Ich denke, wenn zu einem letzten Kampf zwischen sämtlichen jemals geschaffenen fiktiven Charakteren käme, dann würde Jack Bauer aus der Serie „24“ daraus wohl als Sieger hervorgehen.

Wer sind Ihre Helden aus dem wahren Leben?

Die aufopfernd geduldigen Betreuer von Kindern und Erwachsenen in Not.

Gibt es etwas, das Sie zutiefst bedauern?

Meine größten Fehler haben sich hinterher als großartige Lektionen, Warnungen oder Richtlinien entpuppt. Bedauern, das klingt so nach: Wenn ich dieses oder jenes Ereignis mit einem Knopfdruck löschen könnte, würde ich es tun. Das Problem ist nur, dass das ja zu weiteren Fehlern führen würde, weil ich die damit verbundenen Lehrstunden ja gleich mit ausradiert hätte. Nein, für mich sind und bleiben Fehler der Vergangenheit gute Gelegenheiten, um weise und demütig zu werden.

Welchen Rat würden Sie Ihrem 25-jährigen Selbst gern geben?

Moment, das würde ja heißen, dass ich durch die Zeit reisen könnte. Da wären wir vermutlich beide so überrascht und aufgeregt, dass ich völlig vergessen würde, meinem jüngeren Ich irgendetwas Kluges mitzuteilen. Wahrscheinlich würden wir einfach in irgendeine Bar gehen, uns gepflegt betrinken und dann gemeinsam versuchen, in den Wilden Westen zurückzureisen oder zu den Dinosauriern.