Mode„Unsere Branche hängt von der Liquidität im Einzelhandel ab“

Reynier van Bommel, CEO Schoenfabriek Wed.J.P. van Bommel B.V.Floris van Bommel

Das Coronavirus hat die Modebranche und den stationären Einzelhandel jäh ausgebremst. Statt frischer Sommerkollektionen in fröhlichen Farben prangen „Wegen Corona geschlossen“-Schilder in den Schaufenstern der Geschäfte und Boutiquen, allenfalls in Onlineshops wird noch etwas Ware abgesetzt, doch auch im Netz hält sich die Kauflaune aktuell in Grenzen. Und das dürfte sich auf absehbare Zeit kaum ändern, auch nach einem Neustart des öffentlichen Lebens nicht. Das legt zumindest das Update einer Studie von McKinsey und dem Fachmedium Business of Fashion nahe. Ihr Fazit: Zwei Monate Zwangsruhe könnten bis zu 80 Prozent der Textilunternehmen in Europa und den USA in ernste finanzielle Nöte bringen. Auch weil die Online-Verkäufe ebenfalls um bis zu 20 Prozent nachgelassen haben, das Minus im Einzelhandel also kaum auffangen können, und 38 Prozent der Verbraucher ihre Haushaltsausgaben – darunter eben auch Geld für Bekleidung – kürzen wollen.

Capital befragt dazu in loser Folge Modeunternehmen aus Deutschland und Europa, wie es Ihnen aktuell ergeht, was sie von der Politik fordern und wie sie in die Zukunft ihrer Branche blicken. Diesmal antwortet Reynier van Bommel, er ist CEO der Schoenfabriek Wed.J.P. van Bommel B.V., zu deren Marken das nach seinem Bruder benannte Schuhlabel Floris van Bommel gehört.

Capital: Ab welchem Tag hörte das Jahr 2020 auf, „normal“ zu verlaufen, nach Plan?

REYNIER VAN BOMMEL: Ich erinnere mich nicht an den exakten Tag, wie für solche Situationen typisch, verschwimmt das ein wenig ineinander. Zunächst haben wir kleinere Maßnahmen eingeleitet, doch innerhalb einer Woche war klar, dass es sich nicht nur um eine „Situation“ handelt, sondern um eine ausgewachsene Krise.

Was war Ihre erste Maßnahme, um das Schlimmste zu verhindern?

Viele Aktionen wurden gleichzeitig eingeleitet. Nachdem wir das Wohlergehen unserer Mitarbeiter sichergestellt hatten, haben wir unsere finanzielle Situation analysiert. Wir haben einige ‚worst-case‘-Szenarien durchgespielt, um zu sehen, wie es jeweils um unsere Liquidität stehen würde. Unsere ersten ‚worst cases‘ haben sich aufgrund der Dynamik aber rasch als nicht mehr aktuell herausgestellt, sodass wir mehrere Male anpassen mussten.

Wie stark ist Ihr Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen?

Die Einbußen durch ausbleibende Verkäufe, Stornierungen, leere Fertigungsstätten und fehlende Bestellungen sind enorm. Solange dies finanzierbar bleibt, ist das jedoch gar nicht mal unser größtes Problem. Schlimmer ist der Schaden für unsere Lieferkette: die Gerbereien, die Schuhfabriken und unsere Händler, um nur drei zu nennen. Wir brauchen Material, um sowohl die Winterkollektion 2020 als auch die Muster für den Sommer 2021 zu produzieren. Wir brauchen Fabriken, die unsere Schuhe herstellen. Und wir brauchen ein gesundes Netzwerk von Einzelhändlern, um sie zu distribuieren. Wenn dieses Ökosystem kollabiert, ziehen sich die Probleme mindestens ins kommende Jahr, wenn nicht noch weiter.

Ab wann rechnen Sie mit einer deutlichen Erholung?

Das weiß ich nicht und ich möchte auch nicht Teil dieser Diskussion sein. Wir agieren und reagieren so kraftvoll wie möglich, unabhängig davon, was passiert. Intern analysieren wir für die kommenden Monate und Jahre verschiedene Entwicklungen, um jeweils einen möglichst genauen Überblick zu gewinnen. Aber letztlich ist das alles hypothetisch. Wir stellen damit lediglich sicher, möglichst auf alles vorbereitet zu sein.

Was fordern Sie aktuell und zukünftig von der Politik?

In unserer Industrie wird am meisten eine Darlehnssicherheit für den Handel durch die Regierung benötigt. Händler müssen in der Lage sein, neue Kollektionen für den Winter zu kaufen. Dafür brauchen sie Kredite, da der Peak ihrer Investitionen zu Beginn der Saison am höchsten ist und Kreditversicherungen keine neuen Kredite akzeptieren. Von der gesicherten Liquidität des Einzelhandels hängt die Existenz unserer gesamten Branche ab.

Welche kreativen Projekte, Kommunikationsmaßnahmen und Botschaften an Kunden und Partner haben Sie seit Beginn der Krise gestartet/gesendet?

In einer Situation wie dieser ist Vertrauen ein ganz entscheidender Faktor. Wir informieren unsere Händler mit regelmäßigen Updates über unser Vorgehen und bieten ihnen temporär bessere Zahlungsbedingungen an. Darüber hinaus sind wir mit all unseren Partnern der Lieferkette in engem Kontakt und sorgen durch schnelle Zahlung dafür, dass sie erteilte Aufträge garantiert und in der gleichen Positionierung erfüllen können.

Welche Aktion während der Krise hatte den größten Erfolg?

Es gibt keine spezifische Maßnahme, die heraussticht, es zählt das Gesamtpaket. Wir versuchen einfach auf ganzer Linie, ein anständiger Geschäftspartner und Arbeitgeber zu sein. Ein Unternehmen, das sich um seine Leute kümmert, umfassend informiert und sein Netzwerk bestmöglich unterstützt.

Wie gehen Sie persönlich mit den Sorgen, der Unsicherheit, vielleicht auch der zusätzlichen freien Zeit um?

Für meine eigene mentale Fitness sage ich mir, dass auch der Umgang mit einer Mega-Krise zum Unternehmertum gehört. Wir waren in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich, haben investiert und  konstant daran gearbeitet, so innovativ und kreativ wie möglich zu sein. Und jetzt blicken wir auf einen völlig neuen Horizont, jetzt geht es ums Überleben, um Schadensbegrenzung und das Wohlergehen unserer Leute und Lieferanten. Das ist sehr schnell ist das neue „Normal“ geworden. Ich sehe nichts Positives an der Krise, glaube aber, dass wir als Unternehmen einen positiven Beitrag leisten können und einen Unterschied machen. Mehr als zuvor bestimmen unsere Entscheidungen von heute über unsere Zukunft.

Worauf freuen Sie sich am meisten nach Corona?

Auf ein Corona!