ModeWie Mark Bezner die Modefirma Olymp durch die Krise steuert

Mark Bezner ist geschäftsführender Gesellschafter von Olymp und Enkel des Firmengründersdpa

Das Coronavirus hat die Modebranche und den stationären Einzelhandel jäh ausgebremst. Statt frischer Sommerkollektionen in fröhlichen Farben prangen „Wegen Corona geschlossen“-Schilder in den Schaufenstern der Geschäfte und Boutiquen, allenfalls in Onlineshops wird noch etwas Ware abgesetzt, doch auch im Netz hält sich die Kauflaune aktuell in Grenzen. Und das dürfte sich auf absehbare Zeit kaum ändern, auch nach einem Neustart des öffentlichen Lebens nicht. Das legt zumindest das Update einer Studie von McKinsey und dem Fachmedium Business of Fashion nahe. Ihr Fazit: Zwei Monate Zwangsruhe könnten bis zu 80 Prozent der Textilunternehmen in Europa und den USA in ernste finanzielle Nöte bringen. Auch weil die Online-Verkäufe ebenfalls um bis zu 20 Prozent nachgelassen haben, das Minus im Einzelhandel also kaum auffangen können, und 38 Prozent der Verbraucher ihre Haushaltsausgaben – darunter eben auch Geld für Bekleidung – kürzen wollen.

Capital befragt dazu in loser Folge Modeunternehmen aus Deutschland, wie es Ihnen aktuell ergeht, was sie von der Politik fordern und wie sie in die Zukunft ihrer Branche blicken. Diesmal antwortet Mark Bezner, er ist geschäftsführender Gesellschafter des  Hemdenspezialisten Olymp mit Sitz in Bietigheim-Bissingen.

Capital: Ab welchem Tag hörte das Jahr 2020 auf, „normal“ zu verlaufen, nach Plan?

MARK BEZNER: In dem Moment, als das öffentliche Leben drastisch heruntergefahren wurde, die Geschäfte schließen mussten und damit unsere wichtigste Einnahmequelle versiegte, war schlagartig alles anders. Die ersten Anzeichen einer sich zusehends trübenden Konsumlaune waren aber schon wesentlich früher erkennbar.

Was war Ihre erste Maßnahme, um das Schlimmste zu verhindern?

Im Rahmen unserer Fürsorgepflicht gegenüber unseren Handelspartnern haben wir Warenlieferungen unmittelbar eingestellt, als Ladenschließungen immer wahrscheinlicher wurden. Laufende Produktionsaufträge, sofern sie noch beeinflusst werden konnten, wurden vorerst gebremst bzw. zeitlich umdisponiert. Am Firmensitz in Bietigheim-Bissingen mussten wir der verminderten Auftragslage temporär mit einer flexiblen Personaleinsatzplanung sowie dem Abbau von Überstunden und Resturlaub begegnen. Infolge des merklichen Arbeitsausfalls haben wir den Betrieb ab Ende März außerdem vorübergehend auf Kurzarbeit umgestellt. Mit diesen und ähnlichen Maßnahmen konnten wir uns fürs Erste etwas Luft verschaffen.

Wie stark ist Ihr Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen?

Der Vertrieb unserer Produkte erfolgt in erster Linie über den Bekleidungsfachhandel, der nach wie vor für nahezu 80 Prozent unserer Umsätze steht. Über unsere eigenen Handelsaktivitäten – im Onlineshop und in eigenen Geschäften – erwirtschaften wir gerade einmal ein Fünftel unserer Erlöse. Die bislang verzeichneten Umsatzeinbußen fallen demnach verheerend aus, zumal sich die Kaufzurückhaltung infolge der allgemeinen Stimmungslage auch im E-Commerce bemerkbar macht.

Ab wann rechnen Sie mit einer deutlichen Erholung?

Eine allmähliche Verbesserung der prekären Situation ist erst zu erwarten, wenn der stationäre Einzelhandel den Geschäftsbetrieb wiederaufnehmen kann. Doch selbst dann wird die erhoffte Regeneration nur zögerlich vonstattengehen.

Was muss dafür passieren?

Wie in vielen Bereichen inzwischen üblich wird es ohne besondere Schutzmaßnahmen sowie bestimmten Hygiene- und Verhaltensregeln nicht funktionieren. Was unsere eigenen Läden anbelangt, stehen die zuständigen Gebietsleiter in einem engen Informationsaustausch mit ihren Teams. Über eine spezielle Onlineschulung, die wir mit professioneller Unterstützung durchzuführen beabsichtigen, bereiten wir das Verkaufspersonal optimal auf die Wiedereröffnung der Filialen vor.

Was fordern Sie aktuell und zukünftig von der Politik?

Eine rasche und unbürokratische Bereitstellung der dringend benötigten Finanzhilfen für den Mittelstand.

Wie muss Ihre Branche reagieren und welche Weichenstellungen sind für die Zukunft überfällig?

Die Corona-Krise hat nicht nur der Bekleidungsbranche auf sehr drastische Weise vor Augen geführt, dass sich die bewährten Rahmenbedingungen schlagartig verändern können. Ich bin zwar kein Futurologe, aber überzeugt davon, dass diese einschneidende Erfahrung langfristige Veränderungen in vielen Lebensbereichen nach sich ziehen dürfte, positive wie negative. Verlässlichkeit, Beständigkeit und Glaubwürdigkeit werden meiner Einschätzung nach ein noch wichtigeres Kriterium für die Kaufentscheidung bei Verbrauchern. Ebenso Hochwertigkeit, Langlebigkeit und Nachhaltigkeit. Klasse schlägt Masse, Qualität vor Quantität! Nicht zu vergessen: Die digitalen Prozesse bei der Beschaffung, Kollektionserstellung, Kommunikation und Vermarktung werden weiter an Bedeutung gewinnen.

Auch was die branchentypischen Frühbestellprozesse und Liefertermine betrifft, wird sich sicher einiges tun. Vor allem die Kollektionsrhythmen müssen sich einfach wieder näher am tatsächlichen Bedarf und an der Nachfrage orientieren. Inwieweit Hersteller das große Warenrisiko, das die Bevorratung eines umfassenden Lagersortiments mit sich bringt, auch zukünftig in der bisherigen Dimension tragen können und wollen, ist ungewiss. Als Modeanbieter mit einem besonders hohen Never-Out-of-Stock-Anteil von rund 50 Prozent am Umsatz sind wir nämlich besonders stark von den Effekten der Virus-Pandemie betroffen.

Welche kreativen Projekte, Kommunikationsmaßnahmen und Botschaften an Kunden und Partner haben Sie seit Beginn der Krise gestartet bzw. gesendet?

Die Art der Kommunikation ist gerade in der gegenwärtigen Lage auch eine Frage des Taktgefühls. Über alle Kanäle hinweg versuchen wir deshalb, ein durchweg positives Statement zu setzen und Inhalte weniger auf absatzgetriebener, als vielmehr auf emotional-fürsorglicher Ebene zu vermitteln.

Welche hatte den größten Erfolg?

Durch inhaltliche Anpassung des Contents für Newsletter, Social Media und die Website – vorwiegend also gezielt auf Bestandskunden – konnten sich die Verkaufszahlen zwischenzeitlich wieder etwas erholen. In den Mittelpunkt rücken wir aktuell Modetrends für das Homeoffice, außerdem Hemden in Gute-Laune-Farben sowie Tipps für den Feierabend daheim. Das sorgt bei uns und hoffentlich auch den Kunden für Lichtblicke in dieser herausfordernden Zeit!

Wie gehen Sie persönlich mit den Sorgen, der Unsicherheit, vielleicht auch der zusätzlichen freien Zeit um?

Um drohenden Schaden vom Unternehmen abzuwenden und das Familienerbe zu schützen, gäbe ich als Eigentümer in dritter Generation definitiv mein letztes Hemd. Die aktuelle Lage bereitet mir also durchaus erhebliches Kopfzerbrechen und hält auch die eine oder andere schlaflose Nacht für mich bereit. Von gewonnener Freizeit kann keine Rede sein. Allein die Tatsache, dass Olymp seit jeher im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten und auf solider Grundlage einer hohen Eigenkapitalbasis geführt wird, stimmt mich zuversichtlich, am Ende heil aus dieser Krise herauszukommen. Diese positive Grundeinstellung vermitteln wir nach innen wie außen, trotz zwischenzeitlich unvermeidbarer Einschnitte.

Worauf freuen Sie sich am meisten nach Corona?

Ich kann es bei all den technischen Alternativen, die sich als absolut zweckdienlich erwiesen haben und weiter etablieren werden, dennoch kaum erwarten, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. In Besprechungen, auf dem Büroflur oder beim Mittagessen in unserem Betriebsrestaurant. Und zwar ohne dass sich jemand Sorgen wegen einer etwaigen Virusverbreitung machen muss.


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