Uhren„Erfolg ist wie eine Uhr: die Summe vieler Einzelteile“

Efraim Grinberg, Vorstandsvorsitzender und CEO der Movado Group (MGI)

Die Uhrenbranche befindet sich seit einigen Jahren in einem sich stetig weiter beschleunigenden Prozess der Transformation. Wie pariert man den Angriff der Smartwatches? Wie lassen sich junge Zielgruppen für die Welt der Mechanik begeistern? Welche Verkaufsstrukturen zünden – und wie wichtig sind die traditionellen Messen? Ganz zu schweigen von Konjunkturdellen in Fernost und der aktuellen Corona-Krise.

Einer, der auf den ersten, eher hausgemachten Themenkomplex eine interessante Perspektive besitzt, ist Efraim Grinberg. Seit 1990 leitet er die Geschicke der Movado Group, zu der neben der namengebenden Uhrenmarke auch weitere wie Ebel sowie Lizenzkollektionen für Boss und andere Modelabel gehören.

Und seit einem Jahr auch Newcomer in der Branche, die über Instagram und E-Commerce erfolgreich gewordenen Start-ups Olivia Burton und MVMT (kurz für Movement). Statt die Stammmarken mit viel Anstrengung auf „cool“ zu trimmen, entschied sich Grinberg nämlich, bereits beliebte „millennial brands“ zuzukaufen. Zu dieser und weiteren Weichenstellungen und seiner eigenen Karriere stand Grinberg beim letztjährigen Neuheiten-Event in Davos Rede und Antwort.

Efraim Grinberg, das Uhrenbusiness wurde Ihnen quasi in die Wiege gelegt, oder?

Mein Vater handelte schon auf Kuba mit Uhren, und auch nachdem wir 1960 – ich war zwei Jahre alt – in die USA auswanderten. Es liegt mir also im Blut. Wobei meine Karriere dennoch eher ein Plan B war. Eigentlich wollte ich Jura studieren und Anwalt werden, doch nach ein paar Seminaren gingen mir der starke Fokus auf das regalweise Lesen von Büchern und die schriftliche Auseinandersetzung mit dem Stoff mächtig gegen den Strich. Wollte ich wirklich den Rest meines Lebens in so einem Job verbringen? Da wurde die Firma meines Vaters plötzlich zur echten Alternative. Schöne Dinge herstellen, und verkaufen, was einem selbst gefällt, das klang verlockend. Und ist es bis heute geblieben.

„Museum Classic“ von Movado in Edelstahl und mit 11 Diamant-Indizes

Wie war das, für den eigenen Dad zu arbeiten?

Zunächst war ich ihm nicht direkt unterstellt, sondern fing ich im Vertrieb an. Und zwar nicht am Firmensitz in New Jersey sondern in unserem damaligen Büro in Kalifornien. Das gab mir die Chance, mich ohne Beobachtung einzuarbeiten und erste eigene Erfolge zu erzielen. Aber auch später kamen wir gut miteinander aus. Wenn es mal Streit gab, dann nicht ums Geschäft, eher in unseren Rollen als Vater und Sohn. Alles in allem war das eine gute Schule für mich, ich habe extrem viel gelernt, auch von ihm!

Was fasziniert Sie an Uhren, diesem archaischen Werkzeug, das wir aus keinem praktischen Grund mehr brauchen, das aber viele Kunden glücklicherweise dennoch nicht loslässt?

Es stimmt natürlich, obwohl Uhren sehr wohl auch weiterhin einen Nutzen haben, uns Daten und Orientierung liefern können, ist das heute nicht mehr ihre wichtigste Daseinsberechtigung. Die liegt rein auf der Gefühlsebene, unsere emotionale Verbindung zu einem Objekt, in dem so viele Geschichte und Geschichten, so viel Handwerkskunst stecken. Was die Uhren- und Modebranche zudem gleichermaßen beflügelt, ist unser aller Drang, sich von anderen im Stil abzuheben, und in der Wahl der Dinge, die uns begleiten. Warum sollten alle Menschen eine Apple Watch tragen wollen, wenn wir auf der anderen Seite nahezu jedem Modediktat, jeder „Uniform“ längst Goodbye gesagt haben?

„Discovery“ von Ebel mit Bronzegehäuse (41mm) und Automatikwerk

Dieses Thema scheint Sie sehr zu beschäftigen.

Unbedingt, und zwar nicht nur beruflich, weil es unser Job ist, Uhren herzustellen und zu verkaufen, sondern auch ganz persönlich. Die Weise, wie jemand nach der Arbeit und vor einem Abendessen mit der Familie oder einem Date die Uhr wechselt. Als Ausdruck, dass eine Phase des Tages um ist und eine andere beginnt. Oder, dass wir mit Uhren bestimmte Anlässe und Meilensteine feiern: eine Hochzeit, einen Uni-Abschluss, die Beförderung, den Geburtstag, eine Firmengründung …

Ihr Vater hat zusammen mit Andy Warhol 1988 eine Uhr entworfen und produziert. Haben Sie Warhol damals getroffen?

Ja, ich kannte Andy, das war bereits zu meiner Zeit in der Firma und wir haben die Werbekampagne für die Uhr gemeinsam mit ihm entwickelt. Also saß ich in zig Meetings mit ihm und meinem Vater. Leider starb er noch bevor die Uhr der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, aber ich durfte Warhol als einen sehr bescheidenen, überhaupt nicht arroganten Mann kennenlernen, der zweifellos ein Genie war. Er war sehr zurückhaltend, was für manche unnahbar wirkte. Dabei war er einfach nur extrem schüchtern.

Sie sind bis heute ein großer Unterstützer kultureller Institutionen wie dem Lincoln Center for the Performing Arts, sammeln selbst in bescheidenem Rahmen Kunst. Woher rührt diese Passion?

Die habe ich sicherlich von meinem Vater vorgelebt bekommen, der sich schon immer für Kunst begeistern konnte. Leider waren wir damals bei dem Projekt mit Warhol nicht vorausschauend genug, ihm mehr Bilder und Objekte abzukaufen. Hinterher ist man ja immer klüger. Auf geschäftlicher Ebene haben wir diese Thema erst besetzt, nachdem wir 1983 Movado kauften, deren „Museum Dial“-Modell im Jahr 1960 als erste Uhr im New Yorker MoMA ausgestellt wurde und bis heute Teil der Sammlung ist. Wie übrigens in über 20 weiteren Designmuseen weltweit! Wir haben dann später eine Uhr mit dem Schweizer Künstler Max Bill gemacht, mit Graffiti-Pionier Kenny Scharf, übrigens ein Schüler Warhols, und kürzlich kam ein veganes Modell mit Fotograf Alexi Lubomirski hinzu.

Modell „Ash Black“ von MVMT mit Quarzwerk und 43 Millimeter Durchmesser

Was gibt Ihnen ein Kunstwerk?

Bei jedem Blick darauf einen völlig neuen Impuls, ein anderes Gefühl, etwas zum Nachdenken. Das ist auch der Grund, warum ich jedes Stück aus meiner kleinen Sammlung aufhänge und nicht einlagere. Kunst muss man sehen. Das schließt übrigens auch unsere Firmensitze in der Schweiz und in den USA, in New Jersey, mit ein. Auch dort hängen einige Werke, damit sich die Mitarbeiter daran erfreuen und davon inspirieren lassen können. Ich glaube, dass ein Bild – ob preisgünstig oder kostspielig spielt keine Rolle – einen Raum atmosphärisch bereichert.

Wie hat Ihr Vater damals auf Kuba im Uhrenbusiness begonnen?

Sein erster richtiger Job war bei einem Distributor von Omega-Uhren, wo er rasch zum Junior-Geschäftspartner aufstieg und die Marke Piaget in Kuba einführten. Nach Castros Machtübernahme kam ihr Geschäft zum Erliegen und sie wanderten mit ihren Familien in die USA aus. Dort hatte Omega eigene Vertriebspartner, aber für Piaget konnten sie auch dort arbeiten und damit einen Grundstein für das damals noch recht unbedeutende Segment der Luxusuhren in Nordamerika legen.

Ein sportliches Chrono-Modell aus der Lizenzkollektion für das Modelabel Boss

Was betrachten Sie als den größten Fehler in Ihrer Zeit an der Spitze der Movado Group und der dazugehörigen Marken?

Meine Philosophie ist es, Fehler frühzeitig zu erkennen und zu korrigieren, ehe sie größer werden. Dafür ist es enorm wichtig, seinen eigenen Teams und dem Kunden genau zuzuhören. Und dann rasch zu handeln. Ein Beispiel: Als wir vor über 15 Jahren damit begonnen, als Lizenzpartner von Tommy Hilfiger erste Uhren auf den Markt zu bringen, haben wir deutlich mehr für die Werbung ausgegeben, als der Verkauf einbrachte. Wir haben dann die Kollektion komplett überarbeitet – und seitdem läuft das Geschäft wunderbar. Solche Re-Designs sind heute ein regelmäßiges To-do, so wie sich die Mode von Saison zu Saison wandelt.

Wenn Sie auf die nächsten fünf bis zehn Jahre für die Uhrenindustrie vorausschauen, was sehen Sie dann?

Es wird sich alles um uns herum noch weiter und schneller verändern. Unser Chief Digital Officer hat in einer internen Präsentation gesagt, dass in manchen Studiengängen an Universitäten das Wissen aus dem ersten Semester schon im sechsten veraltet sein könnte. Gut, die jungen Leute lernen trotzdem etwas: Wie man lernt, sich ein eigenes Bild macht, Nachforschungen anstellt und das adäquat aufbereitet. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Trends werden zunehmend flüchtiger.

Was mir für unsere Branche Mut macht, sind Gründer wie die von zwei jungen Uhrenmarken die wir in den letzten Jahren übernommen haben. Lesa Bennett und Jemma Fennings von Olivia Burton hätten jedes Produkt oder Problem für ihre Start-ups wählen können, aber sie haben sich für Uhren entschieden. Gleiches gilt für Jake Kassan und Kramer LaPlant von MVMT. Das heißt doch, dass die Uhr als Ware und Business Case noch längst nicht ausgedient hat.

Quarzmodell mit Biene, Regenbogen und roségoldfarbenem Armband von Olivia Burton

Nicht jedes Unternehmen kann sich die Zukunft als Start-up einkaufen und manche Verjüngungsstrategie ist mehr von Verzweiflung als Innovation getragen. Ihr Rat?

Man muss kein Newcomer sein, um heute und morgen zu bestehen. Wichtiger ist, zu wissen, was bestehende und potenzielle Kunden jetzt wollen und in fünf Jahren wollen könnten – und wie man zu jungen Kundengruppen einen direkten digitalen Draht entwickelt. Das war aber schon immer so, in jeder Branche. Lange vor Instagram und Facebook, als es das Wort Millennials gar nicht gab. Jede Marke hatte die nächste Generation im Blick, damit sie nicht, pardon, zusammen mit den langjährigen Kunden zu Grabe getragen wird.

Besorgt es Sie, dass aktuelle Studien den Verdacht nähren, dass die Zeit der Statussymbole – Uhren, Autos, Smartphones – bei jüngeren Zielgruppen zu Ende gehen könnte? Stichwort: Sharing Economy.

Nein, das beunruhigt mich überhaupt nicht. Und wissen Sie warum? Weil mir mein Vater beigebracht hat, dass uns Statussymbole in irgendeiner Form als Spezies seit Jahrhunderten wenn nicht Jahrtausenden begleiten. Die wird es immer geben, sie werden allenfalls ihre Form verändern. Wenn ein Produkt begehrlich ist, authentisch, dann respektieren Kunden das, dann entsteht im besten Fall Markenloyalität. Nur wird die eben selten vererbt, wir müssen also jede Generation an unsere Existenz erinnern.

Diese Überzeugung hat sich über die Jahre, in denen ich mit den großartigsten Unternehmen der Welt als Partner zusammenarbeiten durfte, nie geändert. Alle hatten kleinere und größere Schlaglöcher auf ihrem Weg, das vergisst man bloß, sobald eine Marke wieder Vollgas gibt. Nehmen wir Gucci, eine der heißesten Modemarken der Welt. Jetzt. Noch vor ein paar Jahren sah das ganz anders aus, und vor noch längerer Zeit schrammte das Haus auch mal am Bankrott vorbei. In den richtigen lenkenden Händen besitzen starke Marken jedoch eine außergewöhnliche Resilienz, gelingt dem Phönix der Aufstieg aus der Asche.

Nun haben Sie durch den Kauf von Olivia Burton und MVMT ja direkten Kontakt mit Start-up-Gründern. Drehen wir den Spieß einmal um: Was wäre Ihr „30 Second Elevator Pitch“ für die Movado Group?

Wahrscheinlich etwas nüchterner, als was so im Silicon Valley zu hören ist. Aber okay: Wir haben ein großartiges Team und fantastische Marken, für die wir hervorragendes Design mit hochwertiger Uhrmacherei zusammenbringen. Wir schätzen unsere Partner, Zulieferer sowie Mitarbeiter und hören ihnen zu, weil jeder Input wichtig ist. Und wenn mit diesem Feedback „bewaffnet“ dann die Strategie steht, dann führen wir absolut zuverlässig aus, was geplant ist.

Bei Übernahmen kollidieren mitunter verschiedene Kulturen und Managementstile. Wie haben Sie das bei MVMT und Olivia Burton gemeistert?

Ich habe schon bei den ersten Gesprächen gemerkt, dass wir gut zusammenpassen, auf einer Wellenlänge senden. Das ist mir zunehmend wichtig, denn ich bin zu alt, um noch mit Menschen zu arbeiten, die ich nicht mag. Dafür muss man natürlich auch ständig an sich arbeiten, das ist klar und ein guter Ansporn. Dass bei uns die Menschen vor allem anderen stehen, ist unser wichtigster Wert als Unternehmen. Man kann nur erfolgreich sein, wenn die Mitarbeiter für die gemeinsame Sache brennen, mit großer Motivation und Leidenschaft. Wer will schon zur Arbeit gehen, dort sein Bestes geben, und dann dafür gegängelt oder gar angebrüllt werden? Erfolg ist die Summe vieler Einzelteile. Wie eine Uhr.