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Dresscode Büro-Mode nach Corona: Das können Sie jetzt (wieder) tragen

Male Models Bridge Train Station
Was ist nach zweieinhalb Jahren Pandemie noch übrig vom Dresscode am Arbeitsplatz?
© Strellson
Was vom Dresscode übrig bleibt: Fünf Stilexperten erklären im Gespräch mit Capital, was man in Post-Corona-Zeiten am Arbeitsplatz noch – oder wieder – tragen kann

„Man muss jederzeit würdevoll aufstehen können“, hat Brioni-Designchef Norbert Stumpfl vor etlichen Monaten im Capital-Interview über Stil-Prioritäten im Homeoffice gesagt. Weise Worte. Mittlerweile sind wir wieder im Ganzkörper-Format in der Business-Welt unterwegs. Keine Chance mehr, kurz mal die Kamera auszuschalten, wenn wir uns im Outfit unwohl fühlen oder ein bad hair day angesagt ist.

Doch wie genau funktioniert Büromode in (fast) Post-Corona-Zeiten, und was ist übrig geblieben vom bereits vorher ordentlich schwächelnden Dresscode? Wieder zurück zu Schirm, Charme und Melone, den Dreiteiler aufbürsten und vielleicht sogar die Krawatte rauskramen – oder einfach in Ballonseide direkt vom Gym an den Schreibtisch? Unsicherheiten rund um das neue Normal in der Mode, die nicht nur Topmanager an der Wall Street überfordern – wie man kürzlich in einem Podcast hören konnte – sondern auch ihre Maßschneider.

Christian Fenske ist Head of Design von Eduard Dressler
Christian Fenske ist Head of Design von Eduard Dressler
© Eduard Dressler

Höchste Zeit also, dachten wir uns, einige ausgewiesene Experten der Materie um ihren Rat zu bitten. In unserem illustren Panel steuern ihre Einschätzungen bei: Christian Fenske (Head of Design von Eduard Dressler), Stilpublizist Bernhard Roetzel (Feinherr.de), Stefan Mues (CEO von Hessnatur), Ralf Klute (Division Head von CG – Club of Gents), Lars Braun (CEO von Braun Hamburg) und Floris van Bommel, Creative Direktor der gleichnamigen Schuhmarke. Ihnen allen haben wir die gleichen drängenden Fragen zum modernen Office-Outfit gestellt und präsentieren hier ihre Antworten. Let's go!

Das hole ich gern wieder aus dem Schrank nach über zwei Jahren:

Christian Fenske: Unser Motto für die neue Saison lautet „Back in Shape“, weil man sich so langer Zeit daheim in Jogpants und Hoodies schließlich mal wieder auf ein Wohlfühloutfit der anderen Art freut: einen richtig bequemen Anzug. Da hat sich gerade in den letzten zwei Jahren bei Qualität und Materialien so viel getan, dass jetzt noch mehr Komfort, Flexibilität und innovative Features eingebaut sind.

Bernhard Roetzel: Den Smoking.

Stefan Mues: Mein sehr klassisches Hemd aus Bio-Baumwolle mit Hanf und Yakwolle. Das ist weich, robust und pflegeleicht. Das Beste: Egal ob Business oder Freizeit, es passt nahezu immer und zu allem.

Ralf Klute: Ich greife gerne wieder nach einem Sakko mit passender Hose oder den neuen Hemd-Sakkos, mit beigemischtem Elasthan beziehungsweise aus Baumwolljersey. Hochwertige Optik und Bequemlichkeit, darum geht’s.

Lars Braun: Der Smoking. Darin sieht jeder Mann gut aus!

Floris van Bommel: Ich habe gerade eine neue Strategie für Kleidungsstücke eingeführt, die ich seit über zwei Jahren nicht mehr getragen habe. Morgens öffne ich meinen Schrank, nehme eines dieser Teile heraus und sage mir: Trage es jetzt oder wirf es sofort weg. Ich ziehe es dann meist an, weil ich denke, dass es mir noch gefällt und laufe den ganzen Tag in einem ziemlich scheußlichen Fummel herum. Abends kommt es dann fast immer in die Tüte für den Charity-Shop. Bis jetzt habe ich noch kein Juwel in den Tiefen meines Schranks entdeckt…

Bernard Roetzel ist Stilpublizist bei feinherr.de
Bernard Roetzel ist Stilpublizist bei Feinherr.de
© Volodymyr Duda

Das darf ruhig in der Kleidersammlung landen:

Christian Fenske: Die ganz schmalen, engen Anzüge können getrost ins Archiv!



Bernhard Roetzel: Alles, was in Richtung slimfit geht.

Stefan Mues: Meine Krawatten.

Ralf Klute: Übertrieben lässige Looks, die sehr nach Wochenende aussehen, darf man nach der langen Homeoffice-Phase gerne wieder auf dem Bügel lassen.

Lars Braun: Ehrlicherweise nichts. Guter Geschmack hat immer Stil. 

Floris van Bommel: Vor vielen Jahren habe ich lilafarbene Jeans gekauft und nie getragen, weil sie sehr albern aussehen. Dennoch gehören sie seitdem zu mir: Sie liegen immer auf Sichthöhe, wo ich mich an ihrem satten Violett erfreuen kann. Ja, sie könnten eigentlich weg, aber dieser Abschied wird mir sehr schwerfallen.

Stefan Mues ist CEO von Hessnatur
Stefan Mues ist CEO von Hessnatur
© Hessnatur

Das hatte ich gar nicht mehr und muss jetzt zügig shoppen:

Christian Fenske: Ich rate dringend zum Kauf von Teilen mit Volumen wie etwa weiten Bundfaltenhosen, weil sich die trendgerechten Schnitte zunehmend entspannen.

Bernhard Roetzel: Kurzärmelige Leinenhemden mit weichem Kragen im Stil der 1950er und 1980er Jahre.

Stefan Mues: Weiße Sneaker. Die sind längst bürotauglich und vielseitig kombinierbar. Wer dabei noch auf Nachhaltigkeit achtet, wie etwa Modelle mit einer Sohle aus recycelten Materialien, beweist seine Wertschätzung gegenüber der Natur und liegt im Trend. Auch Jeans mit Business-tauglicher Qualität und mit entspanntem fit haben Einzug in meinen Kleiderschrank gefunden.

Ralf Klute: Auf jeden Fall dürfen klassische Anzüge mit einem hohen Bequemlichkeitsfaktor nicht fehlen. Auch ein Muss: hochwertige T-Shirts, die man als Ersatz fürs Hemd anziehen kann.



Lars Braun: Wenn die Welt um uns herum in der dunklen Jahreszeit schon etwas trist aussieht, dann sollte man zu fröhlichen Kontrastfarben greifen. Außerdem freue ich mich auf leicht gemusterte Sakkos.

Floris van Bommel: Auf den Straßen sehe ich gerade mehr und mehr Baggy-Jeans. Vor Jahren brauchte ich viel Zeit und Mut, um von diesem bequemen Schnitt der 90er zu den engen Skinny-Modellen zu wechseln, wie sie bis vor kurzem angesagt waren. Jetzt Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Sprung zurück wagen sollte. Vielleicht könnte ich ein Paar kaufen und es ausprobieren? Oder ich beschließe, zu alt für Veränderungen zu sein, und behalte die schmale Silhouette für den Rest meines Lebens bei.

Ralf Klute ist Division Head von Club of Gents
Ralf Klute ist Division Head von Club of Gents
© Club of Gents

Meine generelle Prognose zum Thema Dresscode und Office-Outfits lautet:

Christian Fenske: Die letzten Monaten haben bestätigt, was vorhergesagt wurde: die Rückkehr der smarten Job-Outfits mit Wohlfühlcharakter. Allerdings wird der Freizeit-Look wohl kaum sofort aus den Büros verschwinden.

Bernhard Roetzel: Im Office wird es noch lässiger, Dresscodes werden unwichtiger. Dafür werden Eleganz und Handarbeit mehr geschätzt.

Stefan Mues: Die Modebranche hat die neue Lässigkeit des Homeoffice prompt für ihre Kollektionen aufgegriffen. Dabei kommt langlebigen Basics von hoher Qualität eine gestiegene Aufmerksamkeit zu, weil sie mit jedem Blazer zu tragen sind. Mein liebster Look fürs Büro: eine unserer Chinos und dazu ein weißes Premium-Shirt mit Merinowolle.

Ralf Klute: Alles ist erlaubt, außer Jogging-Anzug!

Lars Braun: Wenn der Krawatte schon nicht zeitnah das große Comeback gelingt, so erlebt zumindest ein formellerer Look sein Revival.

Floris van Bommel: Die Kleiderordnung im Büro wird in den kommenden Jahren kaum eleganter werden. Generell sind Dresscodes ein Auslaufmodell. Es gibt Momente, da wünsche ich mir, dass wir Menschen ein Fell hätten, wie die Hunde. Dann bräuchten wir uns überhaupt nicht zu (ver-)kleiden. Alle würden einfach von Natur aus toll aussehen. Meine Prognose für die Büromode ist, dass sie noch lässiger werden wird. Mein Ratschlag: „Stay classy!“, übrigens ein Zitat von Will Ferrell als Ron Burgundy in dem Film „Anchorman“.

Die Büromode nach Corona zeichnet sich durch eine neue Lässigkeit aus
Die Büromode nach Corona zeichnet sich durch eine neue Lässigkeit aus
© Floris van Bommel