ModeBrioni-Chefdesigner: „Man muss würdevoll aufstehen können“

Beim Namen Brioni denkt man unweigerlich an britische Geheimagenten, deutsche Ex-Kanzler, an Cary Grant, wie er im feinen Zwirn durch das Rom der 1960er flaniert. Die Kippe im Mundwinkel. An glamouröse Events, Satinrevers, an Männer eben soviel Geschmack wie Ecken und Kanten. Wie Brad Pitt, der dem 1945 gegründeten Modehaus gerade sein (Werbe-)Gesicht leiht.

Doch formelle Eleganz, High Society und Leinwandhelden sind nur eine Facette der Marke, betont Chefdesigner Norbert Stumpfl im Interview. Der gebürtige Österreicher gibt seit 2018 die kreative Richtung von Brioni vor und wird für seine klare Vision von Kritik und Branche gleichermaßen gefeiert. Für ihn stecken zudem jede Menge Pioniergeist und Extravaganz in den Archiven des Unternehmens, in die er für neue Kollektionen gern eintaucht. Und das Thema Anzug ist für den 44-Jährigen trotz Homeoffice und eingeschränkten gesellschaftlichen Anlässen auch noch lange nicht ausgereizt.

Herr Stumpfl, seit mehr als ­einem Jahr gibt es kaum Termine, die nicht vor der Webcam stattfinden. Wer braucht da noch ­einen ­Anzug?

Der wird überleben, da mache ich mir keine Sorgen. Bei uns entwickelten sich in den vergangenen Monaten Hose und Sakko sehr gut, selbst wenn der Käufer sie nicht als kompletten Anzug trägt, sondern einzeln mit einem Polohemd.

Es gibt Stimmen, die den lang­fristigen Siegeszug der Ballon­seide befürchten.

Sicher, wir gewöhnen uns alle an eine gewisse Lässig- und Bequemlichkeit, doch das hat schon vor der Pandemie begonnen. Die Herrenmode schielt zu den Sportartiklern, lässt sich von deren Dynamik und technischen Materialien inspirieren – und wird selbst beäugt, weil die Sportswear erwachsener werden wollte, mit raffinierten Schnitten und hochwertigen Webstoffen. Herausgekommen sind beispielsweise Anzüge, die einen kurzen Sprint mitmachen. Beide Welten befruchten sich, würde ich sagen.

Norbert Stumpfl, Chefdesigner der Modemarke Brioni
Norbert Stumpfl, Chefdesigner der Modemarke Brioni

Mussten Sie bei Zoom-Meetings schon mal an sich halten, wenn ein Teilnehmer sehr leger vor dem Rechner saß?

Da würde ich niemanden bloß­stellen wollen, vor allem weil ich als ­Designer viel Freiheit genieße. Eine Faustregel ist: Nicht zu steif oder formell – und so, dass man jederzeit würdevoll aufstehen könnte. Ein Kaschmir-Rolli passt perfekt, auch das Sakko mit T-Shirt darunter und dazu eine Chino oder schöne Jeans. Jogginghosen trage ich nur abends zu Hause, wenn es keiner sieht.

Was bedeutet es für Sie als De­signer, wenn das Leben der ­Kunden so auf links gedreht wird?

Anpassung, ohne Trends hinterherzulaufen, denn wir sind ein Stil- und kein Modehaus. Ich gehe auf konkrete Bedürfnisse ein, also wurde jedes Teil der Kollektion darauf überprüft, ob es zum Jetzt spricht, eine neue Idee beinhaltet und kommerziell sinnvoll ist. Im Zweifel haben wir lieber etwas weggelassen. Das ist bei vollen Lagern im Einzelhandel auch angemessen.

Wie viel Veränderung verträgt eine Traditionsmarke, ehe sie sich verbiegt?

Als klassisches Modehaus sehe ich uns nur, wenn es um Qualität und Handwerkskunst geht. Denn nostalgisch zurückgeblickt haben bereits unsere Gründer nicht eine Sekunde, als sie 1945 in Rom ihre Schneiderei eröffneten. Im ­Gegenteil: Nazareno Fonticoli, der in der Saville Row ausgebildet wurde, und der Designer Gaetano Savini waren echte Pioniere. Sie zeigten erstmals Männermode auf dem Laufsteg, einmal sogar in einem Flugzeug Richtung Amerika, und wagten beim Smoking mutige Farben wie Orange oder Gelb. Das war Avantgarde! Diese Innovationskraft und Exzentrik will ich in die Kollektionen zurückholen.

Was haben Sie sonst noch vor, um Brioni-Anzüge fit für die Zukunft zu machen?

Mein wichtigstes Ziel ist es, dass sie leicht wie eine zweite Haut werden. Reinschlüpfen und vergessen. Technisch heißt das: Wir setzen stark auf 200er- und 230er-Garne, was bedeutet, dass 200 Meter gerade mal ein Gramm wiegen. Wer solche Stoffe berührt, bekommt eine Gänsehaut!

Was braucht der Mann von Welt in diesem Sommer unbedingt?

Ein federleichtes Sakko wie unser „Leggera Jacket“. Das wird fünffädig und in doppelter Lage aus Kaschmir und Seide gewebt, danach mit einem Skalpell getrennt und wieder zusammengefügt. Das und über 6 000 unsichtbare Nähte sowie Abnäher sorgen für ein unglaubliches Freiheitsgefühl beim Tragen. Kein Wunder, dass 13 Stunden Arbeit des Schneidermeisters drinstecken. ­

Außerdem erlebt das sogenannte Arbeiterhemd aus robustem Material und mit vier aufgesetzten Taschen ein Comeback. Wir setzen es in durchgefärbter, gewaschener Seide um. Und sobald es wieder etwas zu feiern gibt, ist ein Brioni-­Smoking mit handgenähtem Revers natürlich ein absolutes Muss!

Exklusiv auf Capital.de: Brioni-Designchef Norbert Stumpfl über …

… CEOs in Turnschuhen:

„In einem warmen Land, warum nicht. Manchmal sind es ja auch versteckte Sneaker-Socken, das sieht man in Italien sehr oft. Wichtig finde ich eine perfekt passende, hochwertige Hose dazu. Wer das aber nicht ganz selbstbewusst tragen kann oder Zweifel hat, sollte es einfach lasse.“

… seine eigene Stil-Evolution:

„Auf der Modeschule in Österreich trug ich die Haare lang und selbstgeschneiderte, recht formelle Anzüge, etwa in Braun oder Beige mit großem Karo. Alle anderen trugen Jeans, ich fiel also auf. Als ich Jahre später in Linz in eine Boutique von Helmut Lang ging, ein Landsmann, änderte sich alles. Klare Linien, hohe Qualität, intellektuelle Herangehensweise … Was immer ich am Monatsende übrig hatte, investierte ich fortan in seine Mode. Viele der Teile besitze ich immer noch.

Im Studium in London trug ich dann viel Prada, weil ich in einem Laden der Marke jobbte. Als ‚Uniform‘ bekamen wir pro Saison zwei Paar italienische Schuhe, drei Hosen und tolle Pullover. Ich zog auch Teile meiner eigenen Abschlusskollektion an, dazu Designs von Jil Sander, Kostas Murkudis und Ann Demeulemeester. Brioni-Kunde war ich auch bereits, einige Kaschmir-Rollis von damals haben bis heute überlebt.“

… die Rolle des Zufalls in seinem Berufsleben:

„Ich mochte ich schon immer gern zeichnen, interessierte mich für Kunst, Architektur und Inneneinrichtung. In meiner Heimatgemeinde Taufkirchen an der Pram, die in Oberösterreich liegt und knapp 3000 Einwohner zählt, gab es jedoch nur eine Modeschule, die annähernd mit diesen Leidenschaften übereinstimmte. Also rieten mir die Lehrer, doch dort meine Matura zu machen, als Kompromiss. Ich würde sicher einige nützliche Fähigkeiten hinzulernen. Eine gute Empfehlung, denn ich liebte diese fünf Jahre mit ihrer Mischung aus Unterricht und Lehrlingsausbildung. Danach wusste ich alles über Schnittmuster, die Maßfertigung und kannte jede dabei eingesetzte Maschine aus dem Effeff.

Von der berühmten Modeakademie Central St. Martins in London erfuhr ich später ebenso zufällig, weil meine Mutter darüber in der Zeitung las und es mir erzählte. Und auch mein Praktikum beim unvergessenen Alexander McQueen verdanke ich einem Zufall. Ein Fotomodel war schmächtiger als gedacht und es wurde dringend jemand gesucht, der über Nacht umfangreiche Änderungen vornehmen konnte. Eine Freundin empfahl mich – und das war mein Entree.“

… neue Charakterköpfe:

„Aus unserer Geschichte heraus haben wir eine große Nähe zu Schauspielern, denn als in Rom die Filmstudios der Cinecittà ein beliebter Drehort wurden, in den 1950er und 1960er Jahren, kamen Stars wie Cary Grant oder Clark Gable in die Stadt. Sie wollten ebenso fantastische Outfits wie ihre italienischen Kollegen am Set tragen und kamen so auf Brioni. Neben unserem großartigen Markenbotschafter Brad Pitt finde ich zum Beispiel Riz Ahmed wundervoll, ein britischer Musiker und Schauspieler, der jetzt als erster Moslem für den Oscar in der Kategorie ‚Bester Hauptdarsteller‘ nominiert war. Er würde gut zu uns passen. Generell suchen wir nach echten Männern im Showbusiness, keine muskelbepackten Superhelden. Intelligent, talentiert, mit Sinn für Kunst und Film, sowie einem Leben voller Höhen und manchen Tiefen.“

… wichtige Stationen seiner Karriere:

„Meine Professorin Louise Wilson an der Central St. Martins hat mir beigebracht, mich selbst immer neu herauszufordern. Ich kam mit Bestnoten in ihren Master-Studiengang und sie ließ mich ein Jahr lang fast überall durchfallen, weil sie wusste, dass mir vieles zu leicht fiel. Irgendwann sagte sie mir: ‚Ich weiß, du kannst zeichnen. Aber, das, was du zeichnest, würde niemand je tragen.‘ Das hat mich zugleich geschockt und angespornt.

Mit Alexander McQueen zu arbeiten war eine unglaubliche Erfahrung, und zum Glück war ich bei ihm, als es ihm psychisch noch recht gut ging und er positiv gestimmt war. Ein absolutes Genie. In zehn Minuten hatte er einen Stoff auf einer Büste zum Couturekleid drapiert.

Bei Balenciaga, wo damals Alexander Wang der Chefdesigner war, habe ich Kommerzialität auf höchstem Niveau erleben dürfen. Bei Lanvin unter Alber Elbaz sein furioses Farbenspiel und mitreißendes Storytelling in jeder Kollektion.

Und in meiner kurzen Zeit bei Demna Gvasalia konnte ich kreative Furchtlosigkeit in Aktion erleben. Manchmal hielt er eine Farbpalette hoch und fragte mich: ‚Welchen Ton findest du besonders hässlich?‘ Ich tippte auf einen und er sagte sofort: ‚Gut, genau den nehmen wir.‘ In meine Aufgabe bei Brioni habe ich aus allen diesen Phasen wichtige Puzzleteile mitgenommen.“