KolumneWeniger tun! Mehr davon haben

Eine junge rothaarige Frau mit Sonnenbrille liegt im Gras
Lob der Faulheitdpa

Anstatt sich mehr Muße zu gönnen, feiern wir uns noch immer dafür, wahnsinnig beschäftigt zu sein und extrem viele Dinge parallel zu jonglieren. Wie ist es um eine Gesellschaft bestellt, in der es zum Statussymbol geworden ist, nonstop busy zu sein? Ein Plädoyer für das produktive Nichts-Tun und für einen anderen Umgang mit unserer Zeit.

Das Zeitparadoxon

Mit Zeitparadoxon ist hier nicht der Widerspruch gemeint, der durch eine Zeitreise entstehen kann (vergleiche hierzu „Großvaterparadoxon“ und „Paralleluniversen“ – auch spannend!), sondern der Widerspruch, dass wir noch nie so viel Zeit zur Verfügung hatten wie heute. Gleichzeitig haben wir das Gefühl, immer weniger davon zu haben. Die meisten Menschen haben heute subjektiv empfunden mehr Stress und weniger Zeit als je zuvor.

Aber warum leben wir in einer Zeit, die mit Zeit nicht umgehen kann? Okay, das könnte damit zusammenhängen, dass wir heute auch mehr Möglichkeiten haben, unsere Zeit zu nutzen. Und sicher auch mit dem technischen Wandel und damit, dass Beschleunigung zunächst mal als etwas Positives gilt. Es scheint erstrebenswert, die Erlebnisdichte in seinem Leben zu erhöhen. Wir haben es zu einem Sport gemacht, möglichst viele Dinge in unserem Leben erfolgreich zu jonglieren und das ganze möglichst lässig aussehen zu lassen, was in Wirklichkeit harte Arbeit ist. Jeder versucht, aus seiner Zeit das meiste herauszuholen. Wer ist am aktivsten, erlebt am meisten und führt das aufregendste Leben?

Beschäftigt zu sein, ist zur Bedingung geworden für einen erfüllten Lifestyle. Schon merkwürdig, wenn es gesellschaftlich erstrebenswert ist, keine Zeit zu haben, weil es Erfüllung suggeriert und zum Statussymbol geworden ist. Gleichzeitig wird die Zeit als so kostbar empfunden wie nie zuvor. So scheinen viele irgendwie in ihrem eigenen Paradoxon gefangen: effiziente Zeit-Optimierer, die niemals Zeit haben. Herzlichen Glückwunsch.

You don’t have to be busy to be important.

Wer immer einen vollen Terminkalender hat, gilt als besonders gefragt – wer hingegen viel freie Zeit hat, scheint nicht besonders wichtig zu sein. Einen wichtigen Beitrag zu unserem Zusammenleben zu leisten, hat aber herzlich wenig mit einem vollen Kalender zu tun. Vielleicht ist es normal in einer Leistungsgesellschaft, dass wir stolz darauf sind, viel zu leisten und immer geschäftig zu sein. Aber sicher würde es uns manches Mal guttun, selektiver und langsamer zu sein. Einfach mal weniger tun. Weniger tun, das heißt nicht zuletzt, mehr darüber nachzudenken, was man tut. Wer all seine Zeit dem vollen Terminkalender widmet, der versäumt es, dem Freidenken Raum zu geben.

Dabei ist gerade das freie, ziellose Herumdenken das besonders wertvolle Nachdenken. Es ist nämlich nicht nur ein Nachdenken, es ist auch ein Vordenken, ein Zur-Seite-Denken und ein Diagonal-Denken, was sich oft erst in der Pause, im Müßiggang selbst die Daseins-Erlaubnis gibt. So wird das Nichts-Tun oft zum Viel-erfahren. Das Zur-Ruhe-kommen als Quelle größter Produktivität wird völlig unterschätzt.