GastbeitragWas Manager vom WM-Aus lernen können

Bundestrainer Joachim Löw
Bundestrainer Joachim Löwdpa

Nach dem Scheitern der deutschen Nationalelf bei der Fußballweltmeisterschaft 2018 galt es für Bundestrainer Joachim Löw und das Management des DFB, den Problemen auf den Grund zu spüren, gleichzeitig aber keine Vorwürfe zu äußern oder Parolen auszugeben. Die wichtigen Fragen lauteten: Was muss passieren, damit sich die Qualität der Zusammenarbeit, die Interaktionen und das Ergebnis der Nationalmannschaft verändern?

Vor kurzem hat sich das Management-Team mit seinen Erkenntnissen der Presse gestellt – und erneut Kritik hinnehmen müssen, weil vielen tiefgreifende Veränderungen fehlten. Und doch lässt sich aus der DFB-Analyse des vorzeitigen WM-Aus und seines Umgangs damit einiges ablesen, das auch fürs Management in Unternehmen nützlich sein kann.

Mehr Emotionalität

Die Nationalspieler wurden als arrogant und abgehoben kritisiert, zogen den Zorn vieler Fans auf sich. Nun hat Joachim Löw gemeinsam mit DFB-Direktor Oliver Bierhoff einen neuen Verhaltenskodex aufgestellt. Die Spieler sollen demütiger und volksnäher auftreten, mit anderen Worten: emotionaler und nahbarer. Das kam bereits beim Nations-League-Auftakt gut an.

Emotionen können auch in Unternehmen ein verbindendes Element sein, welches das Arbeitsklima innerhalb und zwischen Abteilungen, aber auch zwischen Unternehmen und Kunden auflockert und positiv beeinflusst. Emotionen bestimmen unser Denken, unsere Einstellungen und unser Leben. Sie haben immer einen Appell – je mehr sich Führungskräfte und Team dessen bewusst sind und dies als Unterstützung bei der Verfolgung ihrer Ziele und zur Motivation der Mitarbeiter zu nutzen wissen, umso mehr können sie andere für sich gewinnen statt sie gegen sich aufzubringen.

Mehr Dankbarkeit

Im Fußballgeschäft hat das „Hire and Fire“-Prinzip Tradition. Dennoch setzt Löw seine Arbeit mit 17 von 23 WM-Spielern fort, darunter auch altgediente Performer wie Jerome Boateng. Dafür hagelte es viel Kritik. Er setzt damit auf Dankbarkeit und Loyalität gegenüber den Spielern, pflegt damit hohe Werte. Während es 2004 einen großen Umbruch im Team gab, hält Löw ein reines Team aus jungen und unerfahrenen Spielern offenkundig für ungeeignet, um bei der Europameisterschaft 2020 zu punkten.

Auch in der Wirtschaft ist Unternehmen nicht damit gedient, Teams komplett auszutauschen. Die Ergebnisse würden nicht stimmen, wenn man allein auf Newcomer setzen würde. Vielmehr kann es dem Team fürs Vorankommen helfen, sehr genau zu schauen, welcher erfahrene Mitarbeiter auch als Vorbild dienen kann, von dem sich noch viel lernen lässt und der die nötige Gelassenheit im Umgang mit Herausforderungen mitbringt. Boateng gilt bis heute als einer der besten Innenverteidiger der Welt.

Mehr Eigenverantwortung

Leider fehlt der deutschen Nationalmannschaft derzeit ein Leader wie Bastian Schweinsteiger, für mich der wichtigste Spieler für die Mannschaft bei der WM 2014. Damals wurde die Teamarbeit noch von gestandenen Spielern wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Lukas Podolski getragen, die mit ihrer Rolle und ihrem Agieren den Teamspirit stark beeinflussten und entscheidende Impulse in herausfordernden Situationen setzten. Sie zeichneten sich vor allem durch eines aus: Sie waren bereit, Verantwortung zu übernehmen: fürs eigene Handeln und Verhalten. Das ist in der WM-Mannschaft 2018 längst nicht immer selbstverständlich gewesen. Insbesondere jüngere Spieler, die auch in ihren Vereinen nicht immer spielen, sind mit einer Führungsrolle noch überfordert. Und es gibt zunehmend weniger Ausnahmespieler und Top Stürmer in Deutschland, aber genau diese braucht es, wenn man wieder eine WM gewinnen möchte.

Für Oliver Bierhoff ist deshalb klar, dass der Grundstein für High Performance in der Nachwuchsarbeit gelegt wird. Im Hamburger Abendblatt sagte er am 3. September: „Wir müssen in der Ausbildung wieder Dinge wie Individualität und Kreativität einfordern. Sicherlich waren wir in der Vergangenheit sehr taktisch ausgerichtet und haben zu viele gleichartige Spieler entwickelt. Da koppelt sich der Fußball nicht vom Leben ab. Das ist auch ein gesellschaftliches Thema. Haben die Spieler heutzutage noch den Biss? Verstehen sie Fußball als Möglichkeit zum sozialen Aufstieg? Wenn ich als Spieler von klein auf betreut werde, alles vorbereitet wird, sie alles abgenommen bekommen, werden diese Spieler schwerlich Eigenverantwortung übernehmen können.“

Führung heißt Fördern und Fordern

Eigenverantwortung ist ein Schlüssel zur Motivation und zum Erfolg. Wo ich als Mitarbeiter konkret gefordert bin, kann ich mich nicht mehr hinter einem Team oder im Räderwerk eines großen Unternehmens verstecken. Wer dazu angehalten wird, Verantwortung zu übernehmen, identifiziert sich stärker mit seinen Aufgaben, denkt mit, schaut voraus, ist loyal, und motiviert. Führung heißt mehr denn je Fördern und Fordern.

Mitarbeiter verlangen heute nach Augenhöhe und Akzeptanz, nach Transparenz und Teilhabe, nach Respekt und Vertrauen. Führung funktioniert nur mit Vertrauen. Mitarbeiter wünschen sich faires, gerechtes Verhalten seitens des Vorgesetzten. Manager tun gut daran, wenn sie nicht allein in den Führungskräftenachwuchs investieren, sondern bei jedem einzelnen Mitarbeiter an die Eigenverantwortung appellieren – damit aus dem „ihr“ ein „wir“ wird.

Bundestrainer Joachim Löw hat sich vor seine Mannschaft gestellt und die Verantwortung fürs Scheitern übernommen. Es bleibt abzuwarten, ob aus dem Scheitern die richtigen Lehren gezogen wurden und die Nationalelf wieder Spitzenleistungen zeigt. Eines ist jedoch auf dem Rasen wie auf dem Parkett gewiss: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.