KolumneVon der Würde der Müllabfuhr

Markus VäthPR

Bei uns in der Straße wird einmal pro Woche der Müll abgeholt, streng getrennt nach Papier, Bio, Gelbem Sack und Restmüll. Es ist eine Wohltat, sich nicht selbst darum kümmern zu müssen. Ich halte eine funktionierende Müllabfuhr für eine der wichtigeren zivilisatorischen Errungenschaften – neben der Rolltreppe und diesen komischen Drinks, aus denen man die Schirmchen klauben muss.

Ernsthaft: Eine funktionierende Müllabfuhr ist nicht selbstverständlich. Schauen Sie nach Rom: Dort ziehen mittlerweile marodierende Wildschwein-Familien durch die Stadt, und selbst leere Müllcontainer stinken so stark nach verrottetem Fleisch, dass man am besten die Fenster nicht mehr aufmacht. Der Abstieg geht blitzschnell, wenn ein grundlegender Dienst an der Gemeinschaft wie die Müllabfuhr nicht mehr funktioniert.

Ich mag „meine“ Leute von der Müllabfuhr. Ab und zu sehe ich sie von meinem Fenster aus in Aktion, manchmal begegne ich Ihnen auf der Straße. Dann nicke ich Ihnen ernsthaft und respektvoll zu, denn diese Müllfahrer (in der Regel sind es nun mal Männer, die unseren Dreck wegräumen) haben einen weit wichtigeren Job als ich. Auf mich als Psychologen und Kolumnenschreiber kann die Welt bei weitem leichter verzichten als auf diese Müllwerker, die stoisch, aber mit Würde ihrem Tagwerk nachgehen. Sie sind das Rückgrat unserer Städte und Gemeinden. Mich hingegen würden wahrscheinlich auch die römischen Wildschweine komisch angucken.

Respekt ist ein knappes Gut – wie Bauholz und Erdgas

Nicht mal ein Trinkgeld darf ich den Müllfahrern zustecken, das ist in Nürnberg verboten. Die sind da ziemlich streng, ich hab’s probiert. Deswegen tue ich, was im Rahmen meiner Möglichkeiten ist: Ich behandle sie mit ehrlichem Respekt und schätze sie für das, was sie tun. Für mich war die Müllabfuhr übrigens schon systemrelevant, bevor die Leute anfingen, für alles Mögliche von ihren Balkonen zu klatschen.

Olaf Scholz hatte deshalb genau den richtigen Riecher, als er im Wahlkampf das Schlagwort „Respekt“ plakatieren ließ. Respekt hat mit Würde zu tun. Würde ist das, was viele verdienen und nicht so viele tatsächlich bekommen. Im Grunde haben wir nicht nur eine Versorgungskrise mit Erdgas oder Bauholz, sondern auch mit Würde. Dabei wäre Würde eine im Grunde unendliche Ressource, die sich zum Wohl der Gesellschaft anzapfen ließe. Ein Lächeln, ein aufmunterndes Nicken kostet nichts. Auch eine Tafel Schokolade würde ich meinen Müllfahrern gern zustecken, aber da riskieren sie die Kündigung. Kein Witz. Auch hier steht die Bürokratiegesellschaft sich mal wieder selbst im Weg, aber das ist ja nun wirklich kein auf Würde begrenztes Problem.

Würde liegt im Auge des Betrachters

Im Grundgesetz steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber was ist mit der Würde der Arbeit? Schaut man sich um in der Welt unserer real existierenden Arbeitsverhältnisse, erkennt man viel Würdeloses. Rumänische Leiharbeiter, die als Obdachlose im deutschen Wald schlafen, weil sie sich kein Zimmer leisten können, sind nur die mediale Spitze des Eisbergs.

Man kann auch dreckige Arbeit verrichten und seine Würde behalten. Aber Würde liegt im Auge des Betrachters. Ein rumänischer Fleischarbeiter verliert nicht seine Würde, weil er tut, was er tut. Sondern weil er in den Augen der Gesellschaft keinen Status beanspruchen darf, weil jemand seine Not ausnutzt und er sich für wenig Geld prostituieren muss. Bei uns in Franken gibt es den Spruch: „Hättst hald wos Gscheids glernt!“ – „Hättest du eben was Gescheites gelernt!“ Mit diesem Spruch wird in unserer Wohlstandsgesellschaft gerichtet, wer Würde und Respekt verdient hat und wer nicht. Er entlarvt unsere Gedanken- und Respektlosigkeit gegenüber Menschen, denen wir die Würde genommen haben.

Mit Würde gewinnen alle

Auch im Kleinen können wir Menschen die Würde nehmen. Indem wir sie demütigen, anschreien, manipulieren. Wenn andere verlieren müssen, damit Sie gewinnen können, sind Sie auf der sicheren Straße der Respektlosigkeit. Nicht nur die Würde des Menschen sollte unantastbar sein, sondern auch die Würde der Arbeit. Schon in der Bibel steht: Du sollst die Schöpfung bebauen und bewahren. Arbeit hat Schöpfungsrang. Würdevoller geht es nicht. Wir haben zivilisatorisch – siehe Rolltreppe und Schrimchendrinks – durchaus einiges erreicht.

Fallen wir bitte in unseren Werkshallen und Bürotürmen, auf unseren Baustellen und in unseren Krankenhäusern nicht in eine vorzivilisatorische Verirrung zurück. Niemand muss verlieren, damit Sie gewinnen können. Respektieren Sie, verleihen Sie Wesen und Werk Ihrer Kollegen und Mitarbeiter Würde. Und stecken Sie, wo immer Sie das dürfen, Ihren Müllfahrern mal eine Kleinigkeit zu.

 


Markus Väth gilt als einer der führenden Köpfe der New-Work-Bewegung in Deutschland. Er ist Gründer und Geschäftsführer der auf New Work spezialisierten humanfy GmbH und Verfasser der New Work Charta, die sich für eine klare, humanistische und soziale Version von New Work einsetzt. Er hat mehrere Bücher zu New Work und Management verfasst und ist Lehrbeauftragter für New Work und Organisationsentwicklung an der Technischen Hochschule Nürnberg. Mit seinem Ansatz des Organisationscoachings begleiten er und sein Team Unternehmen in ihrer Transformation hin zu echtem New Work und einer neuen Arbeitswelt. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Markus Väth