Lars Vollmer Verantwortung: Rette sie, wer kann!

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor.
Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor.
© André Bakker
Es gibt Begriffe, die werden zur Floskel, wenn sie undifferenziert benutzt werden – wie zum Beispiel Verantwortung. Wenn Sie alles als Verantwortung postulieren, müssen Sie sich nicht wundern, dass irgendwann die Leute keine Verantwortung mehr übernehmen

Endlich ist die Jahreszeit angebrochen, in der sogar Hannover meine beiden Hauptkriterien für den richtigen Aufenthaltsort erfüllt: Ich kann Flip-Flops tragen und das Kokosöl bleibt flüssig. In dieser Jahreszeit darf natürlich – zumindest bei mir – der Grill nicht fehlen.

Seit letztem Jahr besitze ich einen richtig schönen großen Gasgrill. Ich bin nun mal ein Foodie und liebe es, aufwändige Grillgerichte zuzubereiten. Deshalb habe ich zu diesem Gerät ein fast inniges Verhältnis entwickelt. Dafür muss ich etwas Spott aus meinem Umfeld ertragen. Den kann ich seit kurzem kontern, indem ich darauf verweise, was für ein wichtiger Gedanke sich kürzlich an dem Grill entzündet hat.

Der Absturz

Angefangen hatte es damit, dass ich das Gerät unvorsichtigerweise schon im März in seine Sommerposition gerollt habe. Die befindet sich direkt am Ende der Terrasse und ist aus zwei Gründen ideal: Erstens habe ich dort genug Platz für alle Vorrichtungen und Zutaten für meine Grillschlemmereien. Und zweitens fungiert das Gerät als Absturzsicherung. Denn ich habe wohl die einzige Mietimmobilie in ganz Deutschland bezogen, bei der die Baubehörde nicht auf ein Geländer bestanden hat, obwohl die Terrasse mit einer 80 Zentimeter hohe Stufe endet.

Dieses Versäumnis wurde prompt im April meinem Spielzeug zum Verhängnis. Obwohl der Grill samt Gasflasche um die einhundert Kilogramm wiegt, fegte ihn eine fiese Böe von der Terrasse weg die Stufe hinunter. Ein spitzer Aufschrei meiner Tochter, die das Ganze beobachtet hatte, alarmierte mich. Voller Fürsorge stürzte ich – dem peitschenden Regen zum Trotz – nach draußen, richtete das Gerät wieder auf und deckte es notdürftig ab, bevor ich ins Haus zurück flüchtete. Den Schaden wollte ich bei nächster Gelegenheit besehen und möglichst reparieren. Dazu zitierte ich meinen Sohn zur Unterstützung heran. Soll ruhig etwas lernen, der Herr Teenager.

Der Auftrag

Vorsichtig nahmen wir den Grill auf der Terrasse auseinander – und stellten fest, dass er kaum etwas abbekommen hatte. Ich atmete auf. Und beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, das Gerät einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Ich erteilte meinem Sohn den Auftrag, mir dabei zu helfen. Er sollte den Unterbau gründlich säubern, während ich mir die Grillroste vornahm. Ich zeigte ihm noch, was zu tun war, und drückte ihm Eimer, Spüli, Schwamm und sogar eine alte Zahnbürste für die letzten Reste in die Hand.

Er hatte gerade mit seiner Arbeit begonnen, als mein Nachbar an den Zaun trat und ihm schelmisch zurief: „Oho, da hat dein Vater dir die Verantwortung für sein Lieblingsspielzeug übertragen!“

Und ich überlegte: ‚Habe ich das? Nein, habe ich nicht.‘

Sollte ich meinen Nachbar über sein Missverständnis aufklären? Ich entschied mich dagegen, weil meine Ausführung bei ihm wohl auf wenig Interesse gestoßen wäre. Vielleicht macht es für seinen Alltag auch keinen Unterschied. Im Alltag von Unternehmern und Führungskräften allerdings macht es einen Unterschied. Einen ziemlich großen sogar.

Die Gleichschaltung

„Verantwortung“ gehört im Management wie in der Politik zu den wahrscheinlich am meisten gebrauchten Begriffen der letzten Jahre – und das obwohl – oder vielleicht auch weil – er ein sehr vielschichtiger Begriff ist. Er ist in den unterschiedlichen Kontexten, Kulturkreisen und auch individuell mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen.

Zum Beispiel wird er häufig mit juristischer oder moralischer „Haftung“ gleichgeschaltet. Da behauptet ein Politiker von sich, dass er für seine Verfehlungen „die Verantwortung übernimmt“ und zurücktritt. Diese Rücktritte will ich auch gar nicht kritisieren. Im Gegenteil: Ich finde, davon wären noch viel mehr fällig.

Was ich aber vorschlage, ist, diese – oft auch als „formale“ Verantwortung bezeichnete – Haftung von Verantwortung im engeren Sinne, so wie wir sie unter anderem in den Unternehmen dringend brauchen, zu unterscheiden. Das eine meint das Ausbaden eines Versäumnisses oder eines Irrtums und kommt zeitlich erst nach der Verantwortung. Diese ist nämlich etwas Aktives. Sie steht für das risikobehaftete Bemühen, ein Problem zu lösen. Für dieses Bemühen kann eine Person Verantwortung übernehmen. Von einer rückwirkenden Schuldübernahme ist dies deutlich zu differenzieren.

Doch wann kann jemand überhaupt Verantwortung für die Lösung eines Problems übernehmen? Dieser Gedanke beschäftigte mich, während ich meine Grillroste schrubbte und einfettete. Und ich kam zu dem Schluss: Das ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich.

Die erste Voraussetzung ist, dass es überhaupt ein Problem gibt.

Die Unterschiede

In Unternehmen gibt es zwei Arten von Arbeitsaufträgen: die Bewältigung von Aufgaben und die Lösung von Problemen. Die beiden unterscheiden sich in zwei wesentlichen Punkten.

Das eine Unterscheidungsmerkmal liegt in der Referenz: Liegt sie intern oder extern? Wer beurteilt, ob der Auftrag erfüllt ist? Ist es der Markt, ein Kunde oder ein Chef? Erst eine externe Referenz definiert ein Problem.

Im Falle meines Grills war ich die interne Referenz: Mir musste das Ergebnis der Reinigungsaktion gefallen, niemandem sonst.

Das mag spitzfindig klingen, hat aber massive Konsequenzen. Denn ein Problem war hier nicht zu lösen. Wofür also Verantwortung übernehmen?

Das andere Unterscheidungsmerkmal ist, ob sicheres Wissen vorhanden ist. Lässt sich der Auftrag erledigen, indem der Beauftragte bekanntes Wissen anwendet, so ist für die Erledigung gar keine Verantwortung nötig, sondern nur so etwas wie Disziplin – oder zugespitzter formuliert: Gehorsam – in der Anwendung dieses Wissens.

Wie der Unterbau meines schönen Grills zu reinigen ist, weiß ich. Und dieses Wissen hatte ich meinem Sohn weitergegeben – oder es zumindest versucht.

Erst wenn beide Kriterien zusammenkommen, also die externe Referenz UND unzureichende Wissen, steht Verantwortung überhaupt im Raum.

Ausschlusskriterien für Verantwortung

Ich kann keinen Auftrag vergeben und Verantwortung dafür erwarten, wenn es gar keine Verantwortung zu vergeben gibt. Alles, was ich erwarten kann, ist ein regelhaftes Abarbeiten – also Gehorsam.

Deshalb ist es so widersinnig, wenn die Politik den Bürgern vorschreibt, im Supermarkt eine Maske zu tragen, und es dann als Akt der Verantwortung darstellt. Ob es nun medizinisch richtig ist bzw. war, Maske im Supermarkt zu tragen, tut hier nicht zur Sache. Aber tatsächlich ist die Einhaltung einer Vorschrift lediglich ein Akt des Gehorsams – unter Abgabe der eigenen Verantwortung. Denn die Verantwortung ist an die Vorschrift delegiert.

Wenn ich aber keine Verantwortung erwarten kann, dann muss ich das auch so benennen und klarmachen, dass ich in diesem Fall Disziplin oder Gehorsam fordere. Das klingt natürlich nicht so partizipativ, human und modern – das stimmt. Aber die differenzierte Verwendung der Begriffe macht es für alle Beteiligten transparenter, worum es gerade geht – und worum nicht. Und diese Klarheit schützt davor, dass der Begriff „Verantwortung“ weiter ausgehöhlt und immer nichtssagender wird.

Drei Fragen gegen die Floskelfalle

„Verantwortung“ ist auf dem Weg, zur Floskel und damit wertlos zu werden. Diese Entwicklung halte ich für gefährlich, denn wenn Sie alles als Verantwortung postulieren, müssen Sie sich nicht wundern, dass irgendwann die Leute keine Verantwortung mehr übernehmen. Schließlich müssen sie ja vermuten, dass eigentlich gar keine Verantwortung dahintersteckt, sondern nur Gehorsam. Das gilt für Mitarbeiter und das gilt für Bürger.

Zugegeben: In meinem Unternehmeralltag rutscht mir schon auch immer wieder mal eine Vermischung durch. Deshalb habe ich mir angewöhnt, mir drei Fragen zu stellen, bevor ich von der Übergabe der „Verantwortung“ für einen Auftrag spreche:

Erste Frage: Ist das überhaupt ein Problem, was hier zu lösen ist? Oder ist es eine Aufgabe? Sitzt die Referenz des Ergebnisses also außen oder innen? Und gibt es ausreichend Wissen und Regeln, wie das gewünschte Ergebnis zu erzielen ist? Antworte ich zweimal mit „Ja“, ist es eine Aufgabe – und es liegt in meiner Verantwortung, dafür zu sorgen, dass der andere das nötige Wissen zum „Wie“ und zu meiner Erwartung an das Ergebnis erfährt.

Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Würde mein Auftrag lauten „Sorge für eine erfolgreiche Markteinführung unseres neuen Produktes in Südamerika“, würde ich beide Eingangsfragen wohl klar mit „Nein“ beantworten. Weder könnte ich demjenigen klare Regeln vorgeben, wie er die Markteinführung zum Erfolg bringen kann, noch wäre ich die Referenz. Deshalb würde ich zur nächsten Frage übergehen.

Diese lautet: Bin ich gerade dabei, meinem Gegenüber trotz des Nicht-Wissens doch Regeln für die Lösung des Problems vorzugeben? Vielleicht nur aus Versehen? Das sollte ich lassen, denn sonst landet die Verantwortung sofort wieder bei mir, der ich die Vorgaben mache.

Dritte Frage: Traue ich der Person zu, das Problem zu lösen? Bei dieser Frage geht es nicht um das „Vertrauen“, das ich zum Beispiel in die Loyalität der- oder desjenigen haben kann. Es geht um das „Zutrauen“, ob die oder der das Zeug dazu hat. Denn habe ich dieses Zutrauen nicht, wäre es nicht nur sehr unfair, die Verantwortung zu übertragen, sondern vermutlich auch unwirtschaftlich.

Sortenreine Verantwortung

Auf diese Weise bekomme ich ganz gut auseinander sortiert, wo ich von Verantwortung sprechen will, und wo nicht. In gewisser Weise will ich den Begriff retten. Denn dann kann er an den Stellen, an denen es wirklich auf Verantwortung ankommt, wieder voll zum Tragen kommen. Und von diesen Stellen haben wir in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft aktuell mehr als genug!

Vielleicht haben Sie ja Lust, sich an meiner Rettungsaktion zu beteiligen.

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem Buch Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden stellt er den aktuellen Krisen die Idee einer Verantwortungsgesellschaft entgegen.

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