Karriere„Unendlich Urlaub bedeutet nicht, dass die Leute weniger arbeiten“

Jonathan Kurfess


Jonathan Kurfess ist Gründer von Appinio, einem Marktforschungsunternehmen, das von sich selbst sagt, dass es schneller ist als die Konkurrenz. Der 31-Jährige sieht im Unternehmertum die Chance, die Berufswelt nahhaltig zu verändern – und zu verbessern.


Capital: Unbegrenzter Urlaub für die Mitarbeiter – kann man das als „endless summer policy“ verstehen? 

JONATHAN KURFESS: Nein, so würde ich den Schritt natürlich nicht bezeichnen. Dass wir unseren Mitarbeitern unbegrenzten Urlaub geben, heißt nicht, dass die Leute bei uns weniger arbeiten. Es geht auch gar nicht in erster Linie darum, dass unsere Mitarbeiter so viel Urlaub machen, wie sie wollen und dann – sagen wir – 50 Tage im Jahr weg sind.

Ok, das ist verständlich. Aber worum geht es dann? 

Im Kern geht es uns darum, dass wir besser arbeiten. Und dass wir den Mitarbeitern die Flexibilität und die Möglichkeit geben, sich und ihren Urlaub selbst zu organisieren. Unsere Teams entscheiden jetzt selbst, wie sie am besten arbeiten.

Also von wo sie wollen, wann sie wollen? 

Ja. Das auch. Trotzdem würde ich das erstmal gar nicht in den Vordergrund stellen. Wir wollen in unserem Unternehmen eine Kultur aufbauen, die auf maximalem Vertrauen basiert. Ich will als Chef nicht hingehen und jeden einzelnen Mitarbeiter kontrollieren und ihnen vorschreiben, was sie wann und von wo zu erledigen haben. Ich will, dass sich die Teams da selbst organisieren und ich will meine Mitarbeiter dazu bringen, dass sie  Verantwortung übernehmen und das Bestmögliche für Appinio leisten.

Und das passiert, weil die Mitarbeiter bestmöglich erholt sind? 

Halten wir uns doch einmal nicht am Urlaub fest, den die Mitarbeiter bei uns jetzt nehmen können. Es geht doch vielmehr um die Organisation – ich will, dass sich die Leute mit dem Unternehmen identifizieren und ich will, dass die Leute motiviert sind. Dann nämlich können wir die Kontrolle über sich selbst an sie selbst abgeben.

Aber warum finden Sie das wichtig? 

Weil ich glaube, dass Mitarbeiter, die sich mit ihrer Firma identifizieren, die durch Flexibilität eine höhere Lebensqualität haben, am Ende gesünder und glücklicher sind. Im Moment stricken wir unser Leben meistens um die Arbeit herum. So funktioniert Leben und Arbeiten heute aber nicht mehr.

Wie denn dann? 

Viele Firmen fahren immer noch die Politik, dass sie wollen, dass ihre Mitarbeiter um neun reinkommen, dass sie dann ihre acht Stunden abarbeiten und dass sie dann, wenn diese Zeit rum ist, den Stift fallen lassen und nach Hause gehen. Das berücksichtigt aber nicht, wie die Menschen funktionieren. Was ist denn, wenn der eine mal morgens bis elf auf seine Kinder aufpassen muss, oder der andere ein Mittagstief hat? Wir legen da die Verantwortung in die Hände der Mitarbeiter, die Arbeit dann flexibel zu erledigen, wenn es besser in den Tag passt. Dann wird die Arbeit im Zweifel besser und unter weniger Stress erledigt.

Alles klar, das leuchtet ein. Wie organisiert man sowas? 

Wir müssen die Team-Leads in die Verantwortung nehmen. Unsere Vorgabe ist, dass sich die Teams intern koordinieren, sie müssen dafür sorgen, dass der Betrieb läuft und dass die Aufgaben auch weiterhin verteilt sind. Wenn in einem Team jemand sagt, dass er jetzt gerne vier Wochen von Ibiza aus arbeiten will und da nur einen halben Tag erreichbar ist, dann müssen die eben gucken, wie sie das umsetzen können und der Team-Lead muss das freigeben.

Sind Ihre Mitarbeiter denn dazu in der Lage? 

Ich bin überzeugt davon. Wie gesagt, das geht nur, wenn sich das Ganze mit den Interessen des Unternehmens deckt und die Arbeit erledigt wird. Wichtig ist, dass die Mitarbeiter auch verstehen, dass wir nicht nur der Arbeit halber arbeiten.

Wie meinen Sie das? 

Wir wollen ja den Arbeitsalltag für unsere Teams verbessern. Wir wollen aber auch daran arbeiten, – das klingt vielleicht ein bisschen pathetisch – die Welt ein bisschen besser zu machen. Und wir unterstützen unsere Mitarbeiter, wenn sie etwas spenden. Dann verdoppeln wir die Spende. Apponio ist selbst klimaneutral und wir geben den Kunden, die das auch sind, einen Discount. Wir spenden zehn Prozent unseres Profits oder ein Prozent unseres Umsatzes – je nachdem welche Zahl höher ist. Wir hoffen, dass unsere Mitarbeiter dadurch merken, dass sie durch ihre Arbeit dazu beitragen, dass wir das als Unternehmen leisten können. Ich glaube, das schafft ein sehr großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Und dann kann man seinem Team auch die Freiheiten geben, da sie wissen, wofür sie arbeiten.

Stehen in Ihren Verträgen denn dann überhaupt noch Urlaubstage drin? 

Klar, eine Mindesturlaubszeit von 20 Tagen darf nicht unterschritten werden. Es ist  wichtig, dass die Mitarbeiter auch nicht zu wenig Urlaubstage nehmen. Sonst funktioniert das auch nicht. Aber es ist doch so, dass in manchen Jahren etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt und dass man mal mehr oder weniger Tage frei braucht. Dafür bieten wir jetzt die größtmögliche Flexibilität.

Um das zu machen, muss man seinen Leuten vertrauen können, braucht aber auch das Selbstvertrauen, dass das funktionieren kann, oder? 

Ja. Das geht nur, wenn man erfolgreich ist. Und das sind wir. Das geht wiederum nur dann, wenn man sich die richtigen Leute ins Team holt. Da haben wir von Anfang an darauf geachtet. Wir haben in der Pandemie gelernt, dass wir im Remote-Setting sehr gut funktionieren.

Wie meinen Sie das? 

Wir haben jetzt 120 Leute im Unternehmen. Von denen sitzen rund 70 Leute in Hamburg, 15 in Berlin, ein paar in NRW und im restlichen Deutschland verteilt sowie in Frankreich, Spanien, UK und USA. Während Corona waren wir alle remote verteilt. Wir haben in dieser Zeit unser Team verfünffacht. Von zu Hause arbeiten hat für uns wunderbar geklappt.

Seid ihr trotz oder wegen Corona gewachsen? 

Ich würde sagen, weil wir ein Team haben, das in dieser Zeit einfach sehr gut funktioniert hat und weil wir ein Produkt anbieten, das viele in dieser Zeit gesucht haben. Viele Unternehmen haben sich in der vergangenen Zeit stark digitalisiert. Davon haben wir profitiert. Aber auch davon, dass wir schneller und günstiger arbeiten als andere Marktforscher.

Wie haben denn die Mitarbeiter reagiert als ihr die Urlaubs-Policy eingeführt habt? 

Wir haben bisher hauptsächlich Feedback von den Team-Leads bekommen. Die finden das gut. Aber wir haben das ja erst vor vier oder fünf Wochen eingeführt – und weil jetzt gerade ohnehin Urlaubszeit ist, können wir den Effekt noch nicht genau messen. Aber wir können uns ja in einem Jahr noch mal darüber unterhalten.


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