TrendsSurfing BRD

Surfen und Deutschland sind zwei Worte, die lange nicht zusammenpassten. Weiße Strände, die sanft in azurblaues Wasser abfallen, sind hier zu Lande eher selten; das Wetter animiert auch nicht gerade zu langen Wasseraufenthalten; und überhaupt machen die Deutschen viel zu viele Überstunden. Dennoch hat sich Wellenreiten in Deutschland vom Traum zum Trend entwickelt, immer mehr Wasserfans nutzen die Möglichkeiten heimischer Geografie von Sylt bis nach München – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Die Zahl deutscher Wellenreiter wächst stetig und befeuert die Erkundung und Erschließung surfbarer Buchten und Strände von Fehmarn bis auf die Norderney. Schluss mit Tagträumerei und rein in die kalten Fluten am Timmendorfer Strand. Sogar im Winter bei Windstärken bis zu 40 Knoten. Getrieben von der Sehnsucht nach leeren Wellen und reinem Naturerleben, hinein in millimeterdicke Neoprenanzüge mit Kopfüberzug, reichlich Melkfett im Gesicht macht es möglich.

Wellenreiten steht wie kaum eine andere Sportart für den Bruch mit heimatlichen Selbstverständlichkeiten, für die Sehnsucht und den Aufbruch nach Übersee. Doch Deutschland kann mitreden.

Die Nordsee

Das unberechenbarere Randmeer mit Atlantiköffnung entzückt mit Tiefdruckgebieten vom Spätherbst bis in den Frühling. Vor allem Sylt steht seit den 60er Jahren für leicht erreichbare Inselfaszination und die Wurzeln deutscher Surfkultur. Seichte Strände, die sich in einer einsamen Dünenprärie um Westerland ausbreiten und in endlos scheinender Einsamkeit verlieren. Die Insel ist das Zentrum einer bescheidenen Strandkultur „Made in Germany“, die sich ausgebreitet hat. Zum Beispiel Richtung Amrum, auf die ostfriesischen Inseln von Juist bis zur Norderney, nach Sankt Peter-Ording und bis in die menschenleere Einzigartigkeit von Helgoland, die nur durch heimische Robbenkolonien gestört zu werden scheint.

Die Ostsee

Touristisch, praktisch und fast zu selbstverständlich für die fernreise-liebende Expeditionsgeneration. Das Nichtschwimmerbecken Europas, bekannt als die Badeanstalt der sozialistischen Frühzeit, kann „Meer“. Nicht zuletzt, weil sich die Geschichten von windstillen Wogen unter dem Gefrierpunkt häufen und sich hinter Wald und lauter Bäumen eine romantisch verwilderte Postkartenkulisse präsentiert, die Sehnsüchte von einsamen Surfabenteuern sogar in die Mittagspause katapultieren. Die Ostsee ist ein idealer Ort für spontane Expeditionen aufgrund noch spontanerer Wellen- und Wettervorhersagen. Von gut besuchten Surfspots in Weißenhaus oder auf Fehmarn, über unentdeckte Flecken Selbstbestimmung mit richtiger Wellenausrichtung bis nach Rostock, finden sich hin und wieder Juwelen, die das Erbe bereits im Namen tragen, wie die Ortschaften Kalifornien und Brasilien in vornehmer Ironie beweisen.

Deutsche Flusswellen

München ist Produzent deutscher Stereotypen, die in der Welt als deutsche Traditionen wahrgenommen werden. Für Lederhosen –auch im Winter oder Weißwurst –sogar in Bremen genießt die Flusswelle im Englischen Garten globale Berühmtheit im Kosmos des Wellenreitens. Ein echter Exportschlager. Die konstanteste Flusswelle Deutschlands entsteht durch einen engen Wasserlauf, der genügend Süßwasser transportiert, um durch eine kleine Erhöhung eine hüfthohe Welle zu erzeugen. Tag für Tag, Nacht für Nacht strömen Touristen, Schaulustige und unzählige Surfer unter den Brückenabschnitt am Haus der Kunst und genießen eine urbane Oase der abenteuerlichen Befriedigung.

Jeder fängt mal klein an: Surfschule in St. Peter-Ording

Vor Sylt fand im vergangenen Jahr eine Windsurf Weltcup-Veranstaltung statt

In den Düsseldorfer Messehallen kann man sogar Indoor surfen

Auch auf der Isar ist Wellenreiten möglich

Am Weißenhäuser Strand an der Ostsee kann man auch im Winter surfen

Das Unentdeckte

Das Münchner Naturereignis ist nicht nur Motivation genug, selbst den heimischen Flusslauf zu erkunden, sondern animiert auch eine Vielzahl von Ingenieuren und Unternehmen, ein Angebot für ein künstlich, portables Surfvergnügen zu schaffen. Am Münchner Flughafen oder auf dem Messegelände in Düsseldorf. Auch zahlreiche Binnenseen wie der Eder- oder der Titisee bieten Potenzial für Erkundungstouren auf Stand-Up Paddleboards oder können bei starkem Wind auch mitten in Deutschland für sportliche Windsurfunterfangen sorgen. Von Mythen über unentdeckten Containerschiff-Wellen bei niedrigem Wasserstand im Rhein bis zur bekannten Fährwelle im fahrplanmäßigen Zweistundentakt vor Warnemünde. Für neue Blickwinkel auf alten Fluren. Für eine Sportart, die vom sonnigen Trendsport zu einem festen Bestandteil des Abenteuerangebots reifen könnte. Vor allem in Deutschland.