Junge Elite„Ich muss meine Zeit für etwas Sinnvolles verwenden“

Capital: Herr Shamsrizi, Sie sind ausge­zeichnet als „Global Shaper“ des World Economic Forum, waren Sti­pendiat der Yale University, die „Washington Post“ zählt Sie zu den prominentesten Stimmen der jun­gen Generation in Deutschland. Wie wird man mit 29 Jahren zu so einem Überflieger?

Bin ich das? Ich bin Hamburger mit persischen Wurzeln, und für Perser haben eigentlich nur Ärzte und Ingenieure einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Mein Schwesterherz ist Medizinerin. Ich hingegen habe politische Philosophie mit Schwerpunkt Gerechtigkeitstheorie studiert. Ich fand es immer langweilig, nur das zu tun, was die Leitlinie oder der gesellschaftliche Rahmen vorgeben. In der Schule nur die Schularbeiten, an der Uni nur die Uniarbeiten? Damit ist der Tag ja noch nicht voll. Ich habe immer viel parallel gemacht. Unter den Stipendiaten an der Berliner Humboldt-Uni war ich in meinem Jahrgang übrigens der einzige, der kein Überflieger-Einser-Abitur hatte.

Was hat Sie an der Gerechtigkeits­theorie gereizt?

Ich bin in Deutschland mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass ich ein Bildungsprivileg genieße. Mir war klar, dass ich meine Zeit für etwas Sinnvolles verwenden muss. Irgendwann im Studium in den USA und Großbritannien habe ich erkannt, dass ein „Social Business“ dafür den besten Rahmen bietet. Denn meine Motivation ist es, nicht nur Dinge zu finden, die etwas verbessern, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden.

Probleme in Pflege und Gesundheit von Grund auf neu denken

Der Anspruch gilt auch für Retro­brain? Ihre Firma lässt Senioren an Spielkonsolen kegeln und Motor­rad fahren, um Demenz und Stür­zen vorzubeugen. Ein innovativer Ansatz, der aber gerade erst in der Erprobungsphase mit einer Kran­kenkasse steckt.

Wir arbeiten auch schon an einer Parkinson- und einer Schlaganfallversion. Systemisch und strukturell werden wir die Pflege von Patienten nicht komplett reformieren. Wir können nur Puzzlestücke zur Lösung beitragen. Im Kern müssen die Probleme in den Bereichen Pflege und Gesundheit politisch gelöst und von Grund auf neu gedacht werden.

Vielleicht könnten Sie in der Poli­tik mehr bewegen?

Das war ursprünglich auch meine Idee. Aber nach allem, was ich mir anschauen konnte, ist mir das politische System zu langsam und vor allem zu selbstreferenziell. Außerdem würde ich gerne das eine tun, ohne das andere zu lassen. Das geht in Kontinentaleuropa aber offenbar nicht so gut wie im angelsächsischen Raum. Hier laufen die Diskurse von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft getrennter, als es uns guttut.

„Ich finde es hochgradid unanständig, keine Chancengerechtigkeit anzustreben“

Im Wahlkampf haben Sie sowohl FDP­-Chef Christian Lindner als auch SPD-­Chef Martin Schulz unterstützt. Ist das opportun?

Als Linksliberaler bin ich halt heimatlos zwischen der SPD und der FDP, wie sie heute aufgestellt sind. Vor Jahren bin ich von Henning Voscherau als SPD-Mitglied geworben worden. Damals habe ich mir die Mühe gemacht, die Grundsatzprogramme der Parteien zu lesen, und bin beim Menschenbild hängen geblieben. Ich finde es hochgradig unanständig, keine Chancengerechtigkeit anzustreben. Daher finde ich eine freiheitliche Ordnung, an der nicht jeder gleich partizipieren kann, moralisch verwerflich und volkswirtschaftlich doof. Ich weiß nicht, warum wir uns da so schwertun.

Vorerst leben Sie sich also vor allem bei Retrobrain aus. Und wie sieht es in fünf Jahren aus?

Wo ich in fünf Jahre stehe, weiß ich nicht. Wäre auch furchtbar einengend, wenn ich es wüsste. Das würde bedeuten, dass nicht noch etwas Faszinierenderes um die Ecke kommen kann.


Manouchehr Shamsrizi, 29, ist Mastermind und größter Gesellschafter von Retrobrain. Die Firma entwickelt Computerspiele als Prävention gegen Demenz und Stürze im Alter.


 

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