Junge EliteEsra Küçük: von Umwegen lernen

Esra Küçük
Esra Küçük
© Ute Langkafel, MAIFOTO

Esra Küçük ist Mitglied im Direktorium des Berliner Maxim-Gorki-Theaters. Sie baut dort das „Gorki-Forum“ auf, einen Ort für öffentliche Debatten zwischen Kultur, Wissenschaft und Politik. Zuvor leitete sie die „Junge Islam Konferenz“, die sie 2010 selbst gegründet hat. Den Berufseinstieg machte Esra Küçük nach ihrem Studium der Politikwissenschaften durch ein Traineeprogramm der Stiftung Mercator. Die 33-Jährige gehört zur von Capital gekürten Jungen Elite 2016.


Frau Küçük, die Themen Vielfalt und Austausch ziehen sich durch Ihren Lebenslauf. Wie kommt das?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Aufstiegschancen stark vom jeweiligen sozioökonomischen Hintergrund abhängen. Chancengerechtigkeit und die Frage, wie wir uns ihr annähern können ist ein Thema, das mich schon lange beschäftigt.

Deshalb haben Sie aktiv am gesellschaftlichen Dialog teilgenommen. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das beruflich tun wollen?

Ich bin sehr früh ein politisch handelnder Mensch gewesen. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien und die damalige Rot-Grüne Regierung haben mich politisiert. Da ein Teil meiner Familie aus dem heutigen Mazedonien kommt, hatte ich einen persönlichen Bezug zu der Region. Seit dem Nato-Einsatz im Kosovo habe ich mich neben der Schule engagiert. Wir haben damals mit der Organisation „Schüler Helfen Leben“ Schulen und Jugendbegegnungshäuser im Kosovo aufgebaut, um in der heranwachsenden Generation Dialog zu fördern.

Die Arbeit in einer Stiftung nach dem Studium war dadurch nur logisch?

In der Stiftung Mercator habe ich eine zugleich unternehmerische und zivilgesellschaftliche Institution kennengelernt, die eine klare progressive gesellschaftspolitische Agenda verfolgt hat. Das hat viele engagierte junge Nachwuchskräfte fasziniert. Wir sagten damals immer „we are in the business of change“ – professionelle Weltverbesserer. Die Regionen Türkei, China und Europa standen im Vordergrund.

Und dann kam Thilo Sarrazin…

Die Debatte nach der Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Thesen markierte für mich eine gesellschaftliche Zäsur, in der die Grenzen des Sagbaren verschoben wurden. Viele von den neonationalen und rechtspopulistischen Bewegungen, die wir heute deutlich sehen, haben sich genau in dieser Zeit formiert und Aufwind erhalten. Viele der Folgen daraus sehen wir heute ganz deutlich. Es wurde ein neues Feindbild entworfen. Die neuen „Anderen“ waren unter dem Label „Muslime“ und „Islam“ zusammengefasst. Das hat mich damals dazu bewegt diese Debatten in der Gesellschaft zu begleiten und zu versuchen mit mehr fundiertem Wissen und Fakten gegen Vorurteile vorzugehen.

So ist die Junge Islam Konferenz entstanden…

Ja, deshalb habe ich versucht, die Junge Islam Konferenz auf breite Beine zu stellen. Ein großes Forschungsprojekt der Humboldt-Universität wurde angedockt, um deutschlandweit repräsentative Umfragen zum Meinungsbild zu ermitteln. Um gleichzeitig in den politischen Raum zu wirken, haben wir in die vom Bundesinnenministerium ins Leben gerufene Deutsche Islam Konferenz hinein kommuniziert. Wir konnten das Bildungsprogramm der Jungen Islam Konferenzen in vier Bundesländern einführen, auf kommunaler und Bundesebene politische Empfehlungen abgeben, Trainer für die politische Arbeit ausbilden und neue Lehrerfortbildungen konzipieren.

„Mit dem Begriff Karriere kann ich mich gar nicht identifizieren“

Das alles war nur möglich dank eines großen Netzwerks. Wie haben Sie es geschafft, das aufzubauen? Sie waren ja gerade einmal 28 Jahre alt.

Aus meiner Traineezeit bei der Stiftung Mercator hatte ich tatsächlich viele Kontakte. Das war und ist ein belastbares Netzwerk. Auch weil inzwischen viele der damaligen jungen Nachwuchsführungskräfte überall in Deutschland in wichtigen Institutionen sind. Entscheidend war zudem, dass wir mit der Jungen Islam Konferenz einen Zeitgeist getroffen haben. Zu dem Zeitpunkt fehlte in Deutschland einfach eine junge herkunftsübergreifende Perspektive.

Und Sie leiteten auf einmal ein großes Dialogforum, eine Tochtergesellschaft der Stiftung Mercator. Wie passte das in Ihre Karriereplanung?

Ich habe mir nie viele Gedanken darüber gemacht, welcher Schritt auf den nächsten folgen müsste. Mit dem Begriff „Karriere“ kann ich mich gar nicht identifizieren. Mein Motor sind gesellschaftliche Themen. Wir erleben gerade eine der größten gesellschaftlichen Umwälzungen unserer Zeit, in der lang errungene Selbstverständlichkeiten wieder neu in Frage gestellt werden. Wir erleben eine extreme gesellschaftliche Spaltung in Europa. Das sind Themen, die mich bewegen. Ich glaube, dass es hier sehr wichtig ist, sektorübergreifende Ansätze zu entwickeln. Deshalb bin ich nun in der Kultur.

Wie sehr unterscheidet sich die Arbeit am Gorki Theater von dem, was Sie zuvor gemacht haben?

In der Arbeit mit der Jungen Islam Konferenz habe ich die Erfahrung gemacht, dass wir Menschen nicht nur über den Kopf, sondern mehr über den Bauch erreichen müssen. Wir sind mit dem faktischen Ansatz an eine Grenze gestoßen. Wir haben gemerkt, dass wir die Menschen nicht mehr mit Wissen und falsifizierten Argumenten erreichen. Im Theater werden mehr die Herzen angesprochen. Am Gorki lerne ich viel über gesellschaftliche Narrationen.

Die Intendanz hier am Haus hat die Freiräume geschaffen, neue Wege zu gehen und auszuprobieren. So kam es zu Stande, dass ich als Politologin im Direktorium eines Berliner Theaters arbeite. Meine Aufgabe ist es, so lange wie möglich eine Außenperspektive zu bewahren, um hier am Theater unterschiedliche Welten zusammenbringen zu können. Natürlich ist das auch mit Reibung verbunden, aber wie heißt es doch so schön: Nur so entsteht Wärme.

Inwiefern bereichert Sie diese Position?

Ich nehme viel aus der Kulturarbeit hier mit: Wie man unkonventionelle Ideen entwickelt, sich mit einem relativ kleinen Budget den großen Themen des gesellschaftlichen Wandels widmet. Wie man Freiräume schafft und wie letztendlich aus guten Arbeiten mit einigen Handgriffen sehr gute Arbeiten werden können. Unabhängig von der Organisation, für die man arbeitet, braucht es aber immer etwas, für das man thematisch brennt. Für mich sind das Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Statt geradem Karriereweg: Mut haben, den Sektor zu wechseln

Was ist für Sie das wichtigste Argument für einen Job?

Man sollte etwas machen, für das man einstehen kann in einem Umfeld von Menschen, von denen man gerne etwas lernen möchte. Ich höre oft, dass junge Leute versuchen, einen glatten, geraden Weg zu gehen, bloß keine Fehler zu machen. Ich glaube, dass man besonders von den Umwegen lernt und an den Misserfolgen wächst. In der heutigen Zeit gibt es doch eigentlich nur noch selten den konventionellen geraden Weg. Das wichtigste ist, dass man für das, was man tut auch richtig leidenschaftlich brennen kann. Dabei kann man auch ruhig den Mut haben, mal den Sektor zu wechseln. Nur so lernt man weiter. Es wird einem immer wieder auf die Füße fallen, wenn man etwas macht, was nicht zu einem passt.

Welche Rolle hat ein großes Netzwerk für Ihre Karriere gespielt?

Natürlich sind Netzwerke wichtig. Allerdings kommt es gerade am Theater – aber auch in der Politik – auf Authentizität an. Ich hatte bisher das große Privileg mit Menschen zusammen zu arbeiten, die inhaltlich getrieben sind. Das fordert aber auch, vieles von sich selbst zu geben.

Haben Sie auch Mentorinnen und Mentoren, die Sie unterstützen?

Für mich waren starke Frauen wichtig, die sich in männerdominierten Bereichen authentisch abheben. Zum Beispiel meine Doktormutter Prof. Naika Foroutan. Inspirierend ist für mich natürlich auch Shermin Langhoff, die Intendantin des Gorki. Sie hat mir mit ihrer vielfältigen Erfahrung verdeutlicht, was Theater alles bewegen kann. Ganz im Schillerschen Sinne: ‚Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.‘

Seit 2007 sucht Capital für das Projekt „Junge Elite“ in ganz Deutschland nach Talenten wie Anna Herrhausen und kürt alljährlich die „Top 40 unter 40“ in den vier Kategorien „Unternehmer“, „Manager“, „Politik“ sowie „Staat und Gesellschaft“. Alle sind jünger als 40 Jahre, haben beachtliche Erfolge vorzuweisen und noch viel Potenzial. Einige sind schon an der Spitze, andere noch auf dem Sprung dorthin; manche machen durch bahnbrechende Ideen und Start-ups auf sich aufmerksam, andere gehen den Weg durch Konzerne und Institutionen.