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Interview Nora Bossong: „Unserer Generation fehlt Reife“

Nora Bossong, selbst Anfang des Jahres 40 geworden, hält viele Gleichaltrige schlicht für zu bequem
Nora Bossong, selbst Anfang des Jahres 40 geworden, hält viele Gleichaltrige schlicht für zu bequem
© PR
Mit Annalena Baerbock und Christian Lindner übernehmen junge Politiker, die gerade um die 40 Jahre alt sind, Regierungsverantwortung. Wie tickt diese Generation? Die preisgekrönte Schriftstellerin Nora Bossong hat ein schonungsloses Sittengemälde ihrer Altersgenossen gezeichnet.

An die Spitze der Regierung hat es die Grünen-Politikerin Annalena Baerbock nicht geschafft, obwohl sie es sich zugetraut und dafür kandidiert hat. Immerhin ist die 41-Jährige im Kabinett zur ersten Außenministerin Deutschlands aufgestiegen. Dagegen ist der gleichaltrige CDU-Politiker Jens Spahn mit seinen Ambitionen auf das Kanzleramt gescheitert und mitsamt seiner Partei in der Opposition gelandet. „Diese äußerst selbstbewusste Aufsteigergeneration, changiert zwischen Mut und Anmaßung“, sagt Nora Bossong.

Das Buch ist am 24. Februar 2022 im Verlag Ullstein erschienen
Das Buch ist am 24. Februar 2022 im Verlag Ullstein erschienen

Bossong, selbst gerade 40 geworden, ist weder Soziologin, noch Psychologin oder Politologin. Sie ist Schriftstellerin und fällt ein scharfes Urteil über ihre Generation. „Die Geschmeidigen“ hat sie ihr neues Buch genannt, in dem sie die zwischen 1975 und 1985 Geborenen beschreibt. Sie nimmt sich selbst nicht aus, schildert ihre eigenen Erfahrungen und Anschauungen der vergangenen Jahrzehnte ausführlich autobiographisch. Dazwischen schneidet sie die Schilderungen von Gesprächspartnern: CSU-Politikerin Dorothee Bär erzählt, wie sie mit ihren Eltern nach dem Mauerfall durch die ostdeutschen Bundesländer gereist ist. Grünen-Vorsitzender Omid Nouripur berichtet über Krieg und Flucht aus seiner Heimat.

Mit gut zwei Dutzend Frauen und Männern um die 40 aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft hat Bossong gesprochen. Darunter Christian Lindner, Katja Kipping, Lars Klingbeil, Airbus-Manager Bruno Fichefeux, Staatsrechtler Florian Meinel, Luftwaffenpilotin Nicola Winter und ein BND-Mitarbeiter.

Von ihnen will Bossong wissen, was ihnen wichtig ist, was sie ängstigt, was sie stark gemacht hat. Dafür spannt sie in ihren Gesprächen eine Folie mit dem ganz großen zeitgeschichtlichen Bogen auf: vom Ozonloch, sauren Regen, Tschernobyl über Kriege auf dem Balkan und in Afghanistan, zum Mauerfall, dem Brexit, der US-Wahl, bis zur Flüchtlingspolitik, Globalisierung, Gleichberechtigung und Rechtsradikalismus.

Wie prägen diese Ereignisse einen Menschen? Und was bedeuten diese Erfahrungen für eine Generation, die nun an die wichtigen Schalthebel der Macht vorrückt? Mit einfachen Antworten gibt sich die preisgekrönte Schriftstellerin, die sich in ihren Romanen, Gedichten und Essays häufig mit gesellschaftspolitischen Themen wie der Arbeit der UN und dem Völkermord in Ruanda („Schutzzone“, 2019) oder der NS-Zeit des Auswärtigen Amts („Webers Protokoll“, 2009) befasst, nicht zufrieden. Im Capital-Interview sagt Bossong, was sie von der „Generation Geschmeidig“ erwartet und fordert.

Frau Bossong, Sie haben preisgekrönte Romane und Lyrik geschrieben.Was hat Sie dazu bewegt, ein sachliches Sittengemälde über die Generation der heute 40-Jährigen zu schreiben?

NORA BOSSONG:Meine Romane sind auch immer in der Realität verankert. Ich habe immer viel recherchiert, um etwa über die Vereinten Nationen zu schreiben oder über die verdrängte NS-Zeit des Auswärtigen Amts. Aber mit meinem neuen Buch wechsle ich eindeutig ins nicht-fiktionale Genre. Das hat etwas mit der Situation zu tun, in der wir gerade leben – mit diesen sehr beunruhigenden, extrem antidemokratischen Tendenzen. Mir geht es darum, zu schauen, wer jetzt an entscheidenden Positionen die Verantwortung für die Entwicklung in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten übernimmt. Ich will wissen, wie diese junge Elite auf unsere Probleme blickt und welche Ideen und Lösungen sie entwickeln. Darüber hinaus will ich auch eine Lanze für einen Parlamentarismus brechen, der wieder ein aktives politisches Handeln vermittelt. Das wollte ich nicht fiktional beschreiben, sondern ganz real. Und ich hatte das Glück, das ich mich dazu mit vielen Politikerinnen und Politikern treffen konnte, die jetzt in der neuen Regierung vertreten sind.

Sie haben für das Buch mit 25 Frauen und Männern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft gesprochen, etwa mit Christian Lindner, Katja Kipping, Lars Klingbeil und Omid Nouripour. Alle sind um die 40-Jahre alt. Welche Auswahlkriterien hatten Sie noch?

Ich habe alle im Bundestag vertretenen Parteien angesprochen, ganz gleich, ob ich deren Werte vertrete oder nicht. Alice Weidel von der AfD hat meine Anfrage ignoriert. Zudem habe ich auf Geschlechterparität geachtet und versucht, möglichst Personen aus der ersten Führungsriege zu gewinnen. Mir war auch wichtig, eine repräsentative Verteilung nach Herkunft aus Ost- und West-Deutschland zu haben, ebenso wie Menschen mit Migrationshintergrund. Außerdem habe ich Vertreter der Bundeswehr hinzugenommen, deren Blick auf die Anschläge von 9/11, auf Einsätze etwa in Afghanistan und die akute Kriegsgefahr mitten in Europa sehr relevant sind, um die Haltung unserer Generation zu verstehen. Aus dem Kulturbereich trage ich selbst meine Erfahrungen und Erlebnisse bei und bringe noch Daniel Kehlmann mit ein, den ich sehr schätze, als überaus klugen und erfolgreichen Schriftsteller dieser Generation.

Prominente Politiker und Manager sind es gewohnt, von Journalisten befragt und begleitet zu werden. Wie ist es, als Schriftstellerin diesen Zugang zu bekommen?

Ich glaube, eine größere Offenheit erlebt zu haben, die über ein journalistisches Interview hinausgeht. Die Gesprächspartner wussten, dass ihre Aussagen nicht umgehend veröffentlicht wurden und ich ein Format bediene, das sie vielleicht als etwas weicher empfinden als die Veröffentlichungen in der Presse. Das ist natürlich immer auch eine Frage des Charakters. Während der damalige CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sehr kontrolliert wirkte, fand ich Linda Teuteberg und Christian Lindner von der FDP beispielsweise sehr offen. Lindner hatte ich allerdings auch schon mal vor Jahren für eine Geschichte begleitet, genauso wie Omid Nouripour. Wir kannten uns, haben Kontakt gehalten. Darauf konnte ich gut aufbauen.

Sie beschreiben im Buch, dass Paul Ziemiak Sie im Konferenzsaal des Konrad-Adenauer-Hauses auf dem Stuhl der damaligen Kanzlerin Angela Merkel Platz nehmen ließ. Ein raffinierter Trick. Fühlten Sie sich nahe dran an der Macht?

Macht hat auch immer etwas mit Schauspiel zu tun. In dem Zusammenhang war das natürlich eine wunderbare Inszenierung, die auch etwas bei mir ausgelöst hat. Auf dem Stuhl fühlt man sich einen Moment lang etwas erhöht. Dabei sieht der Stuhl aus wie alle anderen, könnte auch zuvor vertauscht worden sein, so dass ich vielleicht auf dem Stuhl von Ralph Brinkhaus saß. Das ist ein galantes, aber durchschaubares Spiel, eine vorbereitete, vorgebliche Wertschätzung.

Haben Sie etwas Neues über Ihre prominenten Gesprächspartner erfahren?

Das sind Berufspolitiker, die mir natürlich nicht ihre intimsten Geheimnisse anvertrauen oder plötzlich eine ganz andere Haltung vertreten. Aber die Gespräche über ihre Herkunft und die Erlebnisse, die sie geprägt haben, waren schon aufschlussreich. Mir geht es ja gerade darum, zu erfahren, aus welcher Welt diese Menschen kommen und wie sie auf die Welt von heute und morgen blicken. Welche Hoffnungen und Ängste hatten sie in der Jugend? Was hat maßgeblich zu ihrer Politisierung beigetragen? Da gab es schon einiges, was ich zumindest vorher so nicht wusste.

Als Schriftstellerin sind Sie nicht der objektiven Berichterstattung verpflichtet. Diese Grenze überschreiten Sie auch, wenn Sie darüber schreiben, dass Sie im Bundestagswahlkampf für die Linke Wahlplakate aufgehängt haben. Wie positionieren Sie sich?

Ich sehe mich als politischen Menschen und als politische Autorin. Bei meiner Recherche möchte ich möglichst weit mitgehen und eintauchen. Ich wollte einen Eindruck bekommen, wie sich Wahlkampf anfühlt. Plakatekleben ist Basisarbeit. Die Spitzenpolitiker sind nicht dabei. Aber da gibt es wirklich magische Momente voller Spannung und Euphorie. Das hätte ich nicht gespürt, wenn ich es nur aus der Ferne angeschaut hätte. Die Erfahrung hilft mir, die Dynamik von Parteien besser zu verstehen. Meine eigene politische Position stelle ich dabei hinten an.

Früher haben sich Schriftsteller wie Günther Grass oder Heinrich Böll politisch positioniert, sogar Wahlkampf für Willy Brandt gemacht. Wer macht das heute noch?

Es gibt ein paar engagierte Intellektuelle wie Carolin Emcke, Navid Kermani oder Juli Zeh. Aber die Mehrheit der Romanschreiber ist unpolitischer geworden. Seit den 90er-Jahren sind Schriftsteller zunehmend ins Private abgewandert. Es gibt in meiner Generation eine gewisse Bequemlichkeit. Da wird höchstens noch die vergebliche Wohnungssuche in Berlin als politischer Widerstand gegen die Gentrifizierung stilisiert. Da fehlt mir ein tiefergehendes Interesse für komplexe politische Zusammenhänge.

Sie gehören selbst zur Generation der 40-Jährigen und schildern in Ihrem neuen Buch die politischen Zusammenhänge der vergangen vier Jahrzehnte ausführlich durch eigene Erfahrungen und Anschauungen. Mit diesem autobiographischen Zugang folgen Sie eher Ihrem Kollegen Florian Illies, der vor 20 Jahren seine Alterskohorte in „Generation Golf“ skizziert hat, als den wissenschaftlichen Psychogrammen von Soziologen oder Psychologen.

Die Stärke von Schriftstellern wie Florian Illies und mir ist, dass wir anschaulich erzählen können und damit einer größeren Leserschaft den Zugang zum Thema eröffnen. Die autobiographische Erzählung ist dabei ein Hilfsmittel, um zeitgeschichtliche Episoden anschaulich vor dem inneren Auge der Leser aufleben zu lassen. Etwa wenn ich beschreibe, wie ich nach der Bundestagswahl 2005 mit einer Freundin die Elefantenrunde im Fernsehen angeschaut habe. Und diese Freundin, die politisch sehr weit links steht, sich während der ausfallenden Äußerungen von Gerhard Schröder plötzlich emotional aufgewühlt auf die Seite der CDU-Politikerin Angela Merkel schlägt. Das ist anschaulicher, als die nüchterne Aussage: Angela Merkel hat die Wahl gewonnen.

Ihre Generation ist in den 80er- und 90er-Jahren mit Frieden und politischer Stabilität, mit Wirtschaftswachstum und Wohlstand groß geworden. Was macht das?

Es ist eine Generation, die in einer Zeit aufgewachsen ist, als die großen Kämpfe der Nachkriegs- und 68er-Generation vorbei zu sein schienen. Da ist bei meiner Generation erst gar keine Kampfeslust aufgekommen. Einerseits haben sie damit keine Energie für ideologische Grabenkämpfe verschwendet. Andererseits bleiben sie auch zu oft träge auf dem Sofa hängen. Wir haben als Kinder oder Jugendliche erlebt, dass die allergrößten Konflikte gelöst werden können: die Wiedervereinigung, das Ende der Sowjetunion und des Kalten Krieges. Das hat zu einer Haltung geführt nach dem Motto: ‚Es wird schon alles gut gehen. Wenn der Kalte Krieg endet, wird sich das mit dem Klima auch schon wieder einrenken.‘ Zu dieser Sorglosigkeit kommt ein Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen, die ich wirklich problematisch finde. Da gibt es kaum jemanden, der voller Überzeugung, Begeisterung und Euphorie für den Parlamentarismus, für den Bundestag, für die EU eintritt. Die Klage dieser Generation über die Trägheit dieser Institutionen ist eine vorgeschobene Naivität, die die komplexen Abläufe in Ausschüssen und Arbeitsgruppen ignoriert. Ich hätte mir von meiner Generation viel mehr Engagement und Wertschätzung für diese politische Arbeit gewünscht. Erst angesichts der akuten Kriegsgefahr in Europa, erkennen viele, wie toll der Frieden ist, den wir für selbstverständlich gehalten haben.

Ihr Resümee im Buch lautet: „Wir sind eher die Stillen, die Geschmeidigen, die Angepassten.“ Das klingt nicht nach den herausragenden Fähigkeiten erfolgreicher Führungsfiguren.

Ja, das stimmt. Christian Lindner hat gesagt, dass dieser Generation eine charakterliche Härte fehlt. Ich würde eher von fehlender Reife sprechen. Aber wir können diese Generation auch nicht abschreiben und zehn Jahre warten bis die Aktivisten von Fridays For Future soweit sind. Unsere Generation hat zumindest als erste zwei Leute hervorgebracht, die sich mit gerade mal 40 Jahren das Kanzleramt zugetraut haben: Annalena Baerbock und Jens Spahn hatte diese Ambition auch. Diese äußerst selbstbewusste Aufsteigergeneration, die zwischen Mut und Anmaßung changiert, muss jetzt mal einen Schritt weiter gehen und zeigen, dass sie machtvoll, beharrlich umsetzen kann. Baerbock hat den Wahlkampf um das Kanzleramt verpatzt, aber als Außenministerin hat sie innerhalb kurzer Zeit in eine seriöse, solide Rolle gefunden.

Kriegsgefahr, Pandemie, Klimawandel, Verteidigung der Demokratie – wir stehen vor großen Herausforderungen. Was können wir von den jungen Machthabern wie Annalena Baerbock und Christian Lindner erwarten?

Ich erwarte, dass sie Brückenbauer sind zwischen den Generationen. Sie müssen die Anliegen der Jüngeren einbinden, die sehr wütend und radikal sind. Sie müssen pragmatische Wege der Umsetzung in den demokratischen Strukturen finden und da richtig Tempo reinbringen. Das ist die große Aufgabe und Chance meiner Generation, die das auch besser verstanden hat als die vorherige. Dass Baerbock die ehemalige Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan an ihre Seite geholt hat, als ältere, sehr erfahrene Expertin finde ich klug und sinnvoll. Als nächstes muss diese Generation eine perspektivische Politik machen. Eine Politik, die nicht nur reagiert, sondern aktiv gestaltet, die eine Vision für die kommenden 20 Jahre entwirft - für eine Zukunft, auf die wir uns freuen können.


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