GastkommentarWarum Netzwerke immer gewinnen

Steve Jobs hat einmal etwas Schönes gesagt: „Ihr könnt die Punkte nicht beim Blick nach vorne verbinden, sondern erst wenn ihr zurückschaut.“ Wenn wir in ein paar Jahrzehnten auf diese Ära zurückblicken, bin ich mir ziemlich sicher, dass wir in der Lage sein werden diese Milliarden und Milliarden kleiner Punkte zu sehen, von denen Jobs gesprochen hat. Weil wir momentan das Zeitalter der Netzwerke durchleben.

Ich spreche nicht von Wi-Fi-Netzwerken oder mobilen Netzen; auch nicht vom Internet der Dinge, wie wichtig all diese Dinge auch sein mögen. Bei den Netzwerken, von denen ich spreche, handelt es sich um intelligente Märkte bildende Netze und Verbraucher, die sich zusammenschließen, um sich in unsere größten Konkurrenten zu verwandeln, ja zu Feinden, wenn wir nicht vorsichtig sind.

Peter Hinssen
Peter Hinssen, Autor von „The New Normal“, Mitgründer von nexxworks und Anhänger der Idee von der zerstörerischen Innovation

Es ist erstaunlich, dass in dieser aufregenden Zeit mit ihrem halsbrecherischem Tempo viele Organisationen scheinbar nicht auf die Entwicklungen reagieren. Sicher, viele Menschen sind verängstigt angesichts der Dynamik. Aber die meisten machen so weiter wie bisher. Sie halten an ihren Hierarchien mit ihren ordentlich strukturierten Organigrammen fest. Sie arbeiten gut klingende Drei-Jahres-Plänen mit bunten Kuchendiagrammen aus. Sie engagieren den einen genialen Experten, der ihr Unternehmen umkrempeln soll und dann sperren sie ihn in ein Büro mit einem Designerschreibtisch, damit er sich schlaue Innovationen ganz für sich allein ausdenken kann. In Kürze: Sie versuchen das aufregende Chaos zu bekämpfen und der Welt da draußen mit Ordnung und Struktur davonzubrausen.

Die Kraft der Netzwerke

In den Worten von General Stanley McChrystal „es braucht ein Netzwerk, um ein Netzwerk zu bekämpfen“. Als McChrystal sich mit al-Kaida im Irak konfrontiert sah, begriff er, dass das rigide hierarchische Modell der US-Armee – und ihre Art zu kommunizieren, zu entscheiden und effektiv zu agieren – niemals gegen die schnellen und scheinbar unvorhersehbaren Bewegungen des al-Kaida-Netzwerks ankommen würde. Er verstand, dass die US-Armee ein Netzwerk werden musste, wenn sie gewinnen wollte.

Auch Unternehmen müssen die Dynamik eines Netzwerks – ein flaches Ökosystem, in dem teilen das Ansammeln von Macht bedeutet und wo Zusammenarbeit König ist – integrieren, wenn ihr Umfeld, ihre Märkte und ihre Industrien das vormachen. Wenn deine Umwelt sich ändert, musst du es auch. Das ist Darwin.

Als ich „The New Normal“ schrieb, habe ich gedacht, die Digitaltechnologie sei die größte verändernde Kraft. Sie hat natürlich unser Leben verwandelt. Lassen Sie uns deswegen nicht kindisch sein. Zuhause werden wir Zeuge einer völlig neuen Generation, die mit digitaler Technik aufwächst. Ihr On- und Offline-Leben ist eins. Sie sind diejenigen, die in Panik geraten, wenn sie nur „Punkte“ sind – ohne Verbindung. Wir haben außerdem erfahren, dass Technologie am Arbeitsplatz zur Normalität geworden ist. Auch Blasen gab es. Das Silicon Valley gelangte zu Ruhm und verwandelte sich in eine Sitcom. Digital ist heute Mainstream. Es ist normal.

Mit wenig Geld die Welt verändern

Aber die Digitalisierung ist auch wie ein Rad. Das Rad selbst hat die Menschheit nicht verändert. Der schnellere und bequemere Transport war es. Genauso hat die Digitalisierung den „Transport“ von schlauen Köpfen, Ideen, Erfindungen, Gemeinschaften, Unternehmen und Nationen ermöglicht. Die Digitalisierung schuf dynamische Verbindungen. Sie gebar die Netzwerk-Ökonomie, die bis zum heutigen Zeitpunkt noch jeden aus der Industrie aus der Ruhe gebracht hat. Gefüttert wird sie von billigen Plattformen, die „coole“ Ideen zum Teilen hervorbringen können oder die Einsparmöglichkeiten aufzeigen, die unsere Geschäftsmodelle zum Einsturz bringen und unsere Industrien umkrempeln. Wie Uber bei der Mobilität. Wie Netflix und Youtube, die die Fernsehwelt verwandeln oder Airbnb, das die Welt des Gastgewerbes in seinen Grundfesten erschüttert.

Die Digitalisierung war nur der Zünder. Sie schuf eine Plattform für jedes schlaue kleine Kind mit einer guten Idee. Es braucht heute nur wenig Start-up-Kapital, um die Welt zu erobern. Du musst nur eine Idee haben. Nein, streich das. Du musst viele Ideen haben – je verrückter desto besser – die Du in deinen Online-Netzwerken auf Funktionstüchtigkeit testen kannst. Und diese goldenen „Kinder“, die Zerstörer von morgen, denken nicht an Margen. Sie wollen nur ein bisschen Geld obendrauf verdienen, oder nur etwas sparen.

Kampf zwischen David und Goliath

Darum sind sie so gefährlich für große Unternehmen. Deren Führungskräfte werden mit der Idee groß, dass sie über Margen nachdenken müssen. Oder über betriebliche Höchstleistungen. Über nachhaltige Innovationen: wenn Neues nur ein und dasselbe ist, aber optimiert. Die Zerstörer haben nichts zu verlieren aber alles zu gewinnen. Das macht sie so stark in diesem Kampf zwischen David und Goliath.

Ich bin überzeugt, wenn wir in einigen Jahren zurückblicken, wenn wir die Punkte zusammenfügen, wie Jobs es ausdrückt, werden wir sehen, dass es die Netzwerke sind. Nicht „digital“. Nicht „Natives“. Netzwerke. Und diejenigen, die es versäumen, ihre Punkte mit denen anderer zu verbinden, arbeiten nur an einem: ihrem Untergang.