Lars Vollmer Die XY-Quote: Warum ich keinen grünen Haken will

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor.
Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor.
© André Bakker
Lars Vollmer ärgert sich. Er hat in seinem Unternehmen eine Frau zur Geschäftsführerin gemacht, möchte dafür aber nicht aus den falschen Gründen gelobt werden. Für ihn steckt dahinter ein dreifaches Ärgernis

Die Sonne brennt mir auf den Pelz. Ich muss mir wohl den Pullover ausziehen. Kein Zweifel: Der Frühling ist auf Stippvisite. Doch das schöne Wetter kann nicht verhindern, dass ich mich ärgere. Diesmal nicht über andere. Oder nur mittelbar über andere. Unmittelbar ärgere ich mich über mich selbst.

Oder besser gesagt: Ich ärgere mich über einen Gedanken, bei dem ich mich immer wieder erwische, seit wir unsere Geschäftsführung neu besetzt haben.

Auf die Stärken geschaut

Wir haben bei Intrinsify zum 1. Januar eine neue Geschäftsführerin bestellt. Mark Poppenborg und ich, die wir elf Jahre lang die Geschäftsführer waren, haben dieses Mandat abgegeben, um uns ganz auf die Gesellschafterrolle zu konzentrieren. Zum einen mit der Absicht, aus dieser Rolle heraus neue Tätigkeiten zu starten, und zum anderen, weil wir den Eindruck haben, dass unser Unternehmen in eine Phase eingetreten ist, in der es vermehrt andere Fähigkeiten in der Geschäftsführung braucht. Fähigkeiten, die nicht so unsere Stärke sind.

Katharina dagegen hat diese Stärken. Und sie hat auch Lust auf die Position. Also haben wir sie zur Geschäftsführerin gemacht.

So weit, so unspektakulär.

Aber jetzt kommt es.

An die anderen gedacht

Ertappe ich mich doch selbst immer wieder bei der Überlegung, wie mir der eine oder andere nun auf die Schulter klopfen könnte, was für eine weise Entscheidung wir getroffen hätten! Eine Frau in die Führungsposition zu setzen, sei doch eine wahrhaft kluge Wahl und man gratuliere uns dazu.

Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr mich dieser Gedanke ärgert. Er ist sogar ein dreifaches Ärgernis.

Ärger #1

Erstens ärgert es mich, dass ich diesen absurden Gedanken überhaupt habe. Er widerspricht fundamental meinen Überzeugungen. Ich WILL mir darüber keine Gedanken machen, welchen Geschlechts unsere neue Unternehmensspitze ist. Und doch habe ich es nicht geschafft, den Gedanken draußen zu halten – ich lasse es offensichtlich zu, dass mir mein mediales Umfeld solche Gedanken in den Kopf pflanzt.

Ich muss mal ernsthaft mit mir ins Gericht gehen.

Ärger #2

Potenziert wird mein Ärger durch folgende Überlegung: Wenn sich dieser Gedanke schon bei mir im Kopf verfängt, obwohl ich ihn ablehne – wie stark sind dann erst andere damit „infiltriert“?

Das wäre mir grundsätzlich wurscht – jeder darf denken, was er will –, aber die Gefahr ist groß, dass sehr, sehr viele unsere Wahl auf dieser Basis als Signal verstehen. So als hätten wir bei Intrinsify eingesehen, wie viel besser es ist, eine Frau an die Spitze zu stellen.

Das ist eine Unterstellung. Die würde ich mir sofort verbitten, wenn ich darauf angesprochen würde. Werde ich aber wahrscheinlich nicht. Also habe ich keine Chance auf Richtigstellung. So wird meine Entscheidung als Beweis für etwas ins Feld geführt, für das ich nicht stehen möchte.

Ärger #3

Beim dritten Punkt geht es gar nicht so sehr um meinen Ärger, sondern um den Katharinas. Denn in dem Gedanken, sie sei in die Geschäftsführung berufen worden, weil die Moral oder die Quote es verlangte, schwingt die Unterstellung mit, sie sei vorrangig oder zumindest mal auch wegen ihres Geschlechts und nicht wegen ihrer Fähigkeiten ausgewählt worden. Und diese Unterstellung ist zutiefst sexistisch.

Darüber würde sie sich zu Recht aufregen. Mit Recht.

Ohne Lob und Tadel, bitte!

Tatsache ist, dass ich genauso wenig für unsere Entscheidung für eine weibliche Geschäftsführerin gelobt werden will, wie ich mich würde tadeln lassen wollen, falls wir einen Mann eingesetzt hätten. Das Geschlecht ist für die Geschäftsführerposition in unserem Unternehmen schlichtweg irrelevant.

Ich will dafür auch keine grünen Haken von der Allbright Stiftung. Wenn sie ihn mir geben wollen, kann ich es nicht verhindern, denn sie können tun, was sie wollen. Doch ich will mich denen auf keinen Fall verpflichtet fühlen, will ihnen nicht dankbar sein. Ich will, dass das Geschlecht einfach keine Rolle spielt.

Dasselbe gilt für alle möglichen anderen politischen Forderungen, denen ich mich als Unternehmer gerade gegenübersehe: Ich finde, es muss egal sein, ob ich eine junge oder alte Person wähle, eine Person muslimischen, christlichen oder gar keines Glaubens, eine Person mit Migrationshintergrund oder eben ohne, einer Person mit einer bestimmten Hautfarbe oder eben nicht dieser Hautfarbe. Für all diese Merkmale will ich weder gelobt noch kritisiert werden.

Loben lassen möchte ich mich maximal für eines: für eine verantwortungsvolle Entscheidung.

In voller Verantwortung

Ich meine damit eine verantwortungsvolle Entscheidung im Sinne meiner Rolle als Gesellschafter.

In dieser trage ich unmittelbar die Verantwortung für unser Unternehmen und seinen Erfolg, übrigens auch die gesetzliche. Mittelbar ist damit die Verantwortung für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter verknüpft und auch für die Gesellschaft, zum Beispiel als Steuerzahler. Um dem gerecht zu werden, muss ich als oberstes Kriterium die Eignung eines Bewerbers ansetzen, den Job bestmöglich im Sinne der Firma zu meistern. Alles andere hielte ich für eine unternehmerisch verantwortungslose Wahl.

Ob mich andere dafür dann loben oder beschimpfen, ist ihre Sache. Meine Sache heißt Verantwortung.

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Bestsellerautor. In seinem Buch Der Führerfluch – Wie wir unseren fatalen Hang zum Autoritären überwinden stellt er den aktuellen Krisen die Idee einer Verantwortungsgesellschaft entgegen.


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