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Mieten Mietwucher mit möblierten Wohnungen

In Großstädten werden immer mehr Mietwohnungen möbliert angeboten
In Großstädten werden immer mehr Mietwohnungen möbliert angeboten
© Oksana Shufrych / picture alliance/Zoonar
In Berlin wird schon jede zweite Wohnung möbliert angeboten – weil sich damit die Mietpreisbremse umgehen lässt. Eine Auswertung von Immoscout zeigt, welche Dimensionen das Phänomen in den Städten angenommen hat

Die Mieter eines ganz normalen Mehrparteienhauses in Berlin-Wedding wunderten sich: Nachdem einige Hausbewohner ausgezogen oder verstorben waren, vermietete der Eigentümer die drei frei gewordenen Wohnungen nicht einfach neu. Stattdessen räumte er eigene Möbel rein und inserierte sie als „möblierte Wohnungen“. Und das mit erheblichem Preisaufschlag: Die kleine Ein-Zimmer-Butze kostet nun statt 350 Euro 850 Euro warm. Für die 53-Quadratmeter-Wohnung nebenan werden jetzt 1222 Euro fällig, wie der Berliner Mieterverein berichtet.

Die Mieterschützer aus der Hauptstadt kennen viele solcher Fälle. Im Stadtteil Moabit rüstet ein Vermieter gerade die vierte Einheit in seinem Mietshaus für möbliertes Wohnen um. Für die rund 80 Quadratmeter großen Wohnungen müssen Mieter hier um die 2000 Euro im Monat berappen. „Der Vermieter hat sie luxuriös eingerichtet, wirbt für Wohnen auf Zeit und umgeht damit ganz legal die Mietpreisbremse“, berichtet der Mieterverein. 

Möblierte Wohnungen boomen

Möblierte Wohnung, überteuert zu vermieten: Welches Ausmaß diese Masche in Berlin und anderen Städten angenommen hat, zeigt eine aktuelle Auswertung von Immoscout. Demnach hat der Anteil möblierter Wohnungen an allen Inseraten seit 2018 stetig zugenommen – und in einigen Großstädten sogar sprunghaft. In den fünf größten Metropolen ist mittlerweile mehr als jedes dritte Angebot eine möblierte Wohnung.

Am krassesten ist die Entwicklung in der Hauptstadt: In Berlin verzeichnete Immoscout im vierten Quartal 2022 sogar mehr Angebote für möblierte Wohnungen (51 Prozent) als für unmöblierte (49 Prozent). Vier Jahre zuvor waren nur 13 Prozent der Berliner Wohnungsinserate möbliert gewesen. Auch in anderen Städten boomen die Angebote: In Frankfurt und München wird jede dritte Wohnung mit Möbeln angeboten, in Hamburg und Köln ist es jedes vierte. 

Schlupfloch für höhere Mieten

Möblierte Wohnungen waren ursprünglich mal ein Nischenangebot für Studierende oder Menschen, die nur für kurze Zeit in der Stadt arbeiten. Dass sie zum Massenphänomen geworden sind, liegt daran, dass Vermieter mit ihnen die Mietpreisbremse umgehen können. „Der rasante Anstieg möblierter Wohnungen ist zum Teil auf die Regulierungen am Mietmarkt zurückzuführen“, sagt Immoscout-Geschäftsführerin Gesa Crockford. Denn wenn eine Wohnung nur vorübergehend vermietet werde, wie es bei möblieren Wohnungen häufig der Fall ist, greife die Mietpreisbremse nicht, sagt Crockford. „Aufgrund dieser Grauzone sind die Angebotsmieten für möblierte Wohnungen deutlich höher und damit für viele nicht bezahlbar.“

Das kann Immoscout auch mit Zahlen belegen. Bei normalen Wohnungen stiegen die Angebotspreise zwischen dem vierten Quartal 2018 und 2022 deutschlandweit von 7,41 Euro auf 9,32 Euro den Quadratmeter. Bei möblierten Wohnungen kletterten sie wesentlich stärker – von 15,50 Euro auf 22,50 Euro. In Berlin und Köln verdoppelte sich die Miete für den möblierten Quadratmeter in dem Zeitraum gar auf rund 33 Euro. 

Dabei gilt auch für möblierte Wohnungen grundsätzlich die Mietpreisbremse. Die lässt sich aber umgehen, wenn die Wohnung für den „vorübergehenden Gebrauch“ vermietet wird. Das setzt laut Berliner Mieterverein eigentlich nicht nur eine zeitliche Begrenzung voraus, sondern auch einen besonderen Zweck der Unterkunft – wie einen begrenzten Studienaufenthalt oder eine längere Dienstreise. Doch in der Praxis stehe der „vorübergehende Gebrauch“ häufig nur auf dem Papier, kritisieren die Mieterschützer. Und Vermieter nutzen die Konstruktion in gefragten Wohnlagen als Schlupfloch, um die Mietpreisbremse zu umgehen.

Undurchsichtiger „Möblierungszuschlag“

Und es gibt noch einen weiteren Faktor, durch den Vermieter die Miete von möblierten Wohnungen in die Höhe treiben können: den sogenannten „Möblierungszuschlag“. Der Vermieter darf für die Möbel, die er dem Mieter zur Nutzung überlässt, einen Aufschlag auf die Miete verlangen. Je teurere Möbel er in die Wohnung stellt, desto mehr kann er aufschlagen. Dazu kommt: Der Zuschlag soll sich zwar am Wert der Einrichtung orientieren, lässt den Vermietern aber erheblichen Spielraum. Es ist noch nicht mal vorgeschrieben, dass der Zuschlag gesondert im Mietvertrag ausgewiesen wird.

Zwar haben Mieter per Gesetz Anspruch auf Auskunft über die Kosten der Anschaffungen. Und eigentlich muss beim Möblierungszuschlag auch berücksichtigt werden, dass der Zeitwert der Möbel mit fortschreitender Nutzung sinkt. De facto ist es Mietern aber schwer möglich, dem Vermieter unfaire Berechnungsmethoden nachzuweisen.

Dieser Artikel ist eine Übernahme von stern.de.

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