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Schweizer Großbank Wie dramatisch ist die Lage bei der Credit Suisse wirklich?

Die Schweizer Großbank Credit Suisse kämpft vielen Problemen
Die Schweizer Großbank Credit Suisse kämpft vielen Problemen
© IMAGO / Geisser
Marktgerüchte, Behördenwarnungen und Steuerfahnder setzen der Aktie der Credit Suisse schwer zu. Nun rätseln viele Investoren, wie solide die Großbank dasteht. Und ob sie das Potenzial hätte, die ganze Branche zu destabilisieren
Wie schlimm ist der Ausschlag des Aktienkurses?
Am Montagfrüh, den 3. Oktober, hielten wohl viele Analysten und Investoren den Atem an: Um mehr als 40 Cent brach der Aktienkurs der Credit Suisse direkt zu Börsenstart an diesem Tag ein. Am Freitag zuvor war die Aktie noch mit einem Kurs von 3,97 Schweizer Franken aus dem Handel gegangen, aber plötzlich war sie nur noch 3,55 Franken wert. Die Papiere der Schweizer Großbank hatten damit rund elf Prozent verloren, das war ein Allzeittief. Es dezimierte den Börsenwert zwischenzeitlich auf umgerechnet rund 10 Mrd. Euro. Derzeit sind es 11 Mrd. Euro. Für eine Bank von internationaler Bedeutung ist das enorm wenig. Selbst die deutsche Commerzbank bringt dieser Tage über 9 Mrd. Euro an Börsenwert zusammen. Und die Deutsche Bank kommt derzeit sogar auf rund 16 Mrd. Euro. Ausgerechnet sie, die man in der Schweiz lange belächelte.
Zwar erholte sich der Credit-Suisse-Kurs seit jenem Absturz inzwischen wieder auf rund 4,20 Schweizer Franken. Doch war der Kursabsturz von Anfang Oktober längst nicht der erste, den die Credit Suisse in den vergangenen Monaten verkraften musste: Erst Ende September knickte der Kurs von 4,88 Franken auf 4,20 weg. Innerhalb der letzten sechs Monate verlor die Bank rund 40 Prozent ihres Werts. Auch auf Monatsbasis schwankte der Kurs zuletzt um rund 50 Prozent auf und ab. Vor einem Jahr notierten ihre Papiere noch bei 9,27 Franken. Im Februar 2020 waren sie sogar noch rund 13,44 Franken wert. Auf Fünfjahressicht haben die Aktien der Großbank rund 73 Prozent ihres Kurses eingebüßt.
Obwohl der Aktienkurs aber seit 5 Jahren sinkt, halten derzeit viele Analysten an ihren Einstufungen fest: Das Gros der Analysten belässt die Aktie derzeit auf „Halten“, und das durchschnittliche Kursziel liegt aktuell bei rund 6,42 Franken. Und somit rund 50 Prozent höher als die Börse dem Papier derzeit zubilligt. Gerade erst bekräftigten die Analysten der US-Investmentbank J.P. Morgan ihren Ausblick für die Aktie als „neutral“. Sie halten einen Marktwert der Bank von rund 15 Mrd. Euro für angemessen.
Was führte zum Kurseinbruch am 3. Oktober?
Es war eine Mischung aus allgemeiner Verunsicherung, denn seit Monaten schon schlingert die Schweizer Großbank wegen sinkender Erträge und mehrerer Skandale dahin. Einer Spitzelaffäre im Vorstand folgte im vergangenen Jahr das Debakel mit dem insolventen Lieferkettenfinanzierer Greensill. Beides kostete die Credit Suisse viel Reputation. Danach folgte die Pleite des Hedgefonds Archegos, dem die Bank ebenfalls Kredite gewährt hatte. Und zu Beginn dieses Jahres geriet sie mit den „Suisse Secrets“ erneut in die Schlagzeilen, weil ein Rechercheverbund mehrerer Medien Bankdaten zugespielt bekam, laut derer jahrelang heikle Konten von fragwürdigen Kunden existierten. Der Vorwurf steht im Raum, darunter seien Kriminelle, Autokraten und korrupte Staatschefs gewesen. Die Credit Suisse dementierte die Vorwürfe. Zumindest einen Rufschaden aber richtete all das an.
In der Woche vom 12. Oktober nun meldete der Nachrichtendienst Bloomberg, US-Steuerfahnder prüften, ob die Credit Suisse einigen Kunden dabei geholfen habe, Vermögenswerte zu verbergen. Die Bank bestreitet das. Man kooperiere mit den Behörden, betonte sie. Doch wieder rückt sie damit ins Licht der Öffentlichkeit.
Zuletzt wies die Großbank wegen schwächelnder Geschäfte und hoher Ausgaben für Rechtstreitigkeiten und Risikopositionen deutliche Verluste aus. Sie beendete das Geschäftsjahr 2021 mit einem Nettoverlust von rund 1,6 Mrd. Euro. Am vergangenen Wochenende kamen nun Gerüchte von Marktbeobachtern auf Twitter hinzu, eine Großbank stehe am Abgrund. Tatsächlich sind es nur Gerüchte. Die aber bezogen die Börsianer sofort auf die Credit Suisse. Das schürte weitere Unsicherheit. Hinzu kam der plötzliche Anstieg bei den Kursen für Kreditausfallpapiere, mit denen sich Anleiheninvestoren gegen einen möglichen Zahlungsausfall bei Credit-Suisse-Anleihen absichern. Dieser Kurssprung alarmierte die Investoren zusätzlich.
Und als sei das alles nicht schon genug, hatte bereits Ende September eine „allgemeine Warnung“ der Finanzaufseher der Europäischen Union die Runde gemacht: Der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) mahnte ausdrücklich, er habe „eine Reihe schwerwiegender Risiken für die Finanzstabilität festgestellt“. Daher rate er dem Bankensektor dringend dazu, sich auf das Eintreten von Restrisiken einzustellen – sie sollten sich also auf extrem unwahrscheinliche Szenarien vorbereiten. Denn dem Finanzbereich könne angesichts geopolitischer Risiken und geänderter Finanzierungsbedingungen größerer Bilanzstress bevorstehen.
Vor allem die höheren Zinsen der Notenbanken und die unsichere Lage für viele Unternehmen wegen der Energiekrise war bei dieser allgemeinen Warnung wohl gemeint. Die gesamte Bankenbranche war angesprochen. Zur Beruhigung der Credit-Suisse-Anleger trug das jedenfalls nicht bei. Im Gegenteil.
Was bedeutet der Preisanstieg bei den Kreditausfallpapieren?
Sieht man sich die Preise an, die Investoren derzeit zahlen müssen, um sich am Markt gegen einen möglichen Anleiheausfall der Credit Suisse abzusichern, so sind diese tatsächlich enorm: Mit solchen CDS (Credit Default Swaps) sichern sich Anleihegläubiger für den Fall ab, dass ein Emittent am Ende der Laufzeit seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommt. Sicherungsgeber, die an die Bonität des Emittenten glauben, zahlen den abgesicherten Anleiheinvestoren dann eine Ausgleichszahlung, um sie zu entschädigen. Dafür kassieren die Sicherungsgeber zuvor laufende Zahlungen (Spreads) sozusagen als Versicherungsprämie ein. 
Aktuell zahlen Investoren zur Absicherung einer deutschen Bundesanleihe rund 28 Basispunkte als Absicherungsbetrag, also 0,28 Prozent. Bei vielen europäischen und internationalen Geschäftsbanken wie BNP Paribas, Credit Agricole, HSBC und Hypovereinsbank/Unicredit lagen die Spreads laut Deutschem Derivateverband am Montag bei rund 90 bis 95 Basispunkten, also bei rund 0,95 Prozent. Bei der Bank of America oder der UBS sind es rund 1,1 bis 1,3 Prozent. Für die CDS auf Credit Suisse Anleihen jedoch waren 336 Basispunkte fällig (Stand: 12.10.2022), also 3,36 Prozent Versicherungsprämie. Das ist rund dreimal bis viermal mehr als bei den Konkurrenzbanken.
Die Spreads zeigen dabei an, wie die Bonität des jeweiligen Bankhauses eingeschätzt wird. Je höher die Spreads ausfallen, desto weniger Finanzstärke misst der Markt dem jeweiligen Anleihenherausgeber aktuell zu.
Allerdings muss man beim Blick auf die Spreads vorsichtig sein: Die Preise entstehen im außerbörslichen Markt und die Umsätze mit den CDS-Papieren werden nicht zentral erfasst. Deshalb gibt es keine einheitliche Kursfeststellung. Außerdem gibt es auch große Marktteilnehmer, die mit den CDS-Spreads spekulieren und dabei selbst die Kurse bewegen: Zuerst kaufen sie viele CDS auf, damit sich der Spread am Markt wegen der großen Nachfrage erhöht. Dann wechseln sie auf die Seite der Sicherungsgeber und schließen neue CDS ab, aber nun zu den höheren Spreads. Dadurch streichen sie letztlich Gewinne ein – jedenfalls, wenn sich der Markt so entwickelt, wie sie erwarten. Dreht der Markt jedoch in die entgegengesetzte Richtung, weil sich ein Emittent als bonitätsstärker herausstellt als gedacht, drohen ihnen größere Verluste.
Es ist also nicht auszuschließen, dass im CDS-Markt große Investoren auf eine schwächelnde Credit Suisse gesetzt haben – und deren Kreditausfallspreads auch schon deswegen arg gestiegen sind. Zumindest lag deren Kernkapitalquote zuletzt bei 13,5 Prozent und damit genau im zuvor erwarteten Rahmen. Das war der Stand laut Quartalsbericht von Ende Juli. Die Bank selbst sieht das als „solide Kapitalbasis“ und sie stehe „im Einklang mit unseren Zielvorgaben“.
Wie steht es um das Geschäftsmodell der Bank?
Dennoch war zuletzt der Bankenvorstand selbst alles andere als zufrieden mit dem Geschäftsverlauf. Erst Ende Juli räumte er ein: „Unsere Ergebnisse für das zweite Quartal 2022 sind enttäuschend, insbesondere in der Investment Bank. Sie wurden unter anderem durch höhere Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten und sonstige Positionen beeinflusst.“ Auch „mehrere externe Faktoren wirkten sich erheblich auf die Performance der Bank aus“, heißt es im jüngsten Quartalsbericht von Ende Juli. „Diese schwierigen Umstände haben zu Ergebnissen geführt, die die Stärke unseres führenden Kundengeschäfts in allen vier Divisionen der Bank überschatten. Die Notwendigkeit, entschlossen zu handeln, ist klar, und wir haben bereits eine umfassende Überprüfung eingeleitet“, heißt es dort weiter. Zudem wechselte die Credit Suisse den Vorstandschef aus. Sie wolle sich künftig stärker aufs Wealth-Management-Geschäft konzentrieren, also auf das Geschäft mit vermögenden Privatkunden. Doch etliche Hochvermögende sind derzeit alles andere als erfreut über die Negativschlagzeilen der Bank. Und sie wolle das Asset Management verstärken, also die Geldanlage für Profiinvestoren und Anlagegesellschaften.
Zudem strebe sie „eine grundlegende Transformation unserer Investment Bank“ an. Vor allem dieser angekündigte Rückbau des Investmentbankings verunsichert derzeit viele Marktbeobachter. Denn er wird kostenintensiv sein: Die Erträge aus dem Investmentbanking werden sofort wegfallen. Parallel dazu aber wird die Credit Suisse dadurch wohl hohe Abfindungszahlungen an ihre ehemaligen Investmentprofis leisten müssen – jahrelang.
Für den großen Umbau ihres Geschäftsmodells benötigt die Schweizer Großbank also viel Geld. Deshalb wird zusätzlich bereits spekuliert, ob sie eine Kapitalerhöhung durchführen wird. Außerdem munkelt der Markt, die Credit Suisse könne auch Geschäftsbereiche verkaufen, etwa das Verbriefungsgeschäft. In der derzeitigen Situation aber würde so ein Verkauf ihr viel weniger Geld einbringen, weil die Nervosität der Investoren wohl zu deutlich kleineren Kaufpreisen der Sparten führen dürfte.
Noch gibt es wenig Klarheit über den zukünftigen Kurs der Bank. Denn Informationen über die strategische Neuausrichtung werden erst für den 27. Oktober erwartet. Dann soll der neue Vorstandschef Ulrich Körner nähere Einzelheiten dazu bekanntgeben. Nun wächst aber der Druck der Börsianer, die bereits jetzt mehr Details erfahren wollen.
Was würde eine Kapitalerhöhung bedeuten?
Noch ist nicht klar, ob eine Kapitalerhöhung wirklich geplant ist. Es habe laut Medienberichten lediglich Insideraussagen gegeben, dass die Bank eine Kapitalerhöhung sondiere. Und dazu wohl die Stimmung bei mehreren Großinvestoren sondiert habe. Gut möglich also, dass es nicht dazu kommt. Insgesamt stößt so eine Kapitalerhöhung bei Aktionären ohnehin selten auf große Freude. Denn dadurch verwässert sich stets der Anteil der bestehenden Aktien. Schließlich schwindet ihr prozentualer Anteil am Unternehmen ja mit jedem neu ausgegebenen Papier. Angesichts des jüngsten Kurssturzes wäre die Verwässerung sogar beachtlich: Zuletzt schätzten Analysten der Deutschen Bank, die Credit Suisse könnte sich zusätzliche 4 Milliarden Franken am Kapitalmarkt beschaffen wollen. So hoch sei ihre Kapitallücke aktuell. Ihr Börsenwert liegt aktuell bei rund 11 Milliarden Euro.
Zumindest dürften die Großanleger der Credit Suisse harte Forderungen stellen, wenn es wirklich zu einer Kapitalerhöhung käme.
Wie groß ist die Gefahr für den Bankensektor?
Die Warnung der Europäischen Finanzstabilitätsaufsicht und der jähe Absturz der Credit Suisse rissen Anfang Oktober auch auf andere Banken mit in den Abwärtsstrudel. Auf Monatssicht verlor der Stoxx Europe 600 Banks rund 13 Prozent. Viele Anleger flohen aus europäischen Bankenpapieren, vor allem weil die steigenden Zinsen noch zum Problem für die Bilanzen werden könnten. Zudem ist klar, dass die Welt in eine Rezession rutscht, das birgt für Finanzwerte größere Risiken: Welche Unternehmen und Kredite werden den Abschwung schadlos überstehen – und welche nicht? Auch deutsche Banken verloren einige Prozentpunkte an Wert, die Deutsche Bank zum Beispiel büßte auf Monatssicht knapp vier Prozent ein.
Doch wie groß ist die Gefahr tatsächlich, dass es schwere Verwerfungen im Bankensektor geben könnte? Oder gar eine neue Finanzkrise?
Die Tatsache, dass das European Systemic Risk Board (ESRB) Ende September erstmals überhaupt eine solche Warnung veröffentlichte, zeigt, wie ernst die Lage ist. Als Begründung führte das ESRB drei Faktoren an:
  • Erstens hätten sich die makroökonomischen Aussichten deutlich verschlechtert, Europa steuere in die Rezession. Dadurch drohe eine Insolvenzwelle, was wiederum das Kreditausfallrisiko bei den Banken allgemein stark erhöhen dürfte.
  • Zweitens könne es zu einem Verfall von Assetpreisen kommen und damit zu einer Gefahr für die Finanzstabilität. Das spielt auf einen plötzlichen Ausverkauf bei Aktien, Anleihen oder Währungen an. Der Absturz des britischen Pfunds und britischer Staatsanleihen fungieren als aktuelles Beispiel.
  • Drittens könnten diese sinkenden Preise dann auch die Qualität der dahinterliegenden Assets in Mitleidenschaft ziehen. Und die Profitabilität des Bankensektors erheblich schwächen. Das könnte zu ungeahnten Kettenreaktionen führen. Der europäische Bankensektor sei zwar insgesamt gut kapitalisiert. Doch in den vergangenen Krisenjahren haben sich auch erhebliche Risiken angestaut, die noch nicht voll überschaubar sind. Hier spielen auch die hohen Staatsschuldenquoten eine beachtliche Rolle. Ebenso wie die Immobilienmärkte, die sich mit Krediten vollgesogen haben. Gewerbeimmobilien sind hier das Stichwort. Auch Unternehmenskredite könnten größere Risiken bergen.
Insgesamt warnt die Finanzaufsicht, die Bankenwelt solle sich darauf einstellen, dass aus Restrisiken noch größere Probleme erwachsen könnten. Zumindest sollte man alles in Betracht ziehen – selbst wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit sehr gering scheint.

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