WirecardVerhandeln ums Überleben

Wirecard-Logo am Firmensitz in Aschheim bei München
In mehreren Fällen beschäftigte sich die Münchner Staatsanwaltschaft mit Wirecard. Bis zum Sommer 2020 wurden ihre Ermittlungen aber regelmäßig eingestelltimago images / Sven Simon

Die Telefondrähte zwischen den Gläubigerbanken, Wirecard und der vom Zahlungsdienstleister aus Aschheim mit der Restrukturierung beauftragten Investmentbank Houlihan Lokey glühen derzeit. Kredite in Höhe von insgesamt knapp zwei Mrd. Euro stehen im Feuer, weil Wirecard die Frist zur Abgabe des Geschäftsberichts 2019 am 19. Juni gerissen hat.

Damit dürfen die Gläubiger die Kredite fällig stellen. Das würde den in einen Bilanzskandal verstrickten Konzern an den Rand der Existenz bringen. Bis Ende Juni, so heißt es von Wirecard, soll eine Lösung gefunden werden. Mit Houlihan Lokey haben sich die Bayern ausgewiesene Restrukturierungsexperten an Bord geholt. Sie haben die US-Bankrotteure Enron, General Motors und Lehman Brothers begleitet und Kredite von deutschen Unternehmen wie Outdoor-Hersteller Jack Wolfskin und dem Möbelhersteller Steinhoff gerettet.

Im Vordergrund der Verhandlungen geht es um eine am 15. Juni 2018 aufgenommene 1,75 Mrd. Euro schwere „revolvierende Kreditfazilität“. Das ist eine Kreditlinie, die nach Bedarf von Wirecard zu „allgemeinen Unternehmenszwecken“ in Anspruch genommen werden kann, wie es im Prospekt von 2019 heißt.

Daran beteiligt sind Commerzbank, ING, Landesbank Baden-Württemberg und der niederländische Wettbewerber ABN Amro. Auch die DZ Bank soll mit 120 Mio. Euro beteiligt sein. Auf einer von der Nachrichtenagentur Bloomberg veröffentlichten Liste sind zudem noch die Raiffeisenbanken Nieder- und Oberösterreich, die britischen Häuser Barclays und Lloyds, der französische Wettbewerber Credit Agricole und die Bank of China als Kreditgeber aufgeführt. Ursprünglich war dort außerdem die Raiffeisenbank International aufgeführt – doch als einziges Haus dementierte die zweitgrößte österreichische Bank ein Engagement.

Banken wollen Kredite laufen lassen

Aktuell geht es laut Insiderkreisen vor allem darum, Zeit zu gewinnen. Aus Bankenkreisen heißt es, dass Wirecard kurzfristig eine sogenannte Waiver-Vereinbarung melden könnte. Dabei setzen die Banken die Kreditauflagen zwischenzeitlich aus. Dafür erhalten sie eine Gebühr. „Alle arbeiten an einer Einigung, niemand will Wirecard über die Klippen springen lassen“, heißt es aus dem Umfeld der Verhandlungen.

Das Problem betrifft laut Bloomberg insgesamt 15 Gläubigerbanken: Keiner kann beurteilen, wie knapp Wirecard vor der Zahlungsunfähigkeit steht. Immerhin sind 1,9 Mrd. Euro verschwunden, von denen der neue, interimsmäßig eingesetzte Vorstandschef James Fries sagt, dass sie wahrscheinlich nicht vorhanden sind.

Bereits am Freitag hat die Ratingagentur Moody’s Wirecards Bonität um sechs Stufen von „Baa3“ auf „B3“, also Ramschniveau, herabgestuft. Die Begründung lautet: Der Verdacht auf betrügerische Bilanzpraktiken beziehe sich auf die Substanz der verfügbaren Barbestände, „die eine wesentliche Kreditstärke des früheren Ratings von Wirecard darstellten.“ Doch das wollen sich die Banken gerne selbst anschauen, weshalb auch sie auf Zeit pokern.

Das ist nicht ohne Risiko: Zwar sind die Kredite über die Risikovorsorge der Banken besichert. Dennoch würde ein Ausfall schmerzhaft sein und wäre wohl ein Fall für die Gerichte. „Aktuell wissen wir eigentlich nur, dass wir nichts wissen außer Vermutungen und möglichen Indizien“, sagte ein renommierter Fondsmanager aus Frankfurt. „Die Frage ist, für welchen Wert die Plattform steht und in welchem Verhältnis dies zu den Risiken steht.“

Drittpartnergeschäft steht global in Frage

Interims-Vorstandschef Freis hat am Montag schon mal Tacheles gesprochen, indem er das komplette Drittpartner-Geschäft auf den Prüfstand gestellt hat. Mit Drittpartnern beziehungsweise Treuhändern hat Wirecard in Ländern wie Dubai, Singapur und auf den Philippinen gearbeitet, wo der deutsche Konzern keine ausreichenden eigenen Lizenzen hält. Diese Partner unterhielten Konten, deren Kassenbestände Wirecard unter Vermögenswerten verbucht hatte.

Genau an dieser Stelle ist jedoch betrogen worden – ob von Wirecard oder den Treuhändern ist noch unklar. Freis kündigte Konsequenzen an: „Dies veranlasst das Unternehmen auch dazu, die früheren Annahmen hinsichtlich der Zuverlässigkeit der Treuhandbeziehungen in Frage zu stellen.“ Wirecard prüfe ob, in welcher Weise und in welchem Umfang solche Geschäfte tatsächlich zum Nutzen des Unternehmens getätigt wurden.