ExklusivWie Steuerprüfer Wirecard auf die Spur kamen

Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München
Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München: Im Gegensatz zu anderen Behörden gingen Steuerprüfer Betrugsvorwürfen gegen den Konzern schon 2019 intensiv nachimago images / Sven Simon

Die Arbeit von Betriebsprüfern spielt sich gewöhnlich im Verborgenen ab. Wenn sich die Spezialisten der Finanzverwaltung die Steuerdaten und Konten von Firmen vornehmen, tun sie dies stets in äußerst diskreter Weise. Auch Außenprüfungen bei bekannten Unternehmen werden deshalb so gut wie nie öffentlich bekannt. Es regiert das Steuergeheimnis. Und das ist in Deutschland heilig.

So war es auch bei Wirecard, dem Zahlungsdienstleister aus der Nähe von München, der im Juni Pleite ging und heute für den größten Bilanzfälschungsskandal der deutschen Geschichte steht. Schon vor Jahren begannen Betriebsprüfer, sich sehr intensiv für den Konzern und seine Geschäfte zu interessieren. Zuletzt bis Juni 2020 durchleuchteten Prüfer des bayerischen Landesamtes für Steuern zusammen mit dem Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) die Geschäftsjahre 2010 bis 2015.

Was die Prüfer bei ihren Ermittlungen zu Tage förderten, wirft ein ganz neues Licht auf die Rolle der Behörden im Wirecard-Skandal. Wie Recherchen von Capital und „Stern“ zeigen, schlugen die Steuerspezialisten früher als andere Alarm. Andere Behörden ignorierten geflissentlich die wiederholten Betrugsvorwürfe gegen Wirecard, die vor allem die britische „Financial Times“ (FT) veröffentlichte. Die Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) unterstellte Finanzaufsicht Bafin stellte sich mit einem zeitweisen Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien sogar schützend vor den Dax-Konzern. Dagegen nahmen die Betriebsprüfer in Bayern die Vorwürfe ernst, untersuchten in aller Stille Indizien für mögliche krumme Deals – und wurden dabei fündig.

Dabei ging es etwa um Überweisungen an Briefkastenfirmen bei Firmenübernahmen, von denen Personen aus dem Wirecard-Umfeld profitierten. Ausführlich beschäftigten sich die Fahnder auch mit Auffälligkeiten bei jenen merkwürdigen Partnerfirmen in Asien, die dem Konzern zuletzt angeblich einen Großteil seines vermeintlichen Gewinns lieferten – was sich in diesem Sommer dann als Märchen entpuppte. Vertrauliche Dokumente zeigen, dass das Finanzamt München auf Basis der Erkenntnisse der Betriebsprüfer spätestens Anfang 2020 auch die Staatsanwaltschaft in München informierte. Doch die Ermittlungsbehörde sah damals keinen „ausreichenden Anfangsverdacht“, der „die Einleitung eines Strafverfahrens rechtfertigt“, wie es in einem Vermerk aus dem Januar heißt.

„Auffällige Sachverhalte“

Die treibende Kraft bei den Ermittlungen war laut Dokumenten aus der Steuerverwaltung vor allem ein Beamter des bayerischen Landesamts für Steuern, der für die Betriebsprüfung bei dem Zahlungsdienstleister aus dem Vorort Aschheim zuständig war. Dieser Fahnder legte über Monate einen Ermittlungseifer an den Tag, wie er im Fall Wirecard bis zum Kollaps dieses Jahr bei keiner anderen deutschen Behörde erkennbar war – jedenfalls nicht bei der Finanzaufsicht oder der Staatsanwaltschaft.

Als die Bafin im Frühjahr 2019 wegen angeblicher Marktmanipulation Strafanzeige gegen die „FT“-Journalisten stellte, die immer wieder über Unregelmäßigkeiten bei Wirecard berichteten, machte der Steuerprüfer etwas, auf das andere Behörden offenbar nicht kamen oder nicht kommen wollten: Er ging den Vorwürfen der „FT“ nach. Dabei glich er die Angaben der Zeitung mit den Erkenntnissen aus der Steuerprüfung ab. Zudem holte er bei Registern und Datenbanken Einkünfte über Firmen aus dem Umfeld des Konzerns ein – Möglichkeiten, die nicht nur den Steuerbehörden offen stehen.

Im Juni 2019 gab der Betriebsprüfer seine Erkenntnisse dann in einem ausführlichen Bericht an das für Wirecard zuständige Finanzamt München weiter. Darin beschäftigte er sich auf der Grundlage der „FT“-Artikel von März und April 2019 ausführlich mit der Frage, „ob Bilanzmanipulationen vorliegen“ und ob hohe Forderungen des Konzerns gegenüber wichtigen Partnerfirmen in Asien „werthaltig“ seien. Die Belastbarkeit der Forderungen könne teilweise „nach dem derzeitigen Ermittlungsstand nicht beurteilt werden“, resümierte der Fahnder. Sollten sich Forderungen als nicht werthaltig erweisen, führe dies zu niedrigeren Umsatzerlösen und Gewinnen „in noch nicht bezifferbarer Höhe“.

Im Zusammenhang mit den asiatischen Partnerfirmen listete der Bericht auch weitere „auffällige Sachverhalte“ auf. Bei einem dieser Partner, Pay Easy auf den Philippinen, hätten sogar weder Mitarbeiterzahlen noch eine Bankverbindung ermittelt werden können. Eine Stelle, über die die deutschen Steuerbehörden Auskünfte über Firmen im Ausland einholen können, teilte dem Prüfer mit: Es könne „nicht bestätigt werden, dass Pay Easy auf den Philippinen tatsächlich wirtschaftlich aktiv ist“. Bei der Dubai-Tochter des Konzerns erwähnte der Prüfer auch schon das Thema Treuhandkonten.

Deals mit Mauritius

Sehr detailliert widmeten sich der bayerische Steuerprüfer und sein Kollege aus dem Bundesamt zudem einer Reihe von merkwürdigen Firmendeals durch den Wirecard-Konzern. In den Jahren 2010 bis 2015, dem Zeitraum der jüngsten Betriebsprüfung, hatte Wirecard rund ein Dutzend kleinere Paymentfirmen geschluckt oder deren Kundenstämme gekauft, für insgesamt mehr als eine halbe Milliarde Euro. Bei vier dieser Deals, so hatte die steuerliche Betriebsprüfung bei Wirecard ergeben, landete der Kaufpreis jedoch nicht bei klar identifizierbaren Eigentümern, sondern bei Briefkastenfirmen in Steueroasen wie den British Virgin Islands, in Panama oder auf der Insel Mauritius.

Besonders ein Deal alarmierte die Prüfer: Ende 2011 übernahm Wirecard ein Kundenportfolio von einer Firma namens a&a Holding mit Sitz auf Mauritius. Vereinbarter Kaufpreis: 17,25 Mio. Euro. Wie die Betriebsprüfung ergab, steckten hinter der a&a ein früherer Wirecard-Manager und seine Frau. Der Mann namens Alexander H. war in der Anfangszeit Finanzvorstand bei Wirecard. Nach seinem Ausscheiden 2003 gründete H. auch eine andere Zahlungsfirma. Er wohnte zeitweise in Südafrika und ließ sich schließlich in Kleinmachnow bei Berlin nieder.