Western von gesternWie Motorola einmal beinahe Huawei gekauft hätte

US-chinesische Telekomallianz: 2003 denkbar, heute nicht
US-chinesische Telekomallianz: 2003 denkbar, heute nichtJindrich Novotny

Es sah aus wie ein Strandspaziergang unter Freunden. Ren Zhengfei, Gründer des chinesischen Netzwerkkonzerns Huawei, trug zum Freizeithemd Boxershorts, bedruckt mit üppigen exotischen Früchten. Neben ihm, etwas unauffälliger in Schwarz gekleidet, lief Mike Zafirovski, Nummer zwei beim US-Konzern Motorola. Gemeinsam flanierten die beiden 2003 über die tropische Insel Hainan.

Cover der neuen Capital

Der entspannte Eindruck trog. Das Strandgespräch der beiden Männer, von dem die Weltöffentlichkeit erst kürzlich erfuhr, drehte sich um einen Deal, der die Geschichte der globalen Telekommunikation hätte wenden können. Um das Geschäft nicht zu gefährden, so erinnerte sich Zafirovski gegenüber der „Financial Times“, habe er auf Hainan seinen Verhandlungspartner beim Pingpong gewinnen lassen. Offenbar mit Erfolg, denn kurz nach dem Tête-à-Tête unterschrieben beide Seiten eine Absichtserklärung: Für 7,5 Mrd. Dollar sollte Motorola seinen chinesischen Konkurrenten übernehmen.

Was heute kaum noch vorstellbar klingt, hatte damals eine gewisse Logik. Motorola war in schwieriger Lage: Der Erfinder des Handys war im Telefonmarkt abgehängt, das Konjunkturtief auf dem Ausrüstermarkt traf ihn voll, die Halbleitersparte schwächelte. Anders Huawei: Die Chinesen hatten sich von der belächelten Copycat zum respektierten Entwickler gemausert, eroberten Marktanteile, die Umsätze explodierten trotz Krise. Nur gelegentlich wurde spekuliert, ob sich Ren, damals 59, zurückziehen wolle – ein denkbares Motiv für die Verkaufsüberlegungen. Vielleicht erhofften sich die Chinesen auch Zugang zu Kapital und Märkten in den USA.

Die wahren Gründe wurden nie öffentlich. Zeitgleich mit den Verhandlungen fegte ein Sturm durch die Motorola-Chefetage, der CEO Chris Galvin hinwegblies. Nicht Zafirovski folgte ihm nach, sondern Ed Zander, der den Chinaplan nicht weiterverfolgte. Motorola war dann bald Geschichte: 2011 gingen das Netzgeschäft an Nokia Siemens und die Handys an Google.

Die Absichtserklärung blieb lange geheim, erst kürzlich enthüllte die „FT“ das Papier. Man weiß nicht, ob Huawei Motorola gerettet oder der US-Konzern die Chinesen ruiniert hätte. Ren jedenfalls wird heilfroh sein, dass der Deal nicht zustande kam – Huawei setzt heute 100 Mrd. Dollar im Jahr um, der Firmenwert dürfte beim 50-Fachen des damals Ausgehandelten liegen.

Hauptperson

Ren Zhengfei, geb. 1944, war Mitglied der Volksbefreiungsarmee, bevor er Huawei gründete. Die Firma eroberte schnell den Weltmarkt, heute ist sie führend beim Mobilfunkstandard 5G. Die USA sehen Huawei als Werkzeug im Wirtschaftskrieg.