Interview Wie ein Krabbenkutter über Linkedin gerettet wurde

Der Krabbenkutter „SU24 Birte“ 2018 auf Husum
Der Krabbenkutter „SU24 Birte“ 2018 auf Husum
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Ein Husumer Krabbenfischer rutscht in die Pleite, sein Insolvenzverwalter setzt über das Karrierenetzwerk Linkedin einen Hilferuf ab – und hat Erfolg. Im Interview erzählt Arno Doebert, wie er auf die ungewöhnliche Idee kam – und was dann geschah

Herr Doebert, vergangene Woche machten Sie mit einem viralen Linkedin-Post auf sich aufmerksam, in dem sie um Hilfe für einen insolventen Krabbenkutter baten. Warum war der Kutter in die Pleite gerutscht?

Der Fischer hatte den Kutter 2018 gekauft. Seit diesem Zeitpunkt steckte die Branche in der Krise. Weil der Fang in 2018 sehr gut war, gab es ein außergewöhnlich hohes Angebot – und schlechte Preise. Die Ankäufer haben große Mengen als Tiefkühlware auf Lager genommen und 2019 zunächst diese Bestände abgebaut. Sie haben daher weiterhin schlechte Preise gezahlt und den Fischern nur verhältnismäßig geringe Mengen neuer Ware abgenommen. Dazu muss man wissen, dass sich ungepulte Nordseekrabben nur in geringen Mengen verkaufen lassen und das Pulen in Deutschland so kostenintensiv ist, dass die Endprodukte kaum verkäuflich wären.

Was heißt das für die Fischer?

Die Krabben werden mit Lkw ins Ausland gefahren, vor allem nach Marokko. Dort werden sie gepult und wieder zurückgebracht. Diese Logistikkette beherrschen die großen Ankäufer, die darüber auch Mengen und Preise diktieren können. 2020 kam noch Corona hinzu. Dadurch sank die Nachfrage der Gastronomie. 2021 war nicht viel besser: Die Preise blieben schlecht. Daher stehen viele Fischer - wie auch mein Schuldner - mit dem Rücken zur Wand. Er entschied sich dann für den Insolvenzantrag.

Ein Linkedin-Hilfsaufruf gehört ja eher nicht zum Standardrepertoire eines Insolvenzverwalters. Wie gehen Sie üblicherweise in solchen Fällen vor?

Ich versuche im Interesse der Gläubiger, die Masse zu maximieren. In den meisten Fällen ist dafür eine Auffanglösung wirtschaftlich lukrativer als eine Liquidation. Denn bei einer Zerschlagung bleibt von den Erlösen wegen der betrieblichen Auslaufkosten wie Löhnen oder Mieten meistens nichts übrig. Zum Erhalt von Arbeitsplätzen und aus wirtschaftlichen Gründen versuchen Insolvenzverwalter daher in aller Regel, eine Fortsetzungslösung zu finden. Bei klassischen, etwas größeren Unternehmen zieht man M&A-Berater hinzu, um Käufer zu finden. Das wäre bei kleineren Insolvenzen aber viel zu teuer. Also sucht man für kleine Betriebe handverlesen Investoren in der Branche und im näheren Umfeld. In unserem Fall hätte das ein größerer Fischereibetrieb in der Nähe sein können, der den Kutter kaufen und die Mannschaft hätte übernehmen können. Das wäre der klassische Weg gewesen, der hier aber nicht erfolgreich war.

Warum nicht?

Niemand interessiert sich für einen eher kleinen Holzkutter aus dem Jahr 1969. Wer aktuell einen Kutter kaufen will, möchte einen mit Stahlrumpf haben. Davon sind derzeit einige auf dem Markt. Aber selbst die lassen sich momentan kaum verkaufen.

Wie kamen Sie auf die Idee, über ein soziales Netzwerk nach Investoren zu suchen?

Alle anderen Ideen waren gescheitert. Zum 1. Februar hätte ich den Betrieb stilllegen und mit der Bank klären müssen, wer jetzt wochen- oder monatelang die Liege- und Instandhaltungskosten trägt. Und zwar für ein Schiff, das vertäut im Hafen liegt, das wirtschaftlich gesehen nicht mehr dem Fischer gehört und das jeden Tag nur Geld kostet. Vermutlich hätte man sehr bald über die Abwrackungskosten verhandeln müssen. Der Fischer und sein Decksmann hätten dann auch ihre Jobs verloren, an denen sie trotz der harten Arbeit so hängen. Die Lösung konnte nur etwas Unkonventionelles sein. Ich hatte nichts zu verlieren. So bin ich auf die Idee mit dem Linkedin-Post gekommen.

Wie war die Reaktion?

Es gab binnen kürzester Zeit eine wahnsinnige Resonanz. Bis heute haben knapp 600.000 Leute den Post gesehen. Es trafen viele hunderte Nachrichten und Ideen ein, wie man dem Fischer helfen könnte. Mit den Antworten kam ich gar nicht mehr hinterher. Ein spannender Ansatz war zum Beispiel der Vorschlag, ein Crowdfunding zu organisieren. Allerdings liegt eine solche Sammelaktion außerhalb meiner Zuständigkeit. Als vorläufiger Insolvenzverwalter kann ich kein Crowdfunding aufsetzen. Außerdem brauchten wir für einen Verkauf eine rechtsfähige Person oder ein Unternehmen als neuen Eigentümer des Kutters und als Arbeitgeber der Seeleute. Das konnte nicht die Crowd sein. Hinzu kam der hohe Zeitdruck durch die bevorstehende Verfahrenseröffnung. Daher konnten wir diesen Ansatz erstmal nicht weiterverfolgen. Ich bekam auch viele Nachrichten möglicher Investoren, die wussten, dass die Zeit drängt. Viele von ihnen waren bereit, das notwendige Geld bereitzustellen und eine neue GmbH für den Betrieb des Kutters zu gründen. Ich habe bereits am ersten Tag nach dem Posting mit vielen von ihnen intensive Gespräche geführt. Schließlich hat mich Herr Simon-Schröter angesprochen und eine Lösung angeboten, zu der man nicht nein sagen konnte.

Wieso?

Zur Zeitfracht-Gruppe von Herrn Simon-Schröter gehört auch eine Reederei für Spezialschiffe, die Opus Marine GmbH. In die Struktur dieser Gesellschaft kann der Kutter samt Mannschaft eingegliedert werden, erhält dadurch technische Betreuung, Versicherungsschutz und vieles mehr. Die beiden Seeleute bekommen sichere Arbeitsverträge und eine finanzielle Beteiligung an guten Fängen. Vor allen Dingen erhält er im Zuge der Transaktion genug Geld, um seine Schulden zu bezahlen und die Eröffnung des Insolvenzverfahrens abzuwenden. Er kann also auch zukünftig das tun, was er so liebt: Krabbenfischen. Er muss sich auch nicht mehr um die vielen ungeliebten administrativen Dinge einer Selbstständigkeit kümmern. Und die Gläubiger erhalten ihr Geld zurück. Ein ideales Ergebnis.

Könnte Ihr Ansatz Schule machen?

Das glaube ich nicht. In klassischen Unternehmensinsolvenzen werden weiterhin strukturierte M&A-Prozesse durchgeführt werden. Hier hatten wir einen Ausnahmefall mit hohem Sympathie- und Aufmerksamkeitswert. Bei einer ähnlichen Konstellation könnte man den Weg über soziale Netzwerke vielleicht noch einmal probieren, wenn es keine anderen Möglichkeiten mehr gibt. Aber bei einem Imbiss oder einem Schlüsseldienst braucht man sowas gar nicht erst versuchen. Und bei der Insolvenz eines größeren Unternehmens wäre das auch keine Option. Da werden wir weiterhin auf die herkömmlichen und bewährten Prozesse zurückgreifen.

Was haben Sie aus der Geschichte mitgenommen?

Ich war überwältigt, wie positiv die Reaktionen waren und wie konstruktiv und interessiert die User teilgenommen haben. Die sozialen Medien haben eine wahnsinnige Sprengkraft, wenn eine Geschichte viral geht. Vielleicht klingt das etwas abgedroschen, aber man kann durchaus mitnehmen, dass man nicht zu schnell aufgeben sollte. Das war ein letzter Versuch und er hat funktioniert. Ich möchte aber auch betonen, dass dieses Einzelschicksal für eine gebeutelte Branche steht. Ich konnte einen Einzelfall lösen, aber viele andere brauchen noch Hilfe.

Hat sich für Sie irgendwas geändert?

Mein Beitrag hat in den letzten Tagen zu einer Flut an Nachrichten und Anfragen geführt. Aber das wird schnell wieder abebben. Für viele Menschen war das eine schöne Geschichte. Wenn sie ein besseres Licht auf die Insolvenzverwalter wirft, freut mich das. Ich bin immer wieder überrascht, dass wir offenbar vielfach noch immer als steife Juristen, als Zahlenmenschen und Abwickler wahrgenommen werden. Mit diesem Vorurteil konnte ich etwas brechen. In Wirklichkeit sind die meisten Insolvenzverwalter, die ich kenne, sehr empathische Menschen mit viel wirtschaftlichem Sachverstand, die nach Möglichkeit Unternehmen und Arbeitsplätze erhalten wollen, statt sie zu zerschlagen. Wir verstehen uns als Partner, nicht als Gegner.

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