KolumneWie die BASF Stellenabbau betreibt (oder auch nicht)

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Wer seit 30 Jahren bei der BASF SE in Ludwigshafen arbeitet und nun allmählich auf die Rente zugeht, musste noch nie ernsthaft um seinen Arbeitsplatz fürchten. Seit Jahrzehnten gelten im Stammwerk des weltgrößten Chemiekonzerns so genannte „Standortvereinbarungen“, die betriebsbedingte Kündigungen unmöglich machen. Der geltende Vertrag zwischen Vorstand und Betriebsrat läuft bis Ende nächsten Jahres. Doch schon verhandeln beide Seiten über eine neue. Der geplante Stellenabbau von weltweit 6000 Arbeitsplätzen, vom neuen BASF-Chef Martin Brudermüller am Donnerstag offiziell verkündet, läuft zumindest in Deutschland wieder ganz „sozialverträglich“ ab – und wird deshalb einmal mehr sehr teuer für das Unternehmen.

6000 weniger Jobs – das hört sich radikal an. Ist es aber nicht. Der Personalabbau erstreckt sich über mehrere Jahre und soll erst Ende 2021 beendet sein. Und in Wahrheit baut die BASF nur einen Teil der Stellen wieder ab, die sie in den letzten drei Jahren erst aufgebaut hat. 2015 gab es insgesamt 112.000 Mitarbeiter im Konzern, die einen Umsatz von 70,4 Mrd. Euro erwirtschafteten. Im letzten Jahr sorgten 122.000 Mitarbeiter für lediglich 62,7 Mrd. Umsatz. Unter dem Strich also 10.000 Stellen mehr und fast 8 Mrd. Euro Umsatz weniger.

Bei BASF ist Stellenabbau ein schwieriges Unterfangen

Nun ist die kleine Rechnung, die sich auf die offiziellen Geschäftsberichte stützt, natürlich nicht ganz fair. In den letzten drei Jahren hat sich die BASF wie jeder andere Konzern verändert, hat Bereiche verkauft und neue gekauft, hat eingegliedert und ausgegliedert, so dass die Zahlen nicht ganz miteinander kompatibel sind. Aber trotzdem gilt: Eine Geschäftsstrategie, die mit immer mehr Mitarbeitern immer weniger Umsatz erreicht, kann auf lange Sicht nicht funktionieren.

Bei der BASF gab es in der Vergangenheit nicht nur Jobs auf Lebenszeit, sondern auch außerordentlich hohe Gehälter. Ein promovierter Chemiker fängt mit 77.000 Euro an – und auch Arbeiter verdienen dort sehr gut. Deshalb will auch niemand wieder weg bei dem Konzern. Was auf der einen Seite gut ist, auf der anderen Seite aber für eine gewisse Beamtenmentalität im Konzern sorgt. Man steigt langsam über genau festgesetzte Stufen auf und muss in der Regel keine Konkurrenten von außen fürchten. Das mittlere Management des Konzerns gehört nicht gerade zu den agilsten Standesvertretern der deutschen Industrie.

Mit all diesen Traditionen kann Martin Brudermüller, selbst wenn er es denn wollte, nicht so leicht brechen. Die neue Organisation, die bei der BASF entsteht, soll nach seinen Worten „mehr Flexibilität und Kreativität“ ermöglichen. Das sind auf jeden Fall richtige Ziele, die alle Aktionäre sicherlich unterstützen, die sich seit Jahren über die schlechte Kursentwicklung ihrer Papiere ärgern. Richtig ist auch, dass Brudermüller mit seinen Sparmaßnahmen vor allem bei der BASF-Zentrale und der Verwaltung ansetzt. Ob dadurch eine nachhaltige Wirkung zu erzielen ist, sieht man allerdings erst in einigen Jahren. Bisher haben sich die Beharrungskräfte in Ludwigshafen immer wieder als stärker erwiesen als alle Reformversuche.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


 

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