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Kolumne Wie BMW langsam VW übernimmt

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Aus München nach Wolfsburg: Im VW-Vorstand besetzen ehemalige BMW-Manager künftig fast alle Schlüsselpositionen. Eine erstaunliche Entwicklung

Nun also auch noch Hildegard Wortmann. Die ehemalige BMW-Managerin rückt nach kurzer Lehrzeit im Konzern in den VW-Vorstand auf und verantwortet dort künftig den Vertrieb. Leute aus München besetzen damit in Wolfsburg bald knapp die Hälfte aller Chefsessel in der obersten Führungsetage. VW-Chef Herbert Diess führt diese Riege an, gefolgt von Audi-Chef Markus Duesmann und dem Leiter des Bereichs Einkauf, Murat Aksel.

Bei VW läuft die Teamaufstellung damit anders als bei der Konkurrenz. Bei BMW und Mercedes findet sich kein einziger Vorstand, der aus Wolfsburg kommt. Dort bestimmen sogenannte Eigengewächse praktisch das gesamte Bild: Manager, die nahezu ihr gesamtes Berufsleben im jeweiligen Konzern verbrachten. Das gilt für BMW-Chef Oliver Zipse genauso wie für Mercedes-Chef Ola Källenius.

Folgen der Abgasaffäre

Die erstaunliche Entwicklung im VW-Konzern geht zum großen Teil auf die Dieselbetrugsaffäre zurück, die Dutzende von internen Managerkarrieren beendete und den Bedarf nach Führungskräften von außen geradezu explodieren ließ. Unter normalen Umständen wäre ein Mann wie Diess niemals VW-Chef geworden und eine Frau wie Wortmann wahrscheinlich auch nicht Vertriebsvorstand. Doch mit der Dieselaffäre rückte eine Qualifikation in den Vordergrund, die man früher nicht auf dem Radarschirm haben brauchte: die Gewissheit, nicht in den konzernweiten Skandal verwickelt zu sein.

Eigentlich vertrauen die Hauptaktionäre des Konzerns nur Leuten, die sie schon seit Jahrzehnten kennen. Der legendäre VW-Chef Ferdinand Piech begründete eine Kultur des allgemeinen Misstrauens gegenüber Führungskräften, die bis heute den Konzern prägt.

Nur diejenigen, die ihre unbedingte Gefolgschaftstreue zur Familie Porsche-Piech über viele Jahrzehnte unter Beweis stellten, gelangten nach oben. Nach der Betrugsaffäre aber musste sie von diesem heiligen Prinzip abrücken und Manager von außen an die Spitze setzen.

Zusätzliche „Checks“ und „Balances“

Weil damit aber das Misstrauen in die eigenen Vorstände noch größer geworden ist also es ohnehin schon war, versuchen es die Haupteigentümer mit zusätzlichen „Checks and Balances“. Man unterstützt VW-Chef Diess, aber mauert ihn zugleich durch andere Vorstände ein; man bringt persönliche Vertraute der Familie in die Chefetage wie den neuen Compliance-Vorstand Manfred Döss; man verspricht Männern wie Porsche-Chef Oliver Blume bereits den nächsten Karriereschritt, um ihn an sich zu binden. Ein wirkliches Team kann sich so an der Spitze natürlich nicht bilden, Eifersüchteleien beherrschen den Alltag und jeder wartet auf die Fehler des anderen, um selbst besser dazustehen.

Es ist kein Wunder, dass Manager aus dieser Wolfsburger Unternehmensunkultur nur schwer eine adäquate Stellung in anderen Konzernen finden. Und junge Nachwuchstalente zieht es unter solchen Bedingungen auch nicht unbedingt nach Wolfsburg. Bleiben nur die Enttäuschten und die Übergangenen aus den anderen Konzernen. Diess ging nur deshalb zu VW, weil man ihm den Chefposten bei BMW verwehrte. Und Wortmann folgte dem Ruf aus Wolfsburg nur, weil man ihr bei BMW einen Mann vor die Nase setzte und sie alle Hoffnungen auf das Vertriebsressort im Vorstand fahren lassen musste.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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