GastbeitragWer hat Angst vorm automobilen Wandel?

Selbstfahrendes Auto der Alphabet-Tochter Waymo
Selbstfahrendes Auto der Alphabet-Tochter Waymo: Erfunden wurde die Technologie in DeutschlandWaymo

Die Automobilindustrie scheint auf einer unaufhaltsamen Erfolgswelle zu reiten. Die Absatzzahlen weisen nach oben, Unternehmen weisen Umsatzrekorde aus. In Deutschland bewegt sich die Zahl der Neuzulassungen auf stabil hohem Niveau. Das Land ist automobiler Exportmeister. Laut Studien wie dem BP Energy Outlook soll sich die Zahl der Autos weltweit bis 2035 sogar verdoppeln – und dem Kraftfahrtbundesamt zufolge erhöhte sich der absolute Kraftfahrzeugbestand zwischen 2018 und 2019 erneut um rund eine Millionen. All das suggeriert: Keine Krise kann der Automobilindustrie etwas anhaben. Wie steht das im Verhältnis zu den gegenüber der Automobilindustrie regelmäßig und oft beschworenen Untergangsszenarien?

Reine Absatzzahlen sind ein gefährlicher Blick in den Rückspiegel.

  • Erstens verstellen sie den Blick auf die Marktanteile im Zukunftssegment Elektrofahrzeuge.
  • Zweitens fokussieren sie auf Produktion, während ein zunehmender Teil der Wertschöpfung im Mobilitätssektor durch Services generiert wird.
  • Drittens sind sie kein Indikator für die Zukunftssicherheit im Bereich Digitalisierung.

Digitalunternehmen machen mobil

Die digitale Transformation verändert das Auto wie wir es kennen. Bereits heute sind viele Autos rollende Computer, ausgestattet mit digitalen Assistenz- und Infotainmentsystemen sowie einer Vielzahl an Sensoren. Klassische Erfolgsfaktoren der Branche – ausgeklügelte Motoren, Design, Fahrgefühl – sind zwar nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, doch die Digitalisierung hat das Anforderungsprofil an Fahrzeuge um eine Variable erweitert: Software (und dadurch vernetzte Hardware). Diese Entwicklung wird sich mit dem fortschreitenden technischen Fortschritt rasant fortsetzen. Stichworte Künstliche Intelligenz und autonomes Fahren.

Diesen Umstand machen sich neue Player zu nutze. Technologieunternehmen wie Alphabets Waymo oder Alibaba, das seit Mitte 2018 in Peking eine autonome Testflotte betreibt, preschen in den Mobilitätsmarkt. Ihre Stärke ist die Schwäche der Automobilkonzerne – Softwareentwicklung als Kernkompetenz. So verwischt die neue Konkurrenz die Grenzen der klassischen Automobilindustrie und zieht auf die Überholspur. Waymos autonome Autos legten schon 16 Millionen Kilometer auf öffentlichen Straßen zurück. Und Waymos erster autonomer Ridesharing-Service startete bereits in der amerikanischen Großstadt Phoenix den Regelbetrieb. Der Wandel ist längst Gegenwart.

Die junge Generation wendet sich ab

Vorweg: Das eigene Auto besitzt bei Menschen und auf dem Land weiterhin einen hohen Stellenwert. Doch Angaben des Bundesverkehrsministerium zufolge wendet sich der städtische Nachwuchs zunehmend vom Konzept des eigenen Autos ab. Diese Entwicklung wird in dem Report Mobilität in Deutschland festgehalten und drückt sich in sinkenden Führerscheinzahlen unter jungen Menschen in den Großstädten aus. Ein Indiz, dass dies kein temporäres Phänomen ist, lieferten die Autoren des Reports, welche eine „nachlassende Bindung an das Auto in den heutigen mittleren Altersgruppen” gegenüber vergleichbaren Altersgruppen aus früheren Reporten erkennen.

Was liegt dieser Entwicklung zu Grunde? Nun, es gibt immer mehr Alternativen zum eigenen Pkw. Gerade die aufstrebende Sharing-Economy wird populärer, ein Mix aus öffentlichem Nahverkehr, Ride- und Carsharing macht das eigene Auto im Alltag für viele überflüssig. Ein Beispiel: Der Statista Digital Markets Outlook zählte 2018 4,9 Millionen Nutzer von Ridesharing-Diensten und prognostiziert einen Anstieg um knapp 43 Prozent bis 2022. Langsam wird auch die Politik aufmerksam. Verkehrsminister Andreas Scheuer gab kürzlich bekannt, den Fahrdienstmarkt für digitale und plattformgetriebene Mobilitätsdienste zu öffnen – Zeit wäre es.