Kolumne Wenn Konzerne den Chef ganz freiwillig feuern

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Beim Abschied eines Vorstandsvorsitzenden werfen die Unternehmen ihre Floskelmaschine an. Und eine Horde von Konzernastrologen forscht zwischen den Zeilen

Ein echter Chef geht immer „auf eigenen Wunsch“. Immer! Niemals gegen seinen ausdrücklichen Willen. Niemals! Jedenfalls wenn wir den offiziellen Verlautbarungen der Konzerne glauben dürfen. Wenn es zum plötzlichen Wechsel in der Chefetage kommt, werfen die Kommunikatoren ihre Floskelmaschine an. Und sie spuckt immer die gleichen Formulierungen aus. Der Boss geht aus „persönlichen Gründen“, sucht eine „neue Herausforderung“ oder will sich künftig „mehr um seine Familie kümmern“. Zwei Beispiele aus dem letzten Monat: Den bisherigen Tschibo-Vorstand Thomas Linemayr zieht es angeblich zu seinen Söhnen in den USA, verbreitete die Holding des Kaffee- und Krempelanbieters über das „Handelsblatt“. Beiersdorf-Chef Stefan De Loecker nimmt den Hut , weil er „die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft“ des Unternehmens gestellt hat und deshalb offenbar nichts mehr zu tun bleibt. Wer es glaubt, wird selig.

Die Diskussion, die sie eigentlich mit ihrer Verlautbarung beenden wollen, stacheln die Konzerne durch ihre Floskeln erst an. Regelmäßig stürzen sich ganze Horden von Konzernastrologen in den Medien und in den Analyseabteilungen der Banken auf das, was sie zwischen den Zeilen zu lesen glauben. Manche vermessen die Länge der Dankesworte, andere die Restdauer bis zur Räumung des Schreibtisches. Die Faustformel: Ein Vorstand, der schon weg ist, bevor die Tinte unter dem Pressetext trocken ist, flog offenbar in hohem Bogen aus dem Unternehmen raus. Egal was man sonst so liest. Deshalb legen viele Bosse auch Wert darauf, ihren eigenen Abschied einige Monate im Voraus zu einem einigermaßen plausiblen Zeitpunkt (etwa zur Hauptversammlung oder zum Ende des Geschäftsjahrs) zu terminieren. Nur dann kann man überhaupt von einer „einvernehmlichen Trennung“ ausgehen, sonst nicht. Meist ist diese Formulierung nichts anderes als eine Lüge.

Der Aufsichtsrat als Heldenversammlung

Nur in den allerseltensten Fällen wabert beim Chefwechsel ein winziger Hauch von Wahrheit durch die Konzernflure. In diesen Fällen liest man dann ebenfalls immer die gleichen Worte: Es gebe im Unternehmen „unterschiedliche Auffassungen über die weitere Geschäftsstrategie“ – vulgo heftigen Streit. Und dann sticht halt der Ober den Unter und der Aufsichtsratschef wirft den Vorstandschef raus. Es ist, wie alte Kämpen versichern, die dramatischte Stunde im Leben eines Aufsichtsrats. Viel dramatischer als die eher harmonische Bestellung eines neuen Chefs.

Die Konzerne erwarten von ihren Ex-Chefs nach der Verkündung des Rauswurfs vor allem eins: den Mund zu halten. Sie selbst aber halten sich in den meisten Fällen nicht an das Schweigegelübde. Immer wieder liefern die Pressesprecher und ihre frei umherschweifenden PR-Berater alle möglichen Erklärungen für den Rauswurf nach. Ziel der Übung: den Aufsichtsrat als Heldenversammlung darzustellen und den scheidenden Boss als Versager. Nur wenige, sehr gut geführte Konzerne machen dieses Spiel nicht mit.

Erfahrene Personalberater raten ihre Klienten deshalb vorsichtshalber, sich beim Abschied frühzeitig und gnadenlos um ihre eigene Reputation zu kümmern und sich nicht aus alter Loyalität in die Logik ihres bisherigen Konzerns einbinden zu lassen. Schließlich wollen die meisten Ex-Chefs ja noch etwas werden, wenn sie sich ein paar Wochen um ihre Familien gekümmert haben: Entweder wieder Chef oder zumindest Aufsichtsrat.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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