Capital erklärtWas Sie zum Endspurt vor der US-Wahl wissen müssen

Donald Trump und Joe Biden bei der letzten TV-Debatte vor der Präsidentschaftswahl am 3. November
Donald Trump und Joe Biden bei der letzten TV-Debatte vor der Präsidentschaftswahl am 3. Novemberimago images /UPI Photo


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: „Endspurt vor der US-Wahl“ – mit Digital-Chef Martin Kaelble, der den Wahlkampf seit Monaten genau verfolgt.


Joe Biden liegt in den Umfragen deutlich vor Trump. Wie sicher ist dieser Vorsprung?

Man muss bis zum Wahltag vorsichtig sein mit den Umfragen. Biden hat in der landesweiten Umfrage einen komfortablen Vorsprung von zuletzt knapp acht Prozentpunkten. Das ist fraglos beachtlich. Aufgrund des besonderen Wahlsystems mit Wahlmännern aus einzelnen Bundesstaaten entscheidet aber bekanntlich nicht der landesweite Vorsprung, wer Präsident der Vereinigten Staaten wird. Den entscheidenden Ausschlag geben die sogenannten Swing States. Bei der letzten Wahl hatte Hillary Clinton landesweit die sogenannte Popular Vote mit fast drei Millionen mehr Stimmen gewonnen, die Wahl aber letztlich vor allem in den Swing States Michigan, Pennsylvania und Wisconsin knapp verloren. In den Umfragen hatte sie in diesen Staaten – wie jetzt Biden – vor der Wahl noch deutlich vorne gelegen. Das sollte uns grundsätzlich zurückhaltend sein lassen mit allzu sicheren Prognosen vor dem Wahltag.

Welche Swing States sind denn diesmal entscheidend – und wie steht Biden hier da?

Wichtig werden wieder Michigan, Pennsylvania und Wisconsin sein, hier liegt Biden mit mindestens vier Prozentpunkten vorne, teils klar jenseits der Fehlermarge für Umfragen. Aber zu den entscheidenden Swing States zählen noch eine Reihe weiterer Staaten: Arizona und North Carolina zum Beispiel. Auch hier liegt Biden überall vorn. Was beachtlich ist: Biden hat derzeit sogar einen – wenn auch extrem knappen – Vorsprung in einigen Staaten, die klassischerweise ganz klar an die Republikaner gehen – darunter Georgia und Iowa, phasenweise zählte Ohio dazu. Allein die Tatsache, dass es in diesen Staaten nun ein Kopf-an-Kopf-Rennen gibt, zeigt schon, wie schwierig es derzeit für die Republikaner aussieht. Einer der wichtigsten Staaten, in denen letztlich die Wahl entschieden werden könnte, wird aber ein anderer Bundesstaat sein: Florida, von dort kommen besonders viele Wahlmänner. Ein Staat, der schon in der Vergangenheit den Ausgang der Präsidentschaftswahl bestimmt hat – zum Beispiel im Jahr 2000 für George W. Bush. In Florida lag Biden zwischenzeitlich um bis zu vier Prozentpunkte vor Trump, mittlerweile sind es zwei Prozentpunkte. Eines ist klar, wenn Trump Florida nicht holt, ist die Wahl entschieden – und zwar zugunsten Bidens.

Wie aussagekräftig sind denn die Umfragen überhaupt?

Fest steht, 2016 lagen sie in einigen Swing States falsch. Und unvorhergesehene Ereignisse in den letzten zwei Wochen bis zur Wahl können noch einmal alles zum Kippen bringen. Allerdings gibt es ein paar Unterschiede zu 2016: Die Zustimmung für Biden ist über den gesamten bisherigen Wahlkampf deutlich konstanter als bei seiner Vorgängerin Hillary Clinton, die 2016 zwischenzeitlich in den nationalen Umfragen auch mal hinter Trump lag. Das gab es bei Biden in den vergangenen Monaten zu keinem Zeitpunkt. Außerdem hat man aus den Umfragen in 2016, in denen die weißen Nicht-Akademiker der Swing States nicht stark genug gewichtet wurden, gelernt und die Umfragen angepasst. Und dann muss man jenseits der reinen Umfrage-Zahlen auch immer auf den Kontext, die großen Themen und Stimmungen einer Wahl achten.

Welche wichtigen Kontext-Faktoren wären das bei dieser Wahl?

Zunächst natürlich die Corona-Pandemie. Das Thema hat Trump sehr geschadet – aufgrund des Missmanagements der US-Regierung und all der unglücklichen Bemerkungen und Auftritte rund um das Tragen von Masken zum Beispiel. Hier hat Trump vor allem bei einer wichtigen Wählergruppe an Zustimmung eingebüßt: den Rentnern. Sie hatten ihm 2016 noch – speziell im Rentnerstaat Florida – mit zum Wahlsieg verholfen. Corona hat zudem die Wirtschaft schwer in Mitleidenschaft gezogen. Aus Erfahrungen vergangener US-Wahlen heraus ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass ein amtierender Präsident inmitten einer Rezession wiedergewählt wird. Ein weiterer Faktor sind die Anti-Rassismus-Proteste. Allgemein gilt in den USA: Wenn es den Demokraten gelingt, die afroamerikanischen Wählerschichten zu mobilisieren, dann wird es sehr schwer für die Republikaner. Das könnte bei dieser Wahl in ungekanntem Ausmaß geschehen, da viele Afroamerikaner Trump für einen Rassisten halten. Generell könnte die Mobilisierung insgesamt diesmal ein ganz großer Faktor sein. Trump polarisiert; viele Wähler sehen in ihm daher eine Bedrohung der Demokratie – und wollen alles tun, um ihn abzusetzen. Das könnte eine historisch hohe Wahlbeteiligung nach sich ziehen, worauf die Millionen bereits jetzt abgegebener Stimmen bereits hindeuten. Beim letzten Mal waren viele unentschlossene Wähler wenig begeistert von Clinton und dachten – auch aufgrund der Umfragen – dass Trump sowieso nicht gewinnt. In der Folge sind einige nicht zur Wahl gegangen. Diesen Fehler wird im demokratischen Lager wohl niemand ein zweites Mal machen.

Wer hat im Wahlkampf die größere Kriegskasse?

Trump inszeniert sich zwar als Unternehmer und ist Multimillionär, tatsächlich konnte Biden für seine Kriegskasse aber deutlich mehr Spenden mobilisieren – vor allem nach der vorletzten Debatte. Nach eigenen Angaben Anfang Oktober kann Bidens Wahlkampfteam auf 432 Mio. Dollar zurückgreifen. Aktuelle Zahlen von Trumps Team sind noch nicht bekannt, Stand August belief sich das Budget aber auf 210 Mio. Dollar und lag damit zu diesem Zeitpunkt deutlich hinter Biden. Die New York Times berichtete wiederholt, dass der Trump-Kampagne finanziell gegenüber Biden die Luft ausgehe. In der Schlacht um Wahlwerbung scheint Biden entsprechend die Nase vorn zu haben. Kein Wunder, unterstützt der New Yorker Milliardär Michael Bloomberg das Biden-Lager doch tatkräftig mit großen Summen bei Internet- und Fernsehwerbung – allein in Florida mit 100 Mio. Dollar, wie er im September ankündigte. Am 3. November wird sich zeigen, ob sich diese enormen Investments auszahlen.

Trump hat immer wieder gesagt, er würde einen Wahlsieg Bidens nicht anerkennen. Würde er dann im Amt bleiben?

Trump ist zwar theoretisch vieles zuzutrauen. Eine knappe Wahl, deren Auszählung sich zum Beispiel wegen Briefwahlen tagelang hinzieht, könnte Trump entsprechend nutzen, um Unruhe zu stiften. Solch eine Wahl könnte tatsächlich erst vor dem Supreme Court entschieden werden, nach wochenlanger Unklarheit. Bei einem klaren Wahlsieg von Biden hingegen bleibt vermutlich auch Trump keine große Chance für Eskapaden. Grundsätzlich stellt sich auch die Frage, inwiefern die Republikaner Querelen von Trump mittragen würden. So hat bereits der Mehrheitsführer der Republikaner im Senat Mitch McConnell zugesichert, es werde eine geordnete Machtübergabe geben „so wie es seit 1792 alle vier Jahre der Fall war“. Ein Erdrutschsieg der Demokraten scheint derzeit gut möglich. Hier gilt: Sollte am Wahlabend auf den TV-Bildschirmen Florida blau aufleuchten, steht der Gewinner sehr früh fest – egal wie viele Briefwahlstimmen noch ausgezählt werden müssen.

 


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