KommentarWas Kevin Kühnert und Donald Trump gemeinsam haben

Juso-Chef Kevin Kühnert
Juso-Chef Kevin Kühnertdpa

Man stellt sich Kevin Kühnert vor, wie er in seiner Wohnung von der Enteignung von BMW träumt, während sein Mitbewohner in der Küche kräht, dass das Nutella alle ist. Das sind die sozialistischen Fantasien mit Bauchansatz von heute, unfertig und überheblich, aus den kleinen Wohlstandsnestern des Westens.

Bei jeder Aufregung gibt es inzwischen eine schnelle Aufregung über die Aufregung. So auch nach der geplanten Empörung auf Kühnerts Interview. Die Reaktion mancher Journalisten und Politiker: Kommt mal wieder runter. Man wird doch nochmal laut über Sozialismus und Enteignungen nachdenken dürfen. Ehemalige Juso-Chefs meldeten sich zu Wort und bekannten, selbst früher viele Dummheiten von sich gegeben zu haben, so als bringe das Amt des Juso-Chefs das halt mit sich.

Nun habe ich das Interview gelesen (was zu viele, die sich aufregen, leider nicht tun) und muss fairerweise sagen, dass die „Zeit“-Kollegen den armen Juso-Chef da auch etwas reindrängen und reinquatschen: Sie bringen erstmalig und immer wieder BMW ins Spiel, nicht er. Das Problem ist deshalb auch weniger die absurde, aber erwartbare Forderung nach Kollektivierung – sondern die ratlose Wolkigkeit, mit der sie von Kevin Kühnert erhoben wird. Kühnert weiß, was er sagt und welche Wirkung er erzielt. Er hat im „Spiegel“ nachgelegt, dass er es „ernst meint“. Aber er weiß nicht, wie man daraus intelligente Politik macht. Er hat noch nie gearbeitet, weiß aber genau, was die Arbeiter heute wollen.

Es ist ein Symptom dieser Wochen, dass Politiker im linken Spektrum solche Forderungen einfach mal raushauen. Mal schauen, wie es ankommt. So machte es der knuffige Robert Habeck, dem man das mit seiner zerzausten Kinderbuchautorenfrisur durchgehen lässt, so macht es nun Kevin Kühnert, dem Entrüstung, aber auch viel Beifall aus der SPD entgegenschlägt.

Wie groß ist der Zorn auf Reiche?

Was aber passiert da und warum? Warum reden wir 2019 verstärkt über Enteignungen? Da werden Grenzen ausgetestet und Stimmungen erfasst. So wie Rechtspopulisten immer wieder Stimmungen beim Thema Flüchtlinge und Ausländer testen und ihre schäbigen Knaller raushauen, formiert sich im linken Spektrum, noch lose und unorganisiert, eine kleine Bewegung: Sie will erspüren, wie groß der Zorn auf „Reiche und Spekulanten“ wirklich ist – wie weit man unter Umständen gehen könnte. Und was überhaupt mehrheitsfähig ist. Die SPD steht bei 17, die Linke bei neun Prozent. Da muss man mal etwas ausprobieren, auch wenn die alte Regel gilt: Wahlen werden in Deutschland in der Mitte gewonnen.