KlimaschutzFlieger, büß mir die Tonne

Ein Flugzeug im Landeanflug
Flugzeuge sind große CO2-EmittentenDirk Vermeylen auf Pixabay

Noch ist es leicht, dem schlechten Gewissen aus dem Weg zu gehen. Schnell auf lufthansa.de, Datum, Start und Ziel eingeben, Kreditkarte und Miles-and-More-Nummer sind eh hinterlegt – und zack, sind die Flüge gebucht: Frankfurt–New York, zwei Erwachsene, über das erste Adventswochenende, gut 1500 Euro pro Person in der Premium Economy. Was man sich halt so gönnt nach einem anstrengenden Jahr.

Bald aber – auf das genaue Datum will sich die Lufthansa noch nicht festlegen – wird bei der Buchung ein Hinweis erscheinen: Leisten Sie einen aktiven Beitrag zum Schutz der Umwelt, wird so oder so ähnlich dort stehen, und kompensieren Sie den CO₂-Ausstoß Ihres Fluges. Dann ist es vorbei mit dem unbeschwerten Wochenendtrip. Aber immerhin, man kann die Sache beheben, mit einer Spende an ein Klimaschutzprojekt – und die Lufthansa hofft, dass mit dem deutlichen Hinweis während der Buchung mehr Kunden davon Gebrauch machen.

Das moderne Leben ist eine wahre CO₂-Orgie. Ob fliegen, Auto fahren oder im Internet surfen, heizen oder duschen – kaum eine menschliche Aktivität verursacht keine Treibhausgase. Wir alle sind Klimasünder, die einen weniger, die anderen mehr. Im Schnitt ist jede und jeder Deutsche für 11,6 Tonnen CO₂ pro Jahr verantwortlich.

Infografik: So viel Treibhausgase verusachen Flugzeug, Bahn & Co. | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Organisationen wie Atmosfair, Myclimate und Primaklima kommen da gerade recht. Sie versprechen, menschliche Treibhausgasemissionen wieder auszugleichen. Seit Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung streiken und demonstrieren, haben sich die Einnahmen der Kompensationsanbieter bereits schlagartig vervielfacht.

Das Prinzip ist mehr oder weniger immer gleich: Mithilfe von CO₂-Rechnern kalkulieren Kunden den Treibhausgasausstoß und spenden dann Geld für klimafreundliche Projekte. Anderswo auf der Welt sollen die ebenso hohe Emissionen einsparen, wie der Kunde verursacht hat. Daher können Verbraucher jetzt klimaneutral fliegen, eine klimaneutrale Wurst verspeisen – und sogar klimaneutrales Heizöl kaufen. So jedenfalls lautet das Versprechen.

Aber was bringen die Ausgleichszahlungen wirklich? Tragen sie tatsächlich dazu bei, die Klimakatastrophe zu verhindern? Oder sind sie der Ablasshandel des 21. Jahrhunderts, der nur dazu dient, unser schlechtes Gewissen zu beruhigen? Capital hat sich die sieben wichtigsten Anbieter von Klimakompensationen genauer angeschaut.

Gleich der erste Schritt, der Vergleich der CO₂-Rechner, weckt Zweifel an der Seriosität mancher Plattformen. Weichen doch die Emissionen, die die Portale für zwei fiktive Flugreisen ermitteln, drastisch voneinander ab. Für einen Economy-Flug von Düsseldorf nach Gran Canaria und zurück etwa spucken der Rechner der Anbieter Primaklima und Klima-Kollekte einen Wert von 1,88 Tonnen CO₂ aus. Der Anbieter Myclimate beziffert die Emissionen nur auf 1,10 Tonnen. Lufthansa, die wiederum für ihren Rechner (bisher nur auffindbar im Onlinemenü unter „Zusätzliche Leistungen“, und dann ganz unten) mit Myclimate kooperiert, kommt gar nur auf 0,39 Tonnen. Und beim Durchrechnen eines Businessclass-Trips Frankfurt–New York–Frankfurt kam der Algorithmus des Hamburger Anbieters Arktik auf 8,93 Tonnen – der Lufthansa-Rechner dagegen gerade mal auf 1,6 Tonnen CO₂. Das ist umso merkwürdiger, weil der Rechner auf der Homepage von Myclimate immerhin 3,8 Tonnen ermittelt.