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Bernd Ziesemer Was der Fall der Gazprom-Aktie lehrt

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die Sowjetisierung des gesamten russischen Energiesektors schreitet voran – und damit auch die schleichende Enteignung der Privataktionäre

Gazprom zahlt zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert keine Dividende mehr. Diese völlig unerwartete Nachricht reichte aus, um den Kurs der Aktie Ende vergangener Woche um ein Drittel nach unten zu stürzen. Den Hauptaktionär juckt das allerdings nicht: Der russische Staat hält die Mehrheit an dem Gasriesen und besorgt sich seinen Anteil an den Rekordgewinnen über eine Sondersteuer, die bereits beschlossen ist. Die Dummen sind allein die Privataktionäre.

Die offizielle Begründung für den Ausfall der Dividende halten selbst die Russen für einen Witz, die an Wladimir Putin glauben. Angeblich will der Konzern sein Geld im Unternehmen halten, um die abgelegenen Regionen des Landes endlich an das Versorgungsnetz anzuschließen. Mehr als ein Drittel der Russen haben in dem größten Förderland der Welt nach wie vor keinen Zugang zu Erdgas. In der Provinz heizt man mit Kohle und Holz. Daran wird sich aber auch nichts ändern, so gewiss wie der Kreml in Moskau bleibt.

In Wahrheit geht es um einen weiteren Schritt zur Re-Sowjetisierung des ganzen Energiesektors in Russland – und damit auch um die schleichende Enteignung der letzten Privataktionäre. In den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts lockten die russischen Führer, erst Boris Jelzin und dann Wladimir Putin, mit allen Mitteln privates Kapital ins Land, um die marode Öl- und Gaswirtschaft zu sanieren. Die ausländischen Energieriesen beteiligten sich und in ihrem Gefolge öffneten sich die russischen Unternehmen auch für andere Privataktionäre. Nun flüchten Shell, BP und Co wegen des Krieges in der Ukraine mit wehenden Fahnen aus Russland. Damit verliert Putin auch das Interesse an privatem Kapital überhaupt. Künftig soll wieder der russische Staat den gesamten Energiesektor verwalten und steuern – und nebenbei den korrupten Putin-Kreis mit viel Geld versorgen. Das Minimum an Transparenz, das mit der Notierung der großen russischen Energiekonzerne an den Börsen einher ging, war dieser Clique schon immer ein Dorn im Auge.

Russische Gazprom-Aktionäre fürchten um ihr Vernögen

Mit westlichen Anlegern, die sich über die sogenannten ADR-Programme indirekt an Gazprom beteiligten konnten, muss man kein Mitleid haben. Wer unter Putin in ein Unternehmen investieren wollte, das immer unter der Fuchtel des russischen Staats geblieben ist, der ist selbst schuld. Seit Anfang März liegen die Anteilscheine wegen westlicher Sanktionen auf Eis, so dass sich die Investoren nicht einmal mehr von ihren Papieren trennen können. Meist waren es sowieso Profis und Zocker, die sich auf dieses Spiel einließen. Anders sieht es dagegen in Russland selbst aus, wo viele Kleinaktionäre die verlässlichen Dividendenzahlungen als Ausweis für ein „solides Investment“ nahmen und nun um ihr Vermögen fürchten.

Mittel- und langfristig werden der Auszug des (ausländischen) Privatkapitals und die Re-Sowjetisierung des Energiesektors die gleichen Resultate produzieren wie vor 1989 in der sozialistischen UdSSR: erst den langsamen, dann den galoppierenden Verfall der ganzen Industrie. Momentan blicken alle auf die hohen Profite, die Putin durch die stark gestiegenen Preise für sich und seinen Rüstungssektor einstreichen kann. Aber in ein paar Jahren wird man sehen: Putin hat Russland durch den Überfall auf die Ukraine auf Jahrzehnte in die weitere Verarmung gestürzt. 

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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