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Horst von Buttlar Lieber zwei harte Winter als 20 Jahre in Putins Klauen

Silhouette des Kölner Doms bei Nacht
Um Energie zu sparen, werden Gebäude wie der Kölner Dom nachts nicht mehr angestrahlt
© IMAGO / NurPhoto
Die Stimmung in Deutschland kippt noch vor dem Winter – immer mehr fordern, Sanktionen gegen Russland aufzuheben, damit wieder billiges Gas fließt. Dieses Szenario ist ein Trugschluss

Verliert Moskau den Krieg in der Ukraine? Für eine Antwort auf diese Frage ist es weiterhin viel zu früh, ist die Lage zu undurchsichtig, die Dynamik zu hoch. Es gab überraschende, taktische Erfolge der Ukraine, heroische Durchbrüche – und deutliche Zerfallserscheinungen auf Seiten der Russen.

Der Kreml reagierte auf die erfolgreiche Gegenoffensive mit wilden Schlägen auf Infrastruktur, etwa auf einen Staudamm – und mit einer verstärkten „Krypto-Mobilisierung“, wie das Institute for the Study of War es ausdrückt: Keine Generalmobilmachung – vor der Wladimir Putin weiterhin zurückschreckt –, sondern regionale Initiativen und Kampagnen zur Rekrutierung. Die mitunter verzweifelt wirken. Sogar vor der Rekrutierung von Strafgefangenen soll nicht Halt gemacht werden.

Erfolgreicher behaupten sich die Russen an der zweiten Front: dem Energie- und Wirtschaftskrieg. Zumindest auf den ersten Blick. Spätestens Anfang September ist in Deutschland die Stimmung gekippt: Die Mehrheit der Menschen (55 Prozent) lehnt es laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL und „Stern“ ab, weitere finanzielle Belastungen für die gegen Russland verhängten Sanktionen in Kauf zu nehmen.

Schon im Juli glaubte eine knappe Mehrheit (51 Prozent), dass Deutschland sich mit den Sanktionen mehr schade als Russland. Im August waren in einer weiteren Forsa-Umfrage 39 Prozent der Befragten der Meinung, dass Deutschland angesichts der Gasknappheit die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 ermöglichen sollte.

Die Stimmung kippt – schon vor dem Winter

Das sind beunruhigende Zahlen. Zumal man sie nicht wegwischen kann und sollte, da dies nicht einfach die üblichen Stimmungen und Stimmen am rechten und linken Rand sind. Diese gibt es, aber wir reden nicht über eine Neuformierung der Corona-Leugner. Diese Sorgen kommen aus der Mitte der Gesellschaft, und man muss sie ernst nehmen.

Die Warnsignale sind unübersehbar: Chemiefabriken und Stahlwerke, die ihre Produktion drosseln oder stilllegen, erste prominente Pleiten wie Hakle und Görtz, die mögliche weitere Verstaatlichung von Uniper – und dann die Bäcker! Das liebste urdeutsche Handwerk im Überlebenskampf.

Dass die Stimmung schon jetzt kippt, überrascht allerdings, denn es ist ja nicht einmal Winter. Es gab noch keine Blackouts, keine großflächigen Produktionsausfälle, Insolvenzen ja, aber keine Insolvenzwelle – und die großen Horrorrechnungen für Strom und Gas kommen für die meisten ja erst noch.

Es wird mehr gewarnt, gemahnt und an die Wand gemalt – in teils apokalyptischer Rhetorik – was auch ein Problem ist: Wenn man den Volksaufstand immer wieder beschwört, schwört man ihn auch irgendwann herauf. Sorgen sollten wir uns machen, Ängste ernst nehmen – aber in Panik sollten wir auch nicht verfallen. Denn genau an diesem Punkt möchte Putin speziell uns Deutsche, die Hidden Champions im Angsthaben, ja haben.

Aber spielen wir die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland – wenn sie denn eine Lösung sein sollen – einmal durch: Fließt das Gas dann wieder reichlich und billig? Zumindest wüsste Putin, dass Deutschland erpressbar ist, wenn er weitere Kriegspläne hegt. Wovon man bei einem Regime, das einen äußeren Feind fürs Überleben braucht, ausgehen sollte.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen

Schon Ende Februar frohlockte Dmitri Medwedew, Ex-Präsident und inzwischen einer der größten Scharfmacher auf Twitter: „Herzlich Willkommen in der Schönen Neuen Welt, in der die Europäer bald 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen.“ Die Deutschen, hieß es bald in Moskau, würde schon wieder angekrochen kommen. Sollen wir das tun?

Nun, wir würden uns erneut in genau die Abhängigkeit begeben, aus der wir uns gerade befreien müssen. Die fiktive Öffnung von Nord Stream 2 – Nord Stream 1 haben die Russen ja selbst stillgelegt und fackeln das Gas lieber ab – sehnt eine Welt vorbei, die schon vor einiger Zeit untergegangen ist. Eine Zeit, in der man glaubte, Russland sei ein verlässlicher, ja, vielleicht sogar ein strategischer Partner.

Eine Aufhebung der Sanktionen könnte Deutschland zudem gar nicht im Alleingang beschließen, denn diese haben wir überwiegend im Verbund mit der EU verhängt. Klar, Deutschland hat als größtes EU-Land und größte Wirtschaftsmacht erheblichen Einfluss. Aber es würde einen Bruch in Europa bedeuten, denn vor allem Länder in Osteuropa wie Polen und das Baltikum sind, obwohl sie genauso leiden, völlig klar in ihrer Front gegenüber Moskau. Sie wissen um die neue Bedrohung, die von Russland ausgeht, sie haben Jahrzehnte unter der Sowjetherrschaft gelitten.

Ein solcher Schritt wäre auch ein Bruch mit den USA, dem wichtigsten Verbündeten und Sicherheitsgaranten Europas und Deutschland. „Europa hat sich bisher gut behauptet“, schrieb die „Financial Times“ diese Woche in einem Leitartikel. „Aber Erfolg und Niederlage im Wirtschaftskrieg mit Putin werden davon abhängen, wie gut der Block zusammenhalten kann.“

Eine Aufhebung der Sanktionen gaukelt eine einfache Lösung vor, die es so nicht gibt. Und gerade weil die Abhängigkeit vom russischen Gas so hoch war, ist die Anpassung so schmerzhaft. „Wir haben einen Schlag auf den Kopf bekommen“, sagte mir vor einigen Tagen eine bekannte Aufsichtsrätin. „Aber es war auch höchste Zeit, dass wir aufwachen.“ Auf mittlere Sicht könnte es sich für unser Land auszahlen, wenn wir die Energieversorgung noch entschlossener umbauen. Und die Wirtschaft, so die Aufsichtsrätin, dürfte dabei sogar schneller und anpassungsfähiger sein als die Politik.

„One-Way-Ticket ins Nirgendwo“

In diesem Winter sitzt Putin, trotz voller Gasspeicher, am längeren Energiehebel, vermutlich auch noch im nächsten Winter – der unmittelbare Schaden ist in Europa sichtbarer als in Russland. Auf mittlere Sicht sieht es jedoch düster für die russische Wirtschaft aus. Schon im August gab es erstmals ein Defizit im Haushalt, die Autoproduktion liegt am Boden, Flugzeuge werden nach Ersatzteilen ausgeschlachtet – und China springt als Lieferant von Technologie nur zögerlich ein (Das Öl nimmt es mit Abschlag gerne). „Die Ökonomen haben sich geirrt, als sie einen sofortigen Zusammenbruch vorhersagten“, schrieb der „Economist“ Ende August. „Was Russland stattdessen bekommt, ist ein One-Way-Ticket ins Nirgendwo.“

Das Leiden in Russland, das von der Propaganda verschleiert werden wird, lindert aber noch kein Leiden in Europa. In diesem Winter, vielleicht auch im nächsten, werden Europas Staaten Hilfspakete in ganz neuen Dimensionen schnüren müssen. Schon jetzt summieren sie sich europaweit auf 350 Mrd. Euro.

Das letzte 65-Milliarden-Paket der Bundesregierung dürfte nicht das letzte gewesen sein. Diese Krise könnte die deutsche Wirtschaft 2023 bis zu vier Prozentpunkte Wachstum kosten – eine Summe von 120 bis 150 Mrd. Euro. Rechnet man Schulden und höhere Kosten für Energie hinzu, kommt man auf dreistellige Milliardenbeträge. Laut Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) wird 2022 und 2023 die Rechnung für fossile Energieimporte um 260 Milliarden Euro höher ausfallen als zu alten Preisen.

Diese Einbrüche und Schulden sind bitter, umso mehr, also sie unmittelbar auf die Corona-Pandemie folgen. Dennoch muss man auch beim moralischen Argument dieses Krieges zu einem klaren Schluss kommen. In all diesen Umfragen liegt ja auch die Frage in der Luft, ob in der Ukraine wirklich Demokratie und Freiheit verteidigt werden. Wird das Land nicht geradezu in Teilen verklärt? Natürlich. Aber die Vergleiche zur „Sicherheit am Hindukusch“, in die der Westen sich einst gesteigert hat, hinken. In der Ukraine fordert eine Großmacht die Sicherheitsarchitektur Europas heraus, es sei denn, man vertraut darauf, dass Putin nur die Ukraine haben will.

Lieber zwei harte Winter also, als noch 20 Jahre Abhängigkeit von Putin – das ist die nüchterne, furchtbare und harte Abwägung, die wir dieses Jahr treffen müssen.


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