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Europa in der Energiekrise Wie planmäßige Stromausfälle Blackouts verhindern sollen

Seit dem 1. September wird das Brandenburger Tor nachts nicht mehr beleuchtet
Seit dem 1. September wird das Brandenburger Tor nachts nicht mehr beleuchtet, um Strom zu sparen
© Carsten Koall/Getty Images
Die Angst vor einem Gasmangel im Winter wächst. Um ein Chaos im Ernstfall zu verhindern, bereiten sich mehrere Länder in Europa auf planmäßige Stromausfälle im Winter vor

Es ist Dezember in Europa und die Temperaturen sinken. Die Menschen lassen die Heizung laufen, kochen ihr Abendessen, schalten die Waschmaschine an, sehen fern. Gleichzeitig gehen in Frankreich dem Netzbetreiber die Möglichkeiten aus, die Lampen am Leuchten zu halten.

Das Energieversorgungsunternehmen hat Alarmstufe „Rot“ ausgerufen, was bedeutet, dass die Versorgung am Limit ist. Es hat bereits einige industrielle Großverbraucher abgeschaltet und die Spannung gesenkt und sogar eine Aufforderung an die privaten Haushalte verschickt, ihren Stromverbrauch zu drosseln.

Auch wenn viele der Aufforderung nachkommen, drängt die Zeit. Der Betreiber muss zu einem drastischen Schritt greifen und an einigen Stellen den Strom abschalten, um einen völligen Zusammenbruch des Systems zu verhindern.

Regierungen spielen Szenarien durch

Das ist ein dramatisches Szenario, auf das sich Regierungen in ganz Europa vorbereiten, seit sich die Energieknappheit auf dem Kontinent von Woche zu Woche verschärft. Am Mittwoch erklärte der französische Stromversorger Reseau de Transport d'Electricite, er müsse das Land in diesem Winter wahrscheinlich mehrmals auffordern, den Verbrauch zu senken, um Stromausfälle zu vermeiden. Auch Finnland verschärfte seine Warnungen vor Stromausfällen.

Die erhöhte Alarmbereitschaft folgt auf den russischen Gaslieferstopp durch die wichtige Pipeline Nord Stream 1,  wodurch die Gefahr von Engpässen bei der Versorgung mit Gas zum Heizen von Häusern und zur Stromerzeugung weiter gestiegen ist. Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Gaslieferungen nach Europa in diesem Jahr immer wieder reduziert als Reaktion auf die Sanktionen, die gegen sein Land nach dem Einmarsch in der Ukraine verhängt wurden.

„Die Realität ist, dass es in Europa nicht genug Gas gibt“, sagte Ed Birkett, Leiter des Bereichs Energie und Klima bei der Londoner Denkfabrik Onward. „Wenn die Nachfrage nicht gesenkt wird, werden zuerst die Unternehmen vom Netz gehen müssen, und im Extremfall könnten Haushalte vom Netz abgekappt werden.“

Es gibt zahlreiche aktuelle Präzedenzfälle. Im Jahr 2021 brach das texanische Stromnetz während eines Kälteeinbruchs zusammen, so dass Millionen Menschen tagelang ohne Strom waren. In Kalifornien kam es diesen Monat bei extremer Hitze beinahe zu einer solchen Situation.

Auch in Südafrika sind Stromausfälle keine Seltenheit, was vor allem auf fehlende Investitionen und vernachlässigte Wartung zurückzuführen ist. Sie werden in verschiedenen Gebieten zu bestimmten Zeiten geplant durchgeführt, wenn das staatliche Unternehmen Eskom Holdings keine ausreichende Stromversorgung garantieren kann. Die Bevölkerung dort verfügt zwar über Erfahrungen mit Stromausfällen im täglichen Leben, trotzdem sind die Störungen so groß, dass Geräte nicht funktionieren, das WLAN ausfällt und Verkehrssignale ausgeschaltet werden. 

Ohne Stromsparen geht es nicht

In Europa wird in den kommenden Monaten viel vom Wetter abhängen. Kleine Temperaturschwankungen können den Strombedarf radikal verändern. In Frankreich führt ein Temperaturabfall von ein Grad Celsius in der Regel zu einem Anstieg des Strombedarfs um etwa 2400 Megawatt, was der Leistung von zwei der 56 französischen Kernreaktoren entspricht.

Das Kernkraftwerk Chinon im französischen Avoine
Das Kernkraftwerk Chinon in Avoine. In Frankreich führt ein Temperaturabfall von einem Grad zu einem Strombedarf von 2400 Megawatt, was der Leistung von zwei Atomkraftwerken entspricht
© Nathan Laine/Bloomberg

„Wenn wir einen wirklich extremen Winter haben, würde sich das auf unser Stromnetz genauso nachteilig auswirken wie in Texas“, sagte der Berater Adam Bell, der früher die Energiestrategieabteilung im britischen Ministerium für Wirtschaft, Energie und Industriestrategie leitete. „Alles, was die Menschen jetzt tun können, um ihre Nachfrage zu senken, wird der Sache insgesamt helfen.“

Die Europäische Kommission schlug am Mittwoch eine Verordnung vor, in der die Regierungen aufgefordert werden, den Stromverbrauch insgesamt um zehn Prozent zu senken sowie eine obligatorische Drosselung um fünf Prozent während der Spitzenlastzeiten vorzunehmen.

Analysten der Investmentbank Goldman Sachs erklärten in einem Bericht: „Je mehr wir, vor allem im Sommer, den Gasverbrauch senken, desto unwahrscheinlicher werden Stromausfälle in Europa.“

Staatliche Hilfsmaßnahmen setzen falsche Anreize

Einige staatliche Hilfsmaßnahmen könnten das Problem jedoch noch verschärfen. Preisobergrenzen, die Verbrauchern und Unternehmen helfen sollen, mit den steigenden Preisen fertig zu werden, verringern die Anreize für einen geringeren Verbrauch.

Auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Frankreich, traditionell Europas größter Stromexporteur, muss in diesem Winter möglicherweise große Mengen Strom importieren, da Electricite de France mit der schwindenden Zuverlässigkeit ihrer alternden Kernkraftwerke zu kämpfen hat. Ein trockener Sommer hat die Wasserkraft in ganz Europa beeinträchtigt, auch in Norwegen, das traditionell ebenfalls ein großer Stromexporteur ist.

Wenn die Krise eskaliert, ist die Unterbrechung der Stromzufuhr zu den Haushalten der letzte Ausweg, und es gibt eine Reihe von Optionen, die die Behörden als erstes ergreifen werden.

Die einfachsten haben bereits begonnen. Die Regierungen haben empfohlen, die Thermostate herunterzudrehen und kürzer zu duschen. Auch reduzieren sie ihren eigenen Verbrauch, indem sie die Temperaturen in öffentlichen Schwimmbädern senken und die Außenbeleuchtung öffentlicher Gebäude nachts abschalten.

Der nächste Schritt ist in der Regel, dass große energieintensive Unternehmen, von denen viele bereits im Voraus Vereinbarungen mit den Regierungen getroffen haben, ihren Verbrauch reduzieren oder den Betrieb einstellen.

Danach werden die Entscheidungen noch unangenehmer. Im Falle Frankreichs ermöglicht das Ecowatt-System den Bürgern, die Prognosen für Stromangebot und -nachfrage für die kommenden Tage zu verfolgen, und zwar in drei Stufen: grün, orange und rot. Erwartet der Netzbetreiber, dass die Situation kritisch wird, gibt er am Vorabend eine Warnung aus. „In seltenen Fällen, in denen nicht der gesamte Strombedarf gedeckt werden kann, können lokale, kontrollierte Stromausfälle von maximal zwei Stunden Dauer organisiert werden“, heißt es auf der Ecowatt-Website.

Auch in Barcelona gilt das Gesetz, wonach Läden abends ihre Schaufensterbeleuchtung abschalten müssen
Auch in Barcelona gilt das Gesetz, wonach Läden abends ihre Schaufensterbeleuchtung abschalten müssen
© Angel Garcia/Bloomberg

Planmäßige Stromausfälle

Planmäßige Stromausfälle sind zwar schlecht, aber immer noch besser als unkontrollierte Stromausfälle, da die Versorgung ununterbrochen belastet wird. Sie ermöglichen es den Betreibern, Ausfälle zu begrenzen, anstatt in eine chaotische Situation zu geraten, in der es Tage dauert, bis alles wieder funktioniert.

In anderen Ländern gibt es ähnliche Verfahren. Wenn der Notfallplan im Vereinigten Königreich ausgelöst wird, würden zunächst die Haushalte und die Industrie aufgefordert, Energie zu sparen. Der nächste Schritt wäre, dass große energieintensive Unternehmen den Betrieb einstellen.

Stromnachfrage in Europa
© Bloomberg

Jüngste Erkenntnisse aus Kalifornien zeigen, dass solche Maßnahmen funktionieren. Am 6. September rief die Katastrophenschutzbehörde des Bundesstaates die höchste Stufe des Netznotstands aus und verschickte eine SMS-Warnung: „Schalten Sie den Strom ab oder reduzieren Sie ihn, wenn es Ihr Gesundheitszustand erlaubt, jetzt und bis 21 Uhr.“ Innerhalb weniger Minuten ging der Stromverbrauch zurück. Der Notstand wurde später aufgehoben, ohne dass es zu Stromausfällen kam.

Frankreich hat jüngst eigene Schätzungen veröffentlicht, damit möglichst viele solchen Aufforderungen Folge leisten: Wenn jeder Haushalt eine Glühbirne ausschalten würde, könnten 600 Megawatt eingespart werden, was dem Verbrauch von 600.000 Einwohnern entspricht.

„Insgesamt scheint die Botschaft, die Nachfrage in ganz Europa zu senken, noch nicht angekommen zu sein“, so Simone Tagliapietra von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. „Gehen Sie einfach durch unsere Städte – Sie sehen immer noch Supermärkte, die nachts geschlossen und beleuchtet sind. Wir sind einfach noch nicht so weit.“

© 2022 Bloomberg L.P.


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