GastbeitragWarum die CO2-Kritik an E-Autos falsch ist

"Ich fahre mit Strom" - stellt sich nur die Frage mit welchem? Nur mit Strom aus "sauberen" Enegiequellen haben E-Autos eine gute Ökobilanz dpa

Seit Bekanntwerden der Studienergebnisse von Hans-Werner Sinn zur Umweltfreundlichkeit von Elektroautos ist die Fachwelt hierzulande in Aufruhr: Ist die CO2-Bilanz von E-Fahrzeugen wirklich schlechter als die von Dieselfahrzeugen? Sinn und seine Co-Autoren hatten die Umweltbelastung durch die Batterien von E-Autos und deren Aufladen mit Strom aus überwiegend fossilen Energien kritisiert. Auf die gesamte Lebenszeit betrachtet sei die CO2-Bilanz von E-Fahrzeugen zu schlecht.

Im Silicon Valley ruft die deutsche Diskussion über die Klimafreundlichkeit von Diesel- oder E-Antrieb nur ein müdes Lächeln hervor. Dort widmet man sich längst der Weiterentwicklung des autonomen Fahrens in der Gewissheit, dass ein autonom betriebenes Fahrzeug zehn konventionelle ersetzt – und damit erheblich zum Klimaschutz beiträgt. Die Frage des Antriebssystems ist für die Amerikaner dabei nachrangig. Sie entscheiden später, welches das effizienteste umweltfreundlichste fürs autonome Fahren wird. Meiner Meinung nach richten wir den Fokus bei der Debatte zu sehr auf die Widrigkeiten und zu wenig auf vorhandene Möglichkeiten. Denn tatsächlich haben wir die Lösung fürs umweltfreundlichere Auftanken von E-Autos längst vor der Nase: in Form von Photovoltaikanlagen.

Strom vom Dach fürs Auto

Bundesweit warten rund vier Millionen Photovoltaikanlagen darauf, ihren Strom sinnvoll abzugeben. Warum nicht auch an E-Autos? In den kommenden Jahren laufen die meisten Anlagen in Deutschland aus der Förderung heraus. Ihre Betreiber müssen sich fragen: Was mache ich mit dem erzeugten Strom? Wie kann ich damit weiter Geld verdienen? Die Antwort liegt auf der Hand: Mach` dein Gebäude mit Photovoltaikanlage zur Tankstelle! Wenn Photovoltaikanlagen angegliederte Ladesäulen vor den Gebäuden mit Strom speisen, lässt sich fortan jedes Elektroauto in Deutschland zu 100 Prozent umweltfreundlich betanken – flächendeckend, engmaschig und nutzerfreundlich. Zudem spart ein Elektroauto-Fahrer, wenn er seinen Strom selbst mit Photovoltaik erzeugt, erhebliche Kosten, weil die Kilowattstunde viel günstiger ist als bei gekauftem, teils „dreckigem“ Strom. Die Photovoltaikanlagen machen das Elektroauto rentabel, das Elektroauto wiederum die Anlagen.

Niemand müsste mehr auf Strom aus fossilen Energien zurückgreifen für den Antrieb seines E-Fahrzeugs. Die CO2-Bilanz im Vergleich zum Selbstzünder wäre sofort unstrittig – egal, welche Aspekte nun von Professor Sinn berücksichtigt wurden oder nicht. Denn wer Strom aus regenerativen Energien tankt, dreht die Bilanz. Das weiß ich aus eigener Erfahrung: Ich fahre seit nunmehr 15 Jahren E-Mobile und tanke dabei in elf von zwölf Monaten Solarstrom. Mein Haus ist eine Tankstelle. Wer dauerhaft auf den „dreckigen“ Strommix aus der Steckdose verzichtet, sondern stattdessen voll auf Photovoltaikenergie setzt, reduziert den CO2-Ausstoß erheblich.

Integrales Denken und kollektives Teilen

Wir sollten die Frage der E-Mobilität und ihrer Klimafreundlichkeit nicht isoliert betrachten, sondern im Kontext zu anderen Lebensbereichen wie zum Beispiel dem Wohnen. Klimafreundliche Gebäudetechnik lässt sich nämlich für mehr als umweltfreundliches Leben und Arbeiten nutzen. Was das Silicon Valley schon lange begriffen hat und wir dringend verinnerlichen sollten: Wir benötigen integrales Denken, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern – und die Bereitschaft zum kollektiven Teilen. Häuser mit Photovoltaikanlagen zu Tankstellen zu machen, ist ein Teil davon.

Ein anderer ist das gemeinschaftliche Ausschöpfen von Kapazitäten, über die energieautarke Häuser verfügen. Die Speicher dieser neuen Häusergeneration bieten nämlich genügend Kapazität, um nicht nur eigene, sondern auch Energieüberschüsse von Versorgungsunternehmen einzulagern. Durch die Möglichkeit, Überschüsse dezentral in den Häuserspeichern einzulagern, können Energieversorger das Netz stabiler betreiben, ihre Windkraftanlagen konstanter auslasten und den Anteil erneuerbarer Energien weiter ausbauen. Dann wird der „dreckige“ Strom irgendwann auch kein Thema mehr sein. Es gilt, beim Klimaschutz neu und vernetzend zu denken, dann eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten.

Strategien, die zukunftsfähig machen

Nicht nur das Aufladen, sondern auch die Batterien des Elektroautos selbst stehen in der Kritik. Dabei sind die umstrittenen Lithium-Ionen-Akkus, die bislang als Batterie in E-Autos genutzt werden, ein Auslaufmodell. Warum? Weil ihre Ressourcen endlich sind. Schon längst wird an Alternativen geforscht, die weniger umweltbelastend sind. So gibt es für Gebäude bereits Salzwasserbatterien, die völlig unbedenklich sind. In den kommenden Jahren wird sich auf dem Batteriesektor einiges bewegen. Niemand sollte deswegen heute das Elektroauto als klimaunfreundlich abstempeln. Wie in vielen anderen Bereichen entwickelt sich auch hier die Technik immer weiter. Gerade weil etliche unserer Ressourcen endlich sind, ist der Innovationsdrang groß. Und die Dringlichkeit des Klimaschutzes treibt die Forschung dabei zusätzlich an.

Doch eines ist schon heute gewiss: Ein Elektroauto besteht aus zehnmal weniger Teilen als ein herkömmliches Auto. Es ist wesentlich weniger wartungs- und reparaturbedürftig und kommt ohne umweltbelastende Schmier- und Treibstoffe aus. Schenkt man dem „Life-Cycle-Assessment“ von Volkswagen zur Ermittlung der Ökobilanz des Golfs mit Diesel- und Elektroantrieb Glauben, ist die Klimabilanz des E-Golfs bereits heute besser. Es bedarf wohldurchdachter Konzepte, ob für die Energiegewinnung und -nutzung oder unsere Mobilität, damit sie uns weiter bringen. Was wir brauchen, sind Strategien, die zukunftsfähig machen und keine Streitereien, wer mehr Recht hat.