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Volkswagen Warum der Erfolg des neuen VW-Chefs Oliver Blume an China hängt

Porsche-CEO Oliver Blume übernimmt ab dem 1. September auch noch die Führung bei Volkswagen 
Porsche-CEO Oliver Blume übernimmt ab dem 1. September auch noch die Führung bei Volkswagen 
© IMAGO/Lackovic
Der überraschende Führungswechsel bei Volkswagen hängt zu einem guten Teil mit dem kränkelnden China-Geschäft zusammen, für das der bisherige Vorstandschef Herbert Diess verantwortlich war. Sein Nachfolger Oliver Blume kennt China bestens – und hat damit einen entscheidenden Vorteil

Dieser Artikel liegt Capital.de im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 28. Juli 2022.

Mitten in die Werksferien in Wolfsburg platze am späten Freitagnachmittag die Nachricht über den Führungswechsel bei Volkswagen. Für den bisherigen VW-Chef Herbert Diess, so heißt es zumindest aus VW-Kreisen, sei das ein Schock gewesen. Er wusste zwar, dass er bei vielen Mitarbeitern aneckte und entscheidende Probleme noch nicht im Griff hatte. Die Abberufung kam jedoch ohne Vorwarnung.

Mit Oliver Blume als Nachfolger setzt der Aufsichtsrat nun auf jemanden, der explizit China-Erfahrung aufweist. Das ist kein Zufall. Fast alle Probleme und Baustellen des Konzerns haben derzeit direkt oder indirekt mit dem großen Markt in Fernost zu tun:

  • die Abhängigkeit von einem einzelnen Absatzmarkt, die sich seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs von einem diffusen Management-Problem zu einer geopolitischen Achillesferse für Deutschland entwickelt hat,
  • die Frage der Beschaffung von wichtigen Teilen wie Halbleiterelementen und vor allem Batteriezellen. Auch die Akkus, die der Konzern beispielsweise in seiner neuen Fabrik in Salzgitter fertigen lässt, beruhen auf Zellen des chinesischen Zulieferers Wuxi Lead;
  • die Beschaffung von Rohstoffen für die Produktion von Schlüsselkomponenten – China dominiert auch hier,
  • die Umstellung der Antriebe auf möglichst CO2-neutrale Energiequellen – hier treibt China die deutsche Konkurrenz vor sich her.

Firmenangaben zufolge hat Blume 2001 am Institut für Fahrzeugtechnik der renommierten Tongji-Universität in Shanghai promoviert. Die Tongji ist nicht irgendeine Uni. Es handelt sich um eine der Top-Institutionen der Volksrepublik. Sie schneidet in internationalen Rankings vor deutschen Hochschulen ab. Im Jahr 1907 als deutsche Hochschule für Chinesen in Shanghai gegründet, gehört sie zu den ältesten der modernen Bildungseinrichtungen in China. Der Name Tongji weckt Ehrfurcht.

Brandstätters neue China-Strategie bleibt vorerst gültig

Gleich im Anschluss an seine Zeit an der Tongji in Shanghai sammelte Blume an mehreren Standorten Konzernerfahrung. Er ging zunächst zu Audi, dann zu Seat und schließlich zur Kernmarke Volkswagen nach Wolfsburg, wo er die Produktionsplanung leitete. 2015 wurde er Chef von Porsche. Drei Jahre später wurde er zudem in den Konzernvorstand von VW berufen, verantwortlich für die Produktion. Blume will auch künftig in Personalunion Porsche-Chef bleiben.

An der China-Strategie, die der designierte China-Vorstand Ralf Brandstätter im Juni präsentierte, hat Blume nach Konzernangaben unmittelbar mitgewirkt. Ab August soll ein eigenes sogenanntes „China Board" installiert sein, das markenübergreifend und eigenständig vor Ort schalten und walten soll. An dieser Strategie wird VW also unter Blume als Konzernchef festhalten.

Doch ob diese Strategie ausreichen wird, um den Marktanteil des deutschen Autobauers von noch 40 Prozent im vergangenen Jahr halten zu können? Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich der chinesische Automarkt derzeit entwickelt, dürfte auch Blume nicht viel Zeit haben, um bald Erfolg vorzuweisen.

Die größten Baustellen liegen für VW in China

Die Rahmenbedingungen in China verändern sich so rasch, dass das deutsche Management nur mit Mühe mithalten kann. Das musste auch Diess erfahren. Ohne den Druck aus China hätte VW den Schwenk zu Elektromodellen in dieser Konsequenz zwar nicht vollzogen. Dennoch hinkt der deutsche Marktführer hinterher. Diess hinterlässt Blume daher große Baustellen:

  • die anhaltende Chipkrise, die die Konkurrenz offenbar besser bewältigt,
  • Qualitätsmängel mit Batterien kurz nach dem Produktionsstart des Elektrobusses ID-Buzz.
  • Vor allem aber das schleppende Geschäft in China, dem für VW mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt, und die womöglich noch miserableren Aussichten, gehen auf Diess Führungszeit zurück. Er war bis Ende 2021 persönlich für die Steuerung des China-Geschäfts zuständig.
  • Unmittelbar damit hängt die wohl größte Schwachstelle des Konzerns zusammen: die Entwicklung neuer Software.

Die von Diess eigens gegründete Tochterfirma Cariad sollte ein einheitliches Betriebssystem für die gesamte Volkswagen-Gruppe entwickeln. Es sollte die Grundlage für das autonome Fahren legen. Zuletzt zeichnete sich jedoch ab, dass es wegen diverser Koordinationsprobleme und unzureichender Fachkräfte zu erheblichen Verzögerungen kommt und die Volkswagen-Gruppe noch über Jahre zwei verschiedene Systeme verwenden wird, zwischen denen es kaum Überschneidungen gibt. Dem Konzern geht damit kostbare Zeit verloren.

Diess fehlte das Fingerspitzengefühl

Für chinesische Kunden sind die digitalen Funktionen des Autos tendenziell wichtiger als traditionelle Kennzahlen wie die Motorleistung. Eine gut zu bedienende Software ist für sie kaufentscheidend. Die chinesische Konkurrenz ist dabei aber den deutschen Autobauern deutlich überlegen: BYD ist beim E-Auto in China bereits Marktführer, chinesische Newcomer wie Nio, Xpeng holen kräftig auf und punkten mit einer leistungsstarken Benutzeroberfläche.

Gerade die Anbindung an beliebte Apps genügt sehr viel mehr den Ansprüchen der chinesischen Kundschaft als die Technik von Volkswagen. BYD ist inzwischen auch auf Expansionskurs in Europa. Diess Abgang dürfte also nicht zuletzt mit den Problemen im China-Geschäft in Zusammenhang stehen.

Doch auch im Umgang mit politischen Themen zeigte Diess in seiner Amtszeit wenig Fingerspitzengefühl. Erst Anfang Juli sagte er in einem Interview, der Konzern lasse sich von seinem Joint-Venture-Partner über die Menschenrechtslage in China informieren. Der Partner ist jedoch ein Staatsunternehmen und kein unabhängiger Beobachter. In einem Interview mit der britischen BBC schützte Diess 2019 Unwissenheit vor, als er nach den brutalen Lagern in der chinesischen Provinz Xinjiang gefragt wurde. VW ist der einzige ausländische Autobauer, der auch in Xinjiang ein Autowerk betreibt. Diess' Äußerung hat vor allem in angelsächsischen Medien für große Empörung gesorgt. Mittlerweile verweigert auch das Bundeswirtschaftsministerium dem Volkswagen-Konzern wegen seiner Tätigkeiten in Xinjiang Handelssubventionen.

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