ReferendumWagt die Schweiz die Vollgeld-Revolution?

"Bitte erinnere dich, wozu wir dich gegründet haben" sprühten Vollgeld-Aktivisten auf eine Plakatwand vor der Schweizerischen Nationalbankdpa

An einem sonnigen Freitagmorgen, als viele Schweizer ihr Wochenende in den Bergen planten, haben sieben Aktivistinnen und Aktivisten einen Slogan auf Plakatwände in der Nähe des Berner Hauptsitzes der Schweizer Nationalbank gesprüht. „Bitte erinnere dich, wozu wir dich gegründet haben“, stand dort in großen roten Buchstaben.

Die Aktion war ein seltener Akt der Rebellion im konservativen Alpenstaat und sie fiel mit der Jahreshauptversammlung der Schweizerischen Nationalbank zusammen. Es war der jüngste Protest einer Gruppe von Schweizer Ökonomen und Aktivisten vor dem Referendum am 10. Juni über eine radikale Reform der modernen Wirtschaftsweise.

Die Initiatoren fordern, dass Banken bei der Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher kein Geld mehr „schaffen“. Sie wollen die Finanzinstitute daran hindern, die Ersparnisse der Schweizer Wähler durch eine rücksichtslose Kreditvergabe zu gefährden, die das Finanzsystem sprengen könnte. Die Nationalbank soll ihre verfassungsrechtliche Rolle – wie in einem Referendum von 1891 definiert – als Monopolgeber von Schweizer Franken wieder übernehmen. „Der Wille des Volkes wurde vergessen“, heißt es.

„Experten sind überzeugt, dass das Finanzsystem wieder zusammenbrechen wird – sie wissen nur nicht wann“, sagt Raffael Wüthrich, einer der Berner Aktivisten. „Wenn das der Fall ist, sollten wir dafür sorgen, dass unser Geld sicher ist.“

Die Initiative trifft einen Punkt

Die Kampagne findet internationale Resonanz, weil sie den von der Finanzkrise 2007/08 ausgelösten Anti-Establishment-Zorn auf die Verteidiger des globalen Finanzsystems widerspiegelt. In der Schweiz ist die SNB das Symbol für dieses System.

Die Intitiative spricht ein breites politisches Spektrum an, von der libertären Rechten, die seit langem über die Frage der Geldschöpfung debattiert, bis hin zu Linken, die die Macht der Privatbanken kritisieren. „Vollgeld passt zu einer langjährigen Debatte unter Ökonomen, die nach der Krise nicht nur in der Schweiz und Deutschland, sondern auch in Ländern von den USA bis Großbritannien und Island wieder aufgeflammt ist“, sagt die Genfer Pictet-Ökonomin Nadia Gharbi.

SNB-Präsident Thomas Jordan warnt vor dem Vollgeld als ein „gefährliches Experiment“, das ein funktionierendes Bankenmodell zerstören und der Wirtschaft schaden würde.

Doch auch Kritiker geben zu, dass die Aktivisten einen Punkt getroffen und eine notwendige Debatte über die Funktionsweise der Finanzsysteme nach der Krise angestoßen haben. „Die Idee, dass wir das Finanzwesen reformieren müssen, gehört zum Mainstream – und es ist nicht absurd der Meinung zu sein, dass wir ein viel besseres System haben könnten“, sagt Hans Gersbach, Wirtschaftsprofessor an der ETH Zürich, einer eidgenössischen Technischen Hochschule. „Aber Vollgeld ist die radikalste Option, die man sich denken kann.“

Zentralbanken könnten Kryptogeld herausgeben

Die Schweizer Kampagne hat eine noch größere Bedeutung erlangt, da sie mit dem Aufschwung von Kryptowährungen – digitalen Zahlungsformen wie Bitcoin auf Basis der Blockchain-Technologien – zusammenfällt. Deren Anhänger vertreten häufig ähnliche Positionen.

Wie Banknoten und Münzen könnten Zentralbanken auch Kryptowährungen herausgeben. Die Befürworter argumentieren, dass ihr virtuelles Format ihnen eine größere Verbreitung ermöglichen würde. Und eventuell könnten sie sogar normale Bankkonten ersetzen.

Der Bitcoin-Hype hat zu einer Diskussion unter Notenbankern über die Frage geführt, ob sie eines Tages E-Versionen der nationalen Währungen herausgeben sollten. Die SNB gehört dabei zu den lautstarken Mahnern, die vor möglichen Gefahren warnen.

„Der Ursprung dieser[Vollgeld]-Initiative hatte nichts mit E-Geld oder Kryptowährungen der Zentralbank zu tun“, sagt Jordan der FT. „Aber natürlich geht es auch um die grundsätzliche Frage des Zugangs der Öffentlichkeit zu Zentralbankgeld und die damit verbundenen Auswirkungen auf das Finanzsystem.“