Gastronomie„Viele Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand“

Gastronomiebetriebe müssen für einen Monat erneut schließen.imago images / tagesspiegel

Seit Mittwoch steht es fest: Gastronomiebetriebe müssen ab dem 2. November erneut schließen – wie schon im März, zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland. Bis Ende November sollen nur die Lieferung und Abholung von Speisen erlaubt sein, beschlossen Bund und Länder. „Für die Gastronomiebranche sind die erneuten Schließungen eine Katastrophe“, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Dehoga-Bundesverbandes. „Viele Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Von den Bundesländern wünsche man sich jetzt einheitliche Vorgaben. „Viele Unternehmer sind verzweifelt“, sagt Hartges. „Manche überlegen, gegen die Schließungen zu klagen.“

Seitdem Gastronomiebetriebe im März zeitweise geschlossen wurden, brach der Umsatz in der Branche laut Statistischem Bundesamt bis August im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 40 Prozent ein. Im April war der Einbruch mit einem Rückgang um 68,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat am stärksten. Dann setzte eine Erholung ein: Im August betrug der Umsatzrückgang noch 22,3 Prozent. Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannte in ihrer Regierungserklärung zwar an, dass viele Hygienekonzepte erarbeitet wurden. Aber im gegenwärtigen exponentiellen Wachstum könnten die Hygienekonzepte ihre Wirkung nicht mehr entfalten, so Merkel. Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus stieg zuletzt wieder drastisch an: Am Freitag meldete das Robert-Koch-Institut weit über 18.000 Neuinfektionen. Bei 75 Prozent der Infektionen könne man nicht mehr zuordnen, wo sie geschehen seien, sagte Merkel. Aus diesem Zustand müsse man schnellstmöglich wieder heraus.

„Jeder Tag fehlt ganz akut“

Jonathan Kartenberg betreibt zwei Restaurants – das Irma la douce und das eins44 in Berlin. „In den Zeiten, in denen die Leute schon mit begrenzten Größen gearbeitet haben, konnten keine Rücklagen gebildet werden“, sagt der Unternehmer mit Blick auf die letzten Monate. „Da fehlt jetzt jeder Tag ganz akut.“ Mit einer erneuten Schließung habe er gerechnet, befürchtet aber, dass es nicht bei einem Monat bleibt. Daher fordert er vor allem eines: Klarheit. Wenn man ihm sage, dass sein Betrieb zur Sicherung der allgemeinen Gesundheit geschlossen werden müsse, sei er dazu bereit. „Mir ist klar, dass ich in der heutigen Zeit nicht Priorität Nummer eins bin, und das ist auch richtig. Ich würde Schulen und Kitas auch länger offen lassen als meine Restaurants“, sagt der Gastronom. Von der Allgemeinheit erwarte er, „dass ich im Rückblick nicht der Leidtragende bin, weil das eben nicht meine eigene Verantwortung als Unternehmer ist.“ Er erwarte die Deckung der Fixkosten. Im Gegenzug seien er und sein Team bereit zu helfen, wenn irgendwo Hilfe gebraucht werde. „Wir wollen nichts geschenkt haben. Aber wir brauchen gewisse Möglichkeiten.“

Auch für Giacomo Mannucci, Inhaber der Berliner Restaurants To The Bone und To Beef or Not to Beef kamen die Schließungen nicht überraschend. „Schon als die Sperrstunde kam, hatte ich diese Befürchtung“, sagt der Unternehmer. „Ich muss jetzt rund 20 bis 30 Leute nach Hause schicken, in Kurzarbeit.“ Jetzt müsse schnell ein konkreter Plan folgen. „Ich hoffe nur, dass es keine dritte und vierte Welle gibt“, sagt er. Die zweite Welle werde er wirtschaftlich noch überleben, die dritte „wahrscheinlich nicht“.

Neue Hilfen vom Bund

Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte am Donnerstag in ihrer Regierungserklärung an, der Bund werde „den betroffenen Unternehmen, Einrichtungen und auch Vereinen helfen, ökonomisch über diese schwierige Zeit hinwegzukommen“. Geplant ist eine außerordentliche Wirtschaftshilfe des Bundes. Kleinen Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern soll so 75 Prozent des Umsatzes erstattet werden – orientiert an den Einnahmen des Vorjahresmonats. Die neuen Hilfen sollen ein Finanzvolumen von bis zu 10 Mrd. Euro umfassen.

„Es muss selbstverständlich sein, dass die Branchen, die Opfer bringen und geschlossen werden, um einen allgemeinen Lockdown zu vermeiden, Hilfe bekommen“, sagt Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Hartges. Mit den neu angekündigten Hilfen sei man auf dem richtigen Weg. Jetzt gelte es, die Details abzuwarten. „Es sind noch viele Fragen offen.“ Wichtig seien jetzt schnelle, unbürokratische und ausreichende Hilfen. Gastronom Mannucci bezweifelt, dass die angekündigten Hilfen ihn auch wirklich erreichen. Schon das erste Hilfspaket sei nicht bei ihm angekommen, nur einen Kredit habe er bekommen. Sollten die neuen Hilfen ihn aber erreichen, könne das eine gute Lösung sein, sagt er. Ob die Maßnahmen ausreichen, kann auch Kartenberg noch nicht sagen. Er habe zwei Unternehmen, eines davon habe vor weniger als zwölf Monaten eröffnet. „Ich kann damit nicht aufhören, die Möglichkeit bietet sich mir nicht“, sagt er. „So oder so muss ich weitermachen.“