Corona-Krise„Vom Hammer zum Skalpell“: Das sagen Ökonomen zu einem zweiten Lockdown

Verschärfte Corona-Maßnahmen dürften unter anderem die Gastronomie besonders hart treffen.imago images / Jörg Halisch

Fast 15.000 Neuinfektionen meldete das Robert-Koch-institut am Dienstag, die zweite Corona-Welle ist im vollen Gange. Nun sollen schärfere Maßnahmen helfen, das Infektionsgeschehen einzudämmen. „Für einige Branchen ist das ein harter Schlag“, sagt Torsten Schmidt vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). „So wie es aussieht, wird es die Bereiche treffen, die bereits gebeutelt sind.“

Für Restaurants und die Veranstaltungsbranche könne eine Verschärfung der Maßnahmen schwerwiegendere Auswirkungen haben, sagt auch Stefan Kooths, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Viele Unternehmen seien schon durch die ersten Monate der Pandemie massiv geschwächt. „Wenn es jetzt zu einem Schließen der Gaststätten kommt, muss man davon ausgehen, dass das Unternehmen vermehrt das Genick bricht“, sagt Kooths. Ähnliches prognostiziert auch Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank: Die direkt betroffenen Sektoren der kontaktintensiven Dienstleistungen und Fernreisen treffe es hart, da „sie sich bisher nur teilweise vom Einbruch im Frühjahr erholt haben.“ Der Lebensmitteleinzelhandel könnte Kooths zufolge dagegen von der ausfallenden Wertschöpfung in der Gastronomie abermals profitieren.

Tatsächlich müssen Restaurants im November schließen. Das ist ein Teil der Maßnahmen, die Bund und Länder am Mittwoch beschlossen haben. Der Einzelhandel bleibt geöffnet und auch Schulen und Kitas werden nicht geschlossen.

Einbußen ungleich verteilt

Der Einbruch in der Gastronomie und in der Veranstaltungsbranche sei gesamtwirtschaftlich zwar verkraftbar, sagt Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Nur seien die Einbußen sehr ungleich verteilt. „Ich denke, die Hauptaufgabe der Wirtschaftspolitik ist es, für eine angemessene Verteilung der Kosten zu sorgen.“ Sonst bestehe die Gefahr einer Welle von Insolvenzen und eines Verlustes der Akzeptanz in der Bevölkerung, so Holtemöller.

Nach einer gewissen Zeit könnten auch in den besonders betroffenen Branchen wieder Unternehmen nachkommen, sagt Schmidt. „Aber das werden dann nicht in jedem Fall die Unternehmen sein, die dort jetzt aktiv sind.“

Auch den Einzelhandel könnte es treffen, so Kooths: „Wenn der Eindruck erweckt wird, dass das Einkaufen zu riskant ist, wird die private Kaufzurückhaltung auch zu erheblichen Einbußen führen.“ Auch Schmieding verweist auf weitere Effekte schärferer Maßnahmen, „vor allem eine Zurückhaltung der Verbraucher bei Einkäufen und eine ausgeprägtere Investitionsschwäche der verunsicherten Unternehmen“. Zudem prognostiziert er Einbußen im Außenhandel mit europäischen Ländern, die noch stärker von der Pandemie betroffen sind. Diese könnten nur teilweise durch zunehmende Ausfuhren nach China und in die USA ausgeglichen werden, so Schmieding.

„Anders als im Frühjahr dürften sich die ökonomischen Folgen vor allem auf die konsumnahen Bereiche konzentrieren und die Industrie deutlich weniger in Mitleidenschaft ziehen“, sagt Stefan Kooths. In industriellen Fertigungsstätten seien Hygienekonzepte vergleichsweise einfach umsetzbar, Gleiches gelte für Transportdienstleistungen. „Das sind Aktivitäten, die für sich genommen erst einmal weiterlaufen könnten, weil sie kaum einen Einfluss auf den Pandemie-Verlauf haben dürften.“

Gezielte Maßnahmen

Für einen bestimmenden Faktor hält Kooths die Frage, ob Schulen geöffnet bleiben. „Hier entscheidet sich, ob wir uns auf die Wirtschaftsbereiche konzentrieren können, die selbst soziale Kontakte brauchen oder nicht.“ Wichtig sei auch, dass die Maßnahmen nachvollziehbar seien und diejenigen Aktivitäten einschränkt würden, die auch tatsächlich zur Verbreitung des Virus beitragen, sagt Kooths: „Es ist wichtig, dass so gezielt und so gut begründet wie möglich vorgegangen wird.“ Das fordert auch Holtemöller: „Aus ökonomischer Perspektive wäre es gut, vom Hammer zum Skalpell überzugehen, also mit kleinteiligeren und gezielteren Maßnahmen aktiv zu werden.“

„Keine Angst vor einem zweiten Lockdown!“

„Das wird keine zweite Rezession auslösen“, sagt Schmidt vom Leibniz-Institut. Auch Holger Schmieding blickt trotz der verschärften Corona-Lage optimistisch in die Zukunft: Würden die Maßnahmen in vier Wochen wieder „erheblich gelockert, so könnte das seiner Einschätzung zufolge die Stimmung „rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft“ wieder verbessern. „Selbst wenn es uns im vierten Quartal hart treffen würde, dürfte die Konjunktur spätestens im kommenden Frühjahr wieder deutlich nach oben streben“, sagt er. „Der mittelfristige Ausblick für die Konjunktur – und auch für die Finanzmärkte – bleibt positiv.“

Eine erneute tiefe Rezession wie im Frühjahr sei nicht zu erwarten, sagt auch Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M. Warburg. Das Beispiel USA habe gezeigt, „dass gezielte und zeitlich beschränkte wirtschaftliche Beschränkungen wesentlich geringere ökonomische Schäden angerichtet haben als die allgemeinen und sehr umfassenden Einschränkungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens im April und Mai“, sagt er. Für Wirtschaft und Kapitalmärkte gelte daher: „Keine Angst vor einem zweiten Lockdown!“

 


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