KommentarWarum sich das Corona-Frühjahr im Herbst nicht wiederholt

RKI-Präsident Wieler und Gesundheitsminister Spahn sind alarmiert wegen der stark ansteigenden Zahl der Infiziertenimago images / Christian Thiel

Unserem Pandemievokabular dürfen wir eine weitere Wortverbindung hinzufügen: Beherbergungsverbot. Personen, die aus Risikogebieten oder Hotspots kommen, dürfen ohne negativen Test nicht mehr in anderen Bundesländern in Hotels oder Pensionen übernachten – neben Abstandsgeboten, Maskenpflicht und Kontaktsperren ist dies nun die neue Einschränkung im Kampf gegen einen zweiten Lockdown. (Und ich schreibe das aus Berlin, dem neuen Hotspot Nr. 1 – hoch infektiös, aber sexy.)

Für die Hotels und Pensionen beginnen nach einem totenstillen Frühjahr und einem halb geretteten Sommer nun dunkle Tage und Wochen. Ein Bangen und Ringen zwischen dem ewigen Corona-Dilemma: Schutz des Lebens vs. Schutz der Existenz.

Drei Fragen schwingen immer mit: Sind die Einschränkungen angemessen oder überzogen? Kommt es zu einem bundesweiten Lockdown? Und ist die Situation mit zuletzt 4500 Infizierten pro Tag vergleichbar mit den Tagen im Frühjahr, als es ähnlich hohe Zahlen gab?

Um mal von hinten anzufangen: Die Zahlen sind nicht vergleichbar, was aber nicht heißt, dass sie nicht besorgniserregend sind. Vergleichbar sind sie nicht, weil wir mit 1,1 Millionen Tests pro Woche viel mehr Infizierte erfassen – bis in den Juli waren wir bei unter 500.000. (Es dürfte aber weiterhin eine Dunkelziffer nicht entdeckter Infizierter geben.)

Wir müssen auf alle Zahlen schauen

Die Ausbreitung beschleunigt sich allerdings. Seit Anfang Oktober in ganz Europa, und in Deutschland vor allem in der Fläche, der berühmte R-Faktor liegt über eins. Seit der Öffnung hatten wir in Deutschland vor allem mit regionalen Ausbrüchen zu kämpfen, etwa in einem Schlachthof oder bei einer privaten Feier. Das hat sich geändert. Es sind auch nicht mehr nur die berühmten „Reiserückkehrer“. Vor allem in Großstädten gelingt immer weniger die Kontaktverfolgung.

Die Positivrate, also der Anteil positiver Tests unter allen Proben, ist heute niedriger als im Frühjahr, doch sie steigt wieder kontinuierlich und liegt heute bei 1,6 Prozent, dem höchsten Wert seit Mitte Juni. Und es infizieren sich bereits mehr ältere Menschen, parallel steigt die Zahl der Menschen in Intensivbehandlung. Sie liegt mit knapp 500 aber immer noch unter den Werten der ersten Welle (und 8500 Intensivbetten sind leer).

Sie sehen, man kann die Zahlenexegese so weitertreiben, und sogar die obersten Virologen kommen zu unterschiedlichen Deutungen. RKI-Präsident Lothar Wieler macht sich „große Sorgen“ und rechnet bald mit 10.000 Fällen pro Tag. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck wiegelt ab und sagt: „20.000 Neuinfektionen pro Tag, das klingt erst mal nach Apokalypse, aber im Grunde sollte uns das keine Angst machen, weil ein milder Verlauf oder ein Verlauf ohne Symptome nicht so stark zum Infektionsgeschehen beiträgt.“ Man müsse eine „achtsame Normalität“ finden. Was bedeutet: Nicht allein auf eine Zahl (die der Neuinfektionen) dürfen wir starren, wir müssen auf alle Zahlen schauen.

Krisenmanagement nach Art des Länderfinanzausgleichs

Zur zweiten Frage: Ein bundesweiter Lockdown ist derzeit unwahrscheinlich, weil Deutschland auch in der ersten Welle keinen Lockdown hatte – sondern einen Shutdown: eine Stilllegung des öffentlichen Lebens (Schulen, Läden, Restaurants), allerdings keine Ausgangsbeschränkungen wie in Spanien, Italien oder Frankreich. Nun gilt: Die Büros werden sich wieder leeren, aber noch geräuschloser als im März. Die Fabriken werden weiterlaufen, die Exporte weiter ins Ausland strömen – ein Einbruch wie im Frühjahr ist nicht zu erwarten, auch wenn hinter der fragilen Erholung seit Mai immer ein Fragezeichen steht. Leiden müssen nun erneut die „kontaktintensiven“ Teile des Dienstleistungssektors (die für acht Prozent der Wirtschaftsleistung stehen).

Es wird also eher die mehr oder weniger koordinierten Gegenmaßnahmen und Einschränkungen geben – mit dem üblichen Bund-Länder-Hickhack, das uns oft verzweifeln lässt. Aber ein Zentralstaat ist auch keine Lösung (siehe Frankreich). Das Krisenmanagement läuft nun mal so wie Verhandlungen zum Länderfinanzausgleich, und wir sind ganz gut damit gefahren. Zumal wir jetzt mehr über das Virus wissen, besser behandeln können. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat es auf den Punkt gebracht: „Wir haben keine Ausbrüche beim Friseur.“ Also müssen wir Friseure auch nicht wieder schließen.

Damit sind wir bei der letzten Frage: der Angemessenheit. Es gehört zu dieser Krise, dass alle Krisenmanager und Experten stets in einen Rückspiegel und einen blinden Spiegel schauen – wir haben nicht alle Daten, und wir bekommen sie zeitverzögert. Das Beherbergungsverbot etwa kann in einigen Wochen überzogen wirken – aber erst mit dem Wissen aus dieser Zukunft kann man es beurteilen. Das führt zum Präventionsparadox: Wenn Sie eine wacklige Brücke verstärken und alle kommen sicher rüber, sagen die Leute dann: War doch gar nicht nötig, sie zu verstärken. Wenn also die Fallzahlen wieder sinken, werden manche sagen: Die Panik und die Maßnahmen vor den Herbstferien waren übertrieben (der typische Rückschaufehler).

Zwischen Blindspots und Hotspots treffen unsere Politiker komplizierteste Entscheidungen. Sie werden weiter Fehler machen. Wir werden weiter lernen. Aber wenn ich mir den Superpatienten Nr. 1 mit dem Genesungsturbo anschaue, der nun Millionen Amerikanern seinen Wundercocktail verspricht – ein bizarrer Totentanz, den Donald Trump da aufführt – nun, dann bin ich wieder dankbar, dass unsere Probleme anders gelagert sind, etwa wenn Thüringen aus dem Beherbergungsverbot der Bundesländer ausschert.

 


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