KolumneAufstand der Industrie gegen Trump

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Die Vorstände großer Konzerne neigen eher zum politischen Opportunismus als zum politischen Heldentum. Öffentliche Kritik an der eigenen oder an einer fremden Regierung ist so selten zu hören wie das Vaterunser in einer Versammlung von Atheisten. Gerade in den USA gilt die alte Devise: „The Business of Business is Business“. Die Kapitäne der Großindustrie melden sich höchstens dann politisch zu Wort, wenn es um ihre unmittelbaren Interessen geht. Und selbst dann mit höchst diplomatischen Floskeln.

Umso erstaunlicher ist der Aufstand der amerikanischen Industrie gegen Donald Trump, den wir in diesen Tagen erleben. Spätestens seit der Entscheidung des amerikanischen Präsidenten, das Pariser Klimaabkommen aufzukündigen, geht die Wirtschaftselite des Landes auf Distanz zu ihrem gewählten Staatsoberhaupt. Tesla-Chef Elon Musk und Disney-CEO Robert Iger verkündeten postwendend ihren Rückzug aus einem Beratungsgremium des Präsidenten. General-Electric-Chef Jeff Immelt ruft die amerikanische Wirtschaft dazu auf, den Klimaschutz nun in ihre eigene Hand zu nehmen.

Auch vom Autoriesen Ford und vom Chemiegiganten Dow Chemical – beide seit Jahrzehnten Pfeiler der amerikanischen Industrie – kommen deutliche Worte. Und sogar aus den konservativen Banken, die sich sonst besonders mit politischen Kommentaren zurückhalten, hört man erstmals harte Kritik an der Politik Trumps. Der Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, nennt die Klimapolitik des Präsidenten einen „Rückschlag für die amerikanische Führungsposition in der Welt“.

Nichts ist unmöglich unter Trump

Der Rückzug aus dem Pariser Klimapakt ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. In allen großen Konzernen, die Geschäfte in den USA machen, wächst die Sorge über die unberechenbare Politik Trumps. Nichts fürchten Investoren mehr als erratische Entscheidungen, die sich nicht im Voraus kalkulieren lassen. Der Präsident legt einen Politikstil an den Tag, den man mit einem alten Werbespruch von Toyota auf den zynischen Begriff bringen könnte: Nichts ist unmöglich. Viele deutsche Unternehmer sehen Trump inzwischen nicht nur als einen Risikofaktor für ihr Amerika-Geschäft, sondern als Unsicherheitsposten für die gesamte Weltkonjunktur. So etwas gab es in der Nachkriegsgeschichte noch nie.

In den ersten Tagen nach Trumps Amtsantritt hofften viele Unternehmen auf Steuersenkungen und Deregulierung – beides Wahlkampfversprechen des Präsidenten. Diese Erwartung treibt immer noch die amerikanische Börse an. Mit jeder neuen Volte Trumps aber verblasst diese Hoffnung ein Stück mehr. Weil sich der Präsident als weitgehend lernunfähig erwiesen hat, bleibt der Wirtschaft nichts Anderes als Widerstand. Wandel durch Anbiederung ist keine Option mehr. Das sollten sich auch einige deutsche Unternehmer klar machen wie Siemens-Chef Joe Kaeser, die in den vergangenen Monaten den Schulterschluss mit Trump suchten und sich dabei doch nur ihr eigenes Rückgrat verbogen haben.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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